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Wie Griechenland von der Regierung Merkel in den Kollaps getrieben
wurde - und wieso sich die Hölle von Hellas bald überall auftun könnte.
Wir erleben mitten in Europa gerade richtig großes Krisenkino. Der
Film, der sich in ewiger Wiederholung vor unser aller Augen entfaltet,
gleicht einer perversen Interpretation des Klassikers „Und täglich grüßt das Murmeltier":
Griechenland scheint in einer desaströsen Zeitschleife gefangen, in der
immer wieder dieselbe Krisenspirale abgespult wird. Immer wieder
nötigen Berlin und Brüssel die griechische Regierung zu drastischen
„Sparpaketen", um die ausartende Verschuldung des Landes abzubauen. Im
Gefolge dieser verheerenden Kahlschlagswellen bricht die private und
staatliche Nachfrage ein, wodurch die seit Jahren andauernde Rezession
verstärkt, und das Heer der griechischen Arbeitslosen vergrößert wird.
Dadurch sinken die Steuereinnahmen des griechischen Staates, während
seine Ausgaben aufgrund der anschwellenden Arbeitslosigkeit steigen. Das
Ergebnis: trotz „Sparprogrammen" steigt das Haushaltsdefizit Athens
weiter an, abermals müssen auf Druck der deutschen Regierung harte
Steuererhöhungen, Lohnsenkungen und Massenentlassungen in Griechenland
gegen den verzweifelten Widerstand der Bevölkerung durchgesetzt werden -
und das sadistische Spielchen fängt von vorne an.
Griechenland wird derzeit auf Betreiben
Berlins buchstäblich in den gesellschaftlichen Kollaps „gespart",
während in der deutschen Öffentlichkeit das evidente Scheitern dieser
von der Regierung Merkel durchgesetzten Austeritätsstrategie mit
Verbissenheit ignoriert wird. Das öffentliche historische Gedächtnis
schein inzwischen auf einen Zeitraum von wenigen Wochen geschrumpft, und
kaum jemand nimmt noch die Zeitschleife wahr, in der sich die
europäische Krisenpolitik dreht. Stattdessen wird an deutschen
Stammtischen und in Boulevardzeitungen auf die Vetternwirtschaft und
Steuerflucht in Hellas verweisen, was doch angesichts der deutschen
Realitäten, die von jährlichen Steuerhinterziehungen von rund 30 Milliarden Euro
und einem gerade wegen Vetternwirtschaft zurückgetretenen Präsidenten
geprägt sind, doch recht skurril anmutet.
Zuletzt setzte eine weitere
Abfolge dieser sozioökonomischen Todesspirale nur einen Tag nach der
Einigung über ein weiteres „Hilfspaket" für Griechenland ein. In der
vergangenen Woche gab die Regierung in Athen bekannt, dass das
griechische Haushaltsdefizit in diesem Jahr mit 6,7 Prozent mal wieder
höher ausfallen werde als prognostiziert (5,4 Prozent), da die Rezession
immer mehr an Schärfe gewinne.
Damit verliert das gesamte Maßnahmenpaket der EU zur Stabilisierung
Griechenlands, dass nach langen und aufreibenden Verhandlungen am 21.
Februar beschlossen und kürzlich vom Bundestag abgesegnet wurde, seine
haushaltspolitische Grundlage. Laut der in Brüssel nach monatelangen
Verhandlungen erzielten Vereinbarung sollten Griechenland in den
kommenden Jahren 130 Milliarden Euro an weiteren Krisenkrediten zur
Verfügung gestellt werden, um den abermaligen Staatsbankrott zu
verhindern. Die Gläubiger sollen formell auf 53,5 Prozent ihrer
Forderungen gegenüber Athen verzichten, wodurch die Staatsverschuldung
Griechenlands trotz der andauernden Rezession von 160 Prozent des BIP
auf 120 Prozent im Jahr 2020 gesenkt werden sollte. Damit würde somit
der Schuldenberg in Griechenland auf ein Niveau absinken, das Athen vor
Beginn der "Sparmaßnahmen" in 2008 aufwies.
Der in bundesdeutschen Medien irrwitzigerweise als „zweites
Rettungspaket" bezeichneter Maßnahmenkatalog treibt den offensichtlich
gescheiterten sadistischen Sparterror gegen Athen ins extrem, indem
zusätzliche Auflagen die haushaltspolitische Souveränität der
griechischen Regierung beschränken. Athen wird künftig permanent von
einer „Expertengruppe" der EU-Kommission und des IWF überwacht werden.
Zudem muss Griechenland künftig auf deutschen Druck Gelder auf ein
Sperrkonto überweisen, auf das die Regierung in Athen keinen Zugang
haben wird. Auf diesem Konto müssen ausreichende Finanzmittel für die
Tilgung der griechischen Verbindlichkeiten eingezahlt werden, die
innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten fällig we4rden. Somit hat
sich die deutsche Regierung mit ihrer Forderung weitgehend durchgesetzt,
künftig dem Schuldendienst in Griechenland die oberste Priorität
einzuräumen.
Auch dieses Maßnahmenpaket geht mit einer Reihe brutaler, sadistischer Sparmaßnahmen einher,
deren Durchsetzung ja insbesondere der deutschen Politikkaste ein
Herzensanliegen ist: Rund 1,1 Milliarden soll Griechenland - wo
inzwischen Diabetiker Probleme haben, an Insulin zu kommen
- bei den Arzteimittelkosten einsparen. Die Renten werden um 15
Prozent gekürzt, während der Mindestlohn von 751 Euro um 22 Prozent
gesenkt wird - bei Jugendlichen und jungen Erwachenden bis 25 Jahre sind
es sogar 32 Prozent. Im öffentlichen Dienst Griechenlands werden
weitere 150 000 Menschen ihre Anstellung verlieren.
Hierbei handelt es sich inzwischen um die fünfte große Kahlschlagsrunde,
die auf deutschen Druck in Athen exekutiert wird. Milliardenschwere
Austeritätsmaßnahmen (inklusive Lohn-, Renten-, und Sozialkürzungen,
sowie Steuererhöhungen) wurden bereits im März 2010, Mai 2010, Juni 2011
und September 2011 durchgesetzt. Jedes Mal wurden die intendierten
Spareffekte und Mehreinnahmen durch den sich beschleunigenden
Wirtschaftsverfall vereitelt, der zu einem Einbruch der Staatseinnahmen
führt. Jedes Mal insistierte Berlin auf weitere, noch härtere
Sparpakete. Inzwischen befindet sich Griechenland seit 2009 permanent in
einer Rezession, wobei die letzten „Sparpakete" den Abschwung in 2011
noch auf den Rekordwert von 6,8 Prozent beschleunigten. Infolge dieser
Dauerrezession stieg die Erwerbslosigkeit in Griechenland von rund
sieben Prozent in 2008 auf inzwischen 20,9 Prozent. Die von
Kleinbetrieben geprägte und auf den Binnenmarkt ausgerichtete
griechische Industrieproduktion kollabierte um rund ein Drittel aufgrund
der im Krisenverlauf um rund die Hälfte einbrechenden Inlandsnachfrage.
Der deutsche Sparterror und die rasch anschwellende
Massenarbeitslosigkeit ließen die Arbeitnehmerentgelte um 22 Prozent
einbrechen, was zum fortschreitenden Kollaps der Nachfrage und beitrug:
Die Einzelhandelsumsätze sanken in Hellas seit Krisenausbruch in 2008 um
rund die Hälfte, selbst der Umsatz mit Lebensmittels ging um 35 Prozent zurück!
Dabei waren die Sparmaßnahmen in Griechenland trotz gegenteiliger
Behauptungen in den deutschen Medien durchaus „erfolgreich", wie es an
der Entwicklung des sogenannten Strukturellen Staatsdefizits in
Griechenland ersichtlich wird. Beim strukturellen Defizit werden die
konjunkturellen Einflüsse auf den Haushalt herausgerechnet: Zwischen
2009 und 2011 wurde dieses strukturelle Staatsdefizit in Athen um
gewaltige 11,4 Prozent des BIP abgesenkt, während es in Spanien rund 6,2
Prozent und in Irland nur vier Prozent waren. Zum Vergleich: in den
vier Jahren nach Implementierung der „Agenda 2010" sank das strukturelle Haushaltsdefizit
in Deutschland um gerade mal 2,6 Prozent. Griechenland hat sein
strukturelles Staatsdefizit somit in drei Jahren mehr als vier Mal so
stark verringert als Deutschland in vier Jahren während der hierzulande
durchgeführten Sozialdemontage und Prekarisierung des Arbeitslebens.
Dieser Effekt ist nur deswegen beim griechischen Haushalt nicht
wahrnehmbar, weil die Dauerrezession die Steuereinnahmen Athens
kollabieren lässt.
Die Durchsetzung des abermaligen Sparpakets in Hellas ging mit einer
Eskalation der Spannungen zwischen Berlin und Athen einher. Für Wut und
Empörung sorgen die Forderungen deutscher Politiker nach Aushöhlung der
staatlichen Souveränität Griechenlands.
Neben der Forderung nach der haushaltspolitischen Entmachtung Athens -
die mit der Einführung des besagten Sperrkontos größtenteils realisiert
wurde -, brachten Forderungen des Deutschen Finanzministers Wolfgang
Schäuble nach einer Verschiebung der für April eingesetzten
Parlamentswahlen die griechische Öffentlichkeit in Rage. Der greise
griechische Präsident Karolos Papoulias, der sich während des Zweiten
Weltkriegs als 14-jähriger den Widerstand gegen die deutschen Besatzer
anschloss, kritisierte hiernach öffentlich Schäuble: „Ich lasse nicht
zu, dass Herr Schäuble meine Heimat beleidigt." Die Schuldenkrise treibe
„einen immer tieferen Keil zwischen Athen und Berlin", bemerkte jüngst
selbst das Handelsblatt, da viele Griechen der Ansicht seinen, dass der
„der deutsche Sparkurs" sie in die Armut treibe.
In Deutschland wiederum gewinnt inzwischen das Bemühen Oberhand,
Griechenland möglichst günstig zu entsorgen, nachdem das Land aufgrund
der kollabierenden Wirtschaft nicht mehr als Absatzmarkt deutscher
Exporte fungieren kann. Inzwischen sprechen sich auch Spitzenvertreter
der deutschen Kapitalverbände dafür aus, Hellas aus der Eurozone
auszuschließen: Griechenland sei „marode und in einer
Solidargemeinschaft eine untragbare Belastung", polterte etwa der
Bosch-Chef Franz Fehrenbach gegenüber dem „Manager Magazin".
Einer Umfrage des Wirtschaftsmagazins zufolge wünschen sich inzwischen
57 Prozent von 300 befragten Funktionsträgern aus dem deutschen
Spitzenmanagement, dass Griechenland wieder „die Drachme einführt." Der Präsident des deutschen Unternehmerverbandes BDI, Hans-Peter Keitel, bezeichnete die neuen Austeritätsmaßnahmen als eine „letzte Chance" für Griechenland.
Dabei bildet Griechenland nur den bisherigen Extremfall einer von Berlin
der gesamten Eurozone oktroyieren Austeritätspolitik, die mit dem von
Kanzlerin Merkel durchgesetzten „Fiskalpakt" - der die europaweite
Einführung von deutschen Schuldenbremsen vorsieht - die knallharte
Sparpolitik im gesamten Währungsraum institutionalisiert. Inzwischen
sind nahezu alle Länder Europas auf einem strikten Sparkurs
umgeschwenkt, was sich in der aufziehenden Rezession in der Eurozone
bemerkbar macht. In den Letzten drei Quartalen von 2011 sank das BIP im
Euroraum um 0,3 Prozent, während die Industrieproduktion sogar um 1,1 Prozent nachgab (jeweils gegenüber dem Vorjahreszeitraum). Die Arbeitslosigkeit verharre in der Eurozone auf dem historischen Spitznwert von 10,4 Prozent.
Von diesem Abschwung sind insbesondere die südeuropäischen Länder
betroffen, die auf deutschen Druck bereits umfassende
Austeritätsmaßnahmen eingeleitet haben.
Der Abwärtssog hat sich insbesondere in Italien - der drittgrößten
Volkswirtschaft der Eurozone - verstärkt, das einen Wirtschaftseinbruch
von 0,7 Prozent im letzten Quartal 2011 erlitt, nach einem Rückgang von
0,2 Prozent im zweiten Trimester. Der auf Druck Berlins und Paris in Rom
eingesetzte Regierungschef Mario Monti hat einen harten Sparkurs
eingeschlagen, der zu der beschleunigten Kontraktion südlich der Alpen
entscheidend beiträgt - und die Arbeitslosigkeit binnen eines Jahres um
einen knappen Prozentpunkt auf 8,9 Prozent anschwellen ließ.
Ungleich dramatischer gestaltet sich die Lage bereits in Portugal, wo
der maßgeblich von der Regierung Merkel durchgesetzte Sparterror - der
im Gegenzug für die Krisenkredite der EU und des IWF vom vergangenen Mai
exekutiert wurde - weitaus länger seine verheerende Wirkung entfalten
konnte. Die Wirtschaftsleistung Portugals sank im vierten Quartal um 1,5
Prozent gegenüber dem Vorquartal, und um 2,7 Prozent gegenüber dem
Vorjahreszeitraum. Der harte Sparkurs in Lissabon ließ aufgrund
wegbrechender Massennachfrage auch die Arbeitslosigkeit binnen eines
Jahres um 1,2 Prozent auf 13,6 Zähler ansteigen, während er zugleich
aufgrund wegbrechender Steuereinnahmen die Schulden Portugals
anschwellen ließ: Bei erhalt des „Hilfspaketes" der EU und des IWF
betrug der Staatsschuldenstand Portugals 107 Prozent des BIP, derzeit
sind es 118 Prozent. Dem Land droht somit eine ähnliche wirtschaftliche
Todesspirale aus Rezession, fallenden Steuereinnahmen und ausartender
Verschuldung, in die auch Griechenland von der deutschen Regierung
getrieben wurde.
In Spanien, der viertgrößten Wirtschaft der Eurozone, gingen am
vergangenen Sonntag Hunderttausende auf die Straßen, um gegen neue
Arbeitsmarktreformen zu protestieren, die eine weitgehende Entrechtung
der Lohnabhängigen und eine umfassende Prekarisierung des Arbeitslebens
durchsetzen sollen. Die Arbeitslosigkeit in Spanien stieg aufgrund der
diversen Sparmaßnahem binnen eines Jahres von 20,4 im Dezember 2010 auf
den mit 22,9 Prozent europaweit höchsten Wert. Die Wirtschaft auf der
Iberischen Halbinsel ging sich nach einer Phase der Stagnation ebenfalls
gegen Jahresende in den Abschwung über, der 0,3 Prozent erreichte. Auch
Irland, von vielen neoliberalen Apologeten als Musterbeispiel
gelungener Austeritätspolitik gehandelt, verzeichnete laut Eurostat
einen kräftigen Wirtschaftseinbruch von 1,9 Prozent im zweiten Quartal
2011 - bei einer Arbeitslosigkeit von 14,5 Prozent.
Die Krise strahlt aber inzwischen auch auf das Zentrum Europas aus: Die
europäische Hegemonialmacht Deutschland musste einen Rückgang des BIP um
0,2 Prozent hinnehmen. In Österreich setzte eine Kontraktion von 0,1
Prozent ein. Die Niederlande befinden sich bereit in Rezession, nachdem
die dortige Wirtschaft im zweiten Quartal infolge um 0,7 Prozent
schrumpfte. Einzig das im Wahlkampf befindliche Frankreich konnte einen
leichten Aufschwung von 0,2 Prozent verzeichnen. Wird der eiserne
deutsche Sparkurs europaweit weiterhin - trotz wachsenden Widerstand von
südlichen Euroländern wie Spanien
- durchgepeitscht, droht die destruktive Zeitschleife, in der
Griechenland zermalmt wird, auf ganz Europa auszugreifen. Der gesamte
Kontinent wird dann in griechische Verhältnisse abzurutschen.
Griechenland wird dann überall sein - und diesem Krisensog wird sich
auch Deutschland nicht entziehen können.
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