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Der Staat der Konzerne hat uns besiegt PDF Drucken E-Mail
Ausland
Geschrieben von: Chris Hedges - www.truthdig.com - www.luftpost-kl.de   
Dienstag, den 10. Mai 2011 um 11:24 Uhr

http://www.anunews.net/blog/wp-content/uploads/2011/05/aa-corporate-state-pledge-allegiance.gifDer US-Journalist Chris Hedges hält die Herrschaft der US-Konzerne über die USA für un - umkehrbar und macht erste Vorschläge für einen Neuan fang nach dem zu erwartenden Staatsbankrott.

Wann ist unsere Demokratie gestorben? Wann hat sie sich unwiderruflich in eine leblose Farce und ein absurdes politisches Theater verwandelt? Wann sind die Presse, die Ge­werkschaften, die Universitäten und die Demokratische Partei - die einmal für schrittweise Reformen eintraten - verdorrt und verkümmert? Wann ist die Hoffnung, durch Wahlen sei­en Veränderungen zu bewirken, zur reinen Wunschvorstellung geworden? Wann hat sich die Erblast des von Konzernen beherrschten Staates als unabänderlich erwiesen?

Unser Staatswesen erlitt während der langen und langsamen Strangulierung fortschrittli­cher Ideen in der Zeit der Kommunistenjagd (während der McCarthy-Ära, s. http://de.wiki­pedia.org/wiki/McCarthy-%C3%84ra ) und im Kalten Krieg tödliche Verwundungen. Der Krieg gegen den Terror, das illegitime Kind des Kalten Krieges, hat die Ikonographie (die Deutung von Werken und Ereignissen) und die Sprache des endlosen Krieges und der (damit erzeugten) Angst geerbt. Der Kampf gegen (erfundene) innere und äußere Feinde diente als Rechtfertigung dafür, dass immer mehr Billionen des der Regierung von den Steuerzahlern zur Verfügung gestellten Geldes in die Rüstungsindustrie flossen, dass die Bürgerrechte eingeschränkt und die Sozialausgaben gekürzt wurden. Skeptiker, Kritiker und Andersdenkende wurden verspottet oder ignoriert. Das FBI, die Heimatschutz-Behör­de und die CIA setzten die ideologische Gleichschaltung durch.

Die Diskussion über die Ausuferung des US-Imperiums wurde tabuisiert. Durch eine ständig ausgeweitete Ge­heimhaltung, eine fortschreitende Übertragung der Zuständigkeit für unsere Staatsangele - genheiten an spezialisierte Eliten und das immer tiefere Eindringen des Staates in das Pri­vatleben der Bürger wurden wir dazu gebracht, totalitäre Praktiken zu akzeptieren. 

Shel­don Wolin (s. http://www.ou.edu/cas/psc/wolin.htm ) weist in seinem Buch "Democracy In­corporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism" (Konzernde­mokratie: Gesteuerte Demokratie und das Gespenst des invertierten Totalitarismus, s. http://press.princeton.edu/titles/8606.html ) nach, dass die Machtausübung der Konzerne, die er als "invertierten Totalitarismus" bezeichnet, nicht vergleichbar ist mit einem schlag­artigen Machtwechsel, wie er in (Hitlers) "Mein Kampf" oder im (von Karl Marx und Fried­rich Engels verfassten) "Manifest der Kommunistischen Partei" dargestellt wird. Sie er­wuchs, wie Wolin schreibt, aus "einer Reihe von Einwirkungen, die durch Aktionen oder Praktiken entstanden, deren schwerwiegende Konsequenzen man aus Ignoranz nicht er­kannte".

Der von Konzernen geprägte Kapitalismus konnte sich - weil er im Kalten Krieg als Boll­werk gegen den Kommunismus gefeiert wurde - fortschreitend von Eingriffen der Regie­rung und gesetzlichen Einschränkungen befreien. Er wurde als das beste aller Wirtschafts­systeme verkauft und von jeder sozialen Verantwortung entbunden. Alle Aktivitäten, die sein weiteres Wachstum behinderten - die Entflechtung von Konzernen, die Mitwirkung von Gewerkschaften und jede Art von Regulierung - wurden als Schritte zum Sozialismus und zur Kapitulation verdammt. Jeder Konzern entwickelte sich zu einem despotisch ge­führten Unternehmen, zu einer Minidiktatur. Und am Ende hatten Wal-Mart, Exxon Mobil und Goldman Sachs ihre totalitären Strukturen auch dem Staat aufgezwungen.

Der Kalte Krieg hinterließ uns auch die Spezies der Neoliberalen. Für überzeugte Neolibe­rale ist die "nationale Sicherheit" das höchste aller Güter. Sie setzen sich hauptsächlich aus naiven oder zynischen Karrieristen zusammen, die wie Papageien das Mantra vom endlosen Krieg und vom Kapitalismus der Konzerne als Grundvoraussetzungen für den Fortschritt der Menschheit nachplappern. Die Neoliberalen versichern uns immer wieder, nur durch die Globalisierung sei die Utopie von einer glücklichen Welt zu realisieren. Das US-Imperium werde mit seinen Kriegen die Voraussetzungen für das Aufblühen der erha­benen menschlichen Werte schaffen. Auch der erst kürzlich als Lügner entlarvte Autor Greg Mortenson (s. http://travel.usatoday.com/destinations/dispatches/post/2011/04/60-  minutes-challenges-three-cu ps-of-tea-author-greg-mortenson/1 65268/1 und http ://en .wi ki­pedia.org/wiki/Greg_Mortenson ), der das Buch "Three Cups of Tea" (Drei Tassen Tee) veröffentlicht hat, verkündet diese Botschaft. Der Tod von Hunderttausenden unschuldiger Menschen im Irak und in Afghanistan wird ignoriert oder als Preis des Fortschritts gerecht­fertigt. Dafür hätten die USA die Demokratie in den Irak gebracht, die afghanischen Frau­en befreit und ihnen den Weg in die Schulen geebnet, die Hassprediger im Iran in die Schranken gewiesen, die Welt vor Terroristen bewahrt und Israel beschützt.. Diejenigen, die diesen Behauptungen widersprechen, täten das zu Unrecht. Sie müssten noch über­zeugt werden. Diese Thesen sind alle der Fantasie entsprungen, weil die Untaten der USA nicht als solche bezeich net werden dürfen.

Wenden wir uns den Präsidenten Ronald Reagan, Bill Clinton, George W. Bush und Ba­rack Obama zu. Diese Staatsoberhäupter waren und sind wie unsere gewählten Reprä­sentanten im Kongress eigentlich völlig irrelevant. Lobbyisten formulieren die Gesetze. Lobbyisten sorgen dafür, dass sie auch verabschiedet werden. Lobbyisten sichern Kandi­daten, die gewählt werden sollen, durch Finanzierung ihres Wahlkampfes ab. Lobbyisten verschaffen ausscheidenden Amtsträgern passende Posten. Die Staatsmacht liegt in Wirk­lichkeit in den Händen der winzigen Elite der Konzernmanager. Jacob S. Hacker und Paul Pierson weisen in ihrem Buch "Winner-Take-All Politics" (Politik nur für die Superreichen, s. http://www.economist.com/blogs/democracyinamerica/2010/09/winner-take-all_politics ) darauf hin, dass der Anteil am Nationaleinkommen, über den die 0,1 Prozent superreichen US-Amerikaner verfügen, seit 1974 von 2,7 auf 12,3 Prozent gewachsen ist. Zur Zeit hat jeder sechste Arbeiter in den USA keinen Job. Etwa 40 Millionen US-Amerikaner leben of­fiziell in Armut, und noch viele Millionen mehr sind in die Kategorie "von Armut bedroht" einzuordnen. Sechs Millionen Menschen fürchten wegen Zwangsversteigerungen oder der Kündigung von Bankdarlehen den Verlust ihrer Häuser. Während die Masse der US-Ame­rikaner leidet, hat das Finanzinstitut Goldman Sachs, eine der Banken, die hauptsächlich dafür verantwortlich sind, dass kleine Kapitalanleger und Aktionäre 17 Billionen Dollar an Löhnen, Ersparnissen und Wertpapier-Besitz verloren haben, seine Manager gerade mit Bonuszahlungen in Höhe von insgesamt 17,5 Milliarden Dollar beglückt; Generaldirektor Loyd Blankfein konnte allein 12,6 Millionen Dollar einstreichen.

Hacker und Pierson zeigen auf, dass diese massive Umverteilung des Reichtums nur da­durch möglich wurde, dass ausschließlich Abgeordnete und Regierungsvertreter ausge­sucht und gefördert wurden, die das zuließen. Dazu war kein Komplott erforderlich. Diese Entwicklung verlief völlig transparent. Es war noch nicht einmal die Gründung einer neuen Partei oder einer politischen Bewegung notwendig. Diese Entwicklung ist das Ergebnis der Trägheit unserer Politiker und Intellektuellen, die entweder selbst vom Machtzuwachs der Konzerne profitierten oder einfach wegschauten. Die Armeen von Lobbyisten, die unsere Gesetze formulieren und Wahl- und Propagandakampagnen finanzieren, sind auch in der Lage, die Wähler zu manipulieren. Für Hacker und Pierson beginnt der Niedergang (unse­rer Demokratie) unter Jimmy Carter; für mich hat er lange vorher begonnen - mit Woo­drow Wilson, mit der Ideologie vom endlosen Krieg und mit der Fähigkeit der Werbebran­che, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Weil das Sterben eines Imperiums so lange dauert, ist der Zeitraum, in dem der Zerfallsprozess irreversibel wurde, wahrscheinlich überhaupt nicht zu bestimmen. Dass es jetzt aber mit den USA zu Ende geht, kann nie­mand mehr bezweifeln.

Die Rhetorik der Demokratischen Partei und der Neoliberalen nährt (auch heute noch) die Illusion einer partizipatorischen (vom Volk beeinflussbaren) Demokratie (s. http://de.wiki­pedia.org/wiki/Partizipatorische_Demokratie ). Die Demokraten und ihre liberalen Befür­worter bieten wirkungslose "Schmerzmittel" und beruhigende Sprüche an, um die grausa­men Absichten des von den Konzernen beherrschten Staates zu kaschieren. Die Um­wandlung der USA in einen neofeudalistischen Staat wird vollzogen werden, unabhängig davon, ob ihn die Demokraten 60 Meilen pro Stunde oder die Republikaner mit 100 Meilen pro Stunde ansteuern. Wolin schreibt dazu: "Indem die Demokratische Partei unter den machtlosen Klassen die Illusion nährt, sie vertrete vor allem deren Interessen, sorgt sie dafür, dass die Massen ruhig bleiben und definiert damit auch die Rolle einer (angebli­chen) Oppositionspartei in einem invertierten totalitären System." Die Demokraten schaf­fen es immer wieder, sich als "das kleinere Übel" darzustellen, tun in Wirklichkeit aber kaum etwas, um den Marsch in einen Staat aufzuhalten, der von einem Kollektiv von Kon­zernen beherrscht wird.

Unser Informationssystem, das die Konzerne besitzen und beherrschen, speist die Öffent­lichkeit mit Klatsch über Berühmtheiten, Berichten über lokale Trivialitäten und purer Un­terhaltung ab. Es gibt keine informativen Nachrichten oder intellektuelle Foren für politi­sche Diskussionen und echte Debatten. Die Moderatoren (der TV-Sender) Fox, MSNBC oder CNN servieren uns immer wieder dumme Statements von Sarah Palin oder Donald Trump. Sie informieren uns ständig über neue Marotten eines Mel Gibson oder Charlie Sheen. Oder sie verschaffen den (angeblich oder wirklich) Mächtigen die Möglichkeit, di­rekt zu den Massen zu sprechen. Das ist doch ein albernes Possenspiel.

Dabei wünschen sich die Menschen in Wirklichkeit eine gute Gesundheitsfürsorge, Be­schäftigungsprogramme (für Arbeitslose) und ein qualitativ anspruchsvolles Bildungssys­tem; sie wollen auch, dass die Plünderung der US-Staatsfinanzen durch die Wall Street endlich aufhört. Die meisten Umfragen belegen das. Aber für die meisten Bürger ist es un­möglich geworden, herauszufinden, was sich in den Zentren der Macht wirklich abspielt. Bekannte Fernsehmoderatoren lassen pflichtbewusst zu jedem Problem zwei Gesprächs­partner mit unterschiedlichen Meinungen zu Wort kommen, die häufig beide lügen. Der Zuschauer kann dann glauben, was er will. Nichts wird wirklich (von allen Seiten) beleuch­tet oder erklärt. Die Parolen der Republikaner oder Demokraten werden für bare Münze genommen. Sobald die Fernseher ausgeschaltet sind, gehen die Politiker wieder ihrem Hauptgeschäft nach, das darin besteht, den Geschäftemachern zu Diensten zu sein.

Wir leben in einer zerrütteten Gesellschaft. Wir wissen nicht mehr, was mit uns geschieht. Wir lassen uns von einem absurden politischen Theater täuschen. Wir haben Angst vor Terroristen und fürchten, unseren Job zu verlieren oder mit abweichenden Meinungen un­angenehm aufzufallen. Wir sind politisch desinteressiert oder gelähmt. Wir stellen weder die Staatsreligion des Patriotismus, noch den Krieg gegen den Terror oder das Militär und unseren Polizeistaat in Frage. Wir werden von der Heimatschutzbehörde wie Schafe durch die Flughäfen getrieben. Und wenn wir die Metalldetektoren und Körperscanner hinter uns haben, spenden wir den uniformierten Männern und Frauen (die sie bedienen) auch noch spontan Beifall. Weil wir uns immer unsicherer und bedrohter fühlen, werden wir auch immer ängstlicher. Wir lassen uns immer stärker unter Konkurrenzdruck setzen und sehnen uns nach Stabilität und Sicherheit. Das ist der Geist, der in allen totalitären Systemen herrscht. Jeder (eingeschüchterte) Bürger wünscht sich schließlich nur noch, sicher zu sein und in Ruhe gelassen zu werden.

Die Geschichte der Menschheit ist keine Chronik über Freiheit und Demokratie, sie ist eher von skrupelloser Herrschsucht geprägt. Unsere Eliten haben getan, was alle Eliten tun. Sie haben raffinierte Mechanismen entwickelt, um den Menschen ihre wichtigsten Er­wartungen auszureden; nachdem sie erst die Arbeiterklasse entmachtet haben, sind sie jetzt dabei, auch der Mittelklasse ihre Rechte zu nehmen. Sie halten uns ruhig, weil das ih­ren Interessen dient. Die kurze Phase am Anfang des 20. Jahrhunderts, in der sich unsere Gesellschaft dank fortschrittlicher Bewegungen, (starker) Gewerkschaften und einer muti­gen Presse in Richtung Demokratie zu entwickeln begann, ist schon lange wieder vorbei. Mit politischem Affentheater, billigen Konsumgütern und vorgegaukelter Teilhabe wurden wir eingel ullt und rücksichtslos unserer M itwirkungsmöglichkeiten beraubt.

Das Spiel ist aus. Wir haben verloren. Der Konzerne werden ihre Macht über unseren Staat unaufhaltsam ausweiten, bis sie zwei Drittel der Bevölkerung zu einer verzweifelten, wehrlosen Unterklasse geknechtet haben. Die meisten US-Amerikaner werden ums nack­te Überleben kämpfen müssen, während Bankmanager wie Blankfein (s. http://de.wikipe­dia.org/wiki/Lloyd_C._Blankfein ) und unsere politischen Eliten in Refugien, die der Verbo­tenen Stadt (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Verbotene Stadt ) oder Versailles ähnel n, ihre Dekadenz und Habgier ausleben. Diese Eliten haben keine Visionen. Sie haben nur ein Ziel: noch mehr Geld. Sie werden fortfahren, unser Land, die Weltwirtschaft und das Öko­system auszubeuten. Und sie werden ihr Geld benutzen, um sich in bewachten Ghettos einzuschließen, wenn ihr System implodiert. Hoffen Sie nicht darauf, dass sie auf uns Rücksicht nehmen werden, wenn alles zusammenbricht. Wir werden auf uns selbst auf­passen müssen. Wir werden kleine, klösterliche Gemeinschaften bilden müssen, um über­leben und uns ernähren zu können. Wir werden unsere geistigen, kulturellen und morali­schen Werte, die der Staat der Konzerne auszulöschen versucht hat, am Leben erhalten müssen. Wir müssen es versuchen, wenn wir nicht zu Drohnen oder Sklaven unter einer globalen Schreckensherrschaft der Konzerne werden wollen. Wir haben keine andere Wahl, aber wenigstens bleibt uns noch diese.

(Wir haben den Artikel, der keines Kommentars bedarf, komplett übersetzt und mit Ergän­zungen und Links in Klammern versehen. Inform ationen über den Autor Chris Hedges sind aufzurufen unter http://en.wikipedia.org/wiki/Chris_Hedges . Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)

http://www.truthdig.com/report/item/the_corporate_state_wins_again_20110425/

 

http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_11/LP07911_090511.pdf
 

Kommentare   

 
klaus mair
0 #1 klaus mair 2012-10-29 13:45
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