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Kapital befürchtet Einbußen durch Klimakatastrophe PDF Drucken E-Mail
01.11.2006 - bisherige Aufrufe: 2053

der letzte macht das licht aus.jpgKonkurrenz verhindert Abschwächung des Klimawandels

Im Auftrag der britischen Regierung präsentierte der ehemalige Chef-Volkswirt der Weltbank, Nicholas Stern, die sogenannte „Stern-Review zur Ökonomie des Klimawandels“.

Die Studie sollte die wirtschaftlichen Bedrohungen des Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten erfassen. In den nächsten 100 Jahren wird ein globaler Temperaturanstieg von 6 Grad Celsius erwartet. Der Klimawandel, der mit diesem Temperaturanstieg einher geht wird weltweite Verwüstungen und unermeßlichen wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Die Folgen sind seit Jahrzehnten – spätestens aber seit den 80er Jahren als Wissenschaftler und Linke auf die Gefahren aufmerksam machten - weitgehend bekannt: Hunger, Dürre und Verwüstung.

Anstieg des Meeresspiegels, Überschwemmungen, Aussterben der Arten in Flora und Fauna von 40 bis 50 %. Ganze Regionen drohen durch Flutkatastrophen unterzugehen, Flüchtlingskatastrophen mit bis zu 220 Millionen Flüchtlingen aus den betroffenen Regionen werden erwartet und vieles mehr. Ein weiteres Ansteigen von Krankheiten wie Erkrankungen der Atemwege oder Hautkrebs gehören ebenfalls zu den erwarteten Problemen.

Zudem werden extremere Wetterverhältnisse und –umschwünge erwartet. Heißere Sommer und kältere Winter könnten eine Folge sein.

crumbschlechtezukunft.jpgDas Kapital entdeckt das Thema Klima

Die Studie erwartet Verwüstungen und wirtschaftlichen Schaden in einem riesigen Ausmaß. Ein Schaden vergleichbar mit dem durch den zweiten Weltkrieg verursachten Schaden wird erwartet. Der Vergleich ist recht treffend, denn seit Jahrzehnten wird dem Klima zunehmend rücksichtslos Schaden zugefügt, um die Profitinteressen des Kapitals zu befriedigen. Der Schaden, der den Massen auf der Welt dadurch zugefügt wird, grenzt an einen unerklärten Krieg der Profitgeier gegen die kleinen Leute.

Der Hunger der Massen, die Flüchtlingsströme, die Verzweiflung und das Aussterben der Arten ist den Industrie- und Wirtschaftsbossen jedoch recht egal. Was ihnen aber Sorge bereitet ist, dass die Profite unter dem Klimawandel leiden werden.

Die Kosten für die Wirtschaft werden von Stern bis 2050 auf etwa 5,5 Billionen Euro beziffert. Das weltweite Bruttosozialprodukt wird um ein fünftel einbrechen. Laut Studie droht die Weltwirtschaft in eine Depression abzugleiten, die stärker sei, als die Depression am Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Das größte Marktversagen, das die Welt gesehen hat

Die Stern-Studie macht einen dringenden Appell, den Klimawandel aufzuhalten.

Das Handelsblatt vom 31.10.2006 schreibt:

„Stern nannte den Treibhauseffekt das größte Marktversagen, das die Welt gesehen habe. „Aber wir haben noch Zeit, die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden, wenn wir jetzt handeln und wenn wir international handeln,“ sagte Stern dem Handelsblatt.“

Schon längst ist der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten. Nur die schlimmsten Folgen können also abgewendet werden, wenn die Menschheit schnell handelt.

Der zentrale Vorschlag der Studie sieht vor, ab sofort 1 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts für den Klimaschutz zu verwenden. Laut Stern würde das ausreichen, um das Weltklima bis 2050 stabil zu halten. Es gibt nur eine Perspektive laut Studie: die Emissionen müssen schnellstens um Dreiviertel reduziert werden.

crumbgutezukunft.jpgKlimaerholung im Kapitalismus nicht möglich

Auch der Auftraggeber der Studie, der britische Premierminister Tony Blair sagte: „Die Klimakrise wird international gelöst, oder sie wird gar nicht gelöst.“

Genau bei diesem Aspekt allerdings liegt das Problem. Innerhalb des Kapitalismus wird ein Aufhalten oder sogar ein Umkehren des Klimawandels nicht möglich sein.

Das wesentliche Merkmal des Kapitalismus ist die Konkurrenz. Wenn Umweltverschmutzung Wettbewerbsvorteile bringt, dann nutzen die Firmen diese Möglichkeit aus. Ansonsten werden sie möglicherweise aus dem Wettbewerb gedrängt. Auf nationaler Ebene ist es aber möglich, dass der Staat als ideeller Gesamtkapitalist auftritt und versucht, wenigstens die größten Umweltsauereien durch Gesetze einzudämmen. Doch ein solcher ideeller Gesamtkapitalist ist auf internationaler Ebene undenkbar.

Wenn sich ein Land durch lockere Umweltgesetze einen Vorteil verschaffen kann, dann wir es dies auch versuchen. So sieht sich beispielsweise die USA nicht an die Vereinbarungen des Kyoto-Protokolls gebunden.

Projekte wie das Kyoto-Protokoll sind kaum mehr als gut gemeinte Kosmetik, denn sie können die Konkurrenz der Nationen nicht einschränken. Zudem sind solche Verträge nicht bindend und halten für die Umweltverschmutzer so manche Hintertüre bereit. So können sich Länder, die besonders viel Treibhausgase produzieren „Emissionsrechte“ bei Ländern kaufen, die besonders wenig Treibhausgase in die Luft schleudern.

Klimaschädliche Emissionen steigen trotz Kyoto weiterhin an

Tatsächlich sind die Klimawerte durch die internationale Konkurrenz der Staaten schlechter geworden, nicht besser. Der Kölner Stadt-Anzeiger vom 31.10.2006 berichtet: “Der weltweite Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen nimmt in den Industrieländern seit dem Jahr 2000 wieder zu. Der positive Trend der Jahre 1990 bis 1999, als die Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen zum Teil drastisch sanken, hat sich damit ins Gegenteil verkehrt.“

Auch die Internet-Enzyklopädie Wikipedia schreibt, dass der Gesamtausstoß der weltweiten Emissionen weiter ansteigt:

„Die Vereinten Nationen erwarten für das Jahr 2010 11% höhere Emissionen als im Referenzjahr 1990. Die Staaten des Ostblocks konnten vor allem wegen des Zusammenbruchs ihrer Industrien die Emissionen von 1990-2003 um 40% senken, bis 2010 wird der Ausstoß aber wieder steigen und nur noch um 18% geringer sein als 1990. Die westlichen Industriestaaten erhöhen bis 2010 ihre Emissionen voraussichtlich um 20% zu 1990. Die größten 2003 gemessenen Zuwachsraten in den Industrieländern haben: Spanien (+42 Prozent von 1990 bis 2003), Portugal (+ 37%), Griechenland und Irland (beide + 26%), Finnland (+ 22%), Österreich (+ 17%) und die USA (+ 13%). Deutschland konnte seine Emissionen um 20% senken (Ziel bis 2010: –21%), Großbritannien –13%, Schweden –2%. Die Schweiz liegt 2004 auf dem gleichen Niveau wie 1990.“ (1)

Die EU-Länder werden laut Kommissionspräsident Barroso die Vereinbarungen von Kyoto verfehlen, es sei denn, die EU greife zu einschneidenden Maßnahmen. Die EU Länder hatten in Kyoto vereinbart, bis 2012 die Emissionen um acht Prozent unter die von 1990 zu senken.

Dieses Ziel wird nicht eingehalten werden können.

Lösungsvorschläge im Kapitalismus

Der Klimawandel wird vor allem durch industrielle Treibhausgase verursacht. So sind die von manchen Umweltschützern gepriesenen Ökosteuern – die jetzt auch in Großbritannien auf der Tagesordnung stehen - auf privaten Verbrauch absolut untauglich. Die Ökosteuer ist nur eine weitere Steuer, um den kleinen Leuten das Geld aus Tasche zu ziehen.

Manche Teile des Kapitals betrachten den Klimawandel sogar als möglichen Wettbewerbsvorteil. Das Handelsblatt vom 31.10.2006 schreibt:

„Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sieht den Klimawandel auch als Chance für die deutsche Wirtschaft. „Hier geht es nicht um Nischenmärkte. Es geht hier um viele Milliarden Euro und um die Leitmärkte, die das 21. Jahrhundert entscheidend prägen werden,“ sagte er gestern auf der Innovationskonferenz seines Ministeriums in Berlin.“

Eine andere Möglichkeit sieht der Kommentator Stephan Kosch in der Tageszeitung vom 31.10.2006. Er zeigt auf, wie stark verbunden seine Zeitung mit Konkurrenz, Markt und Kapital sind.

 „... dieser Fall zeigt, dass jede Bedrohung auch eine Chance birgt, Gerade weil die Wirtschaft nur die Sprache von Gewinn und Verlust versteht, reagieren die Unternehmen erst, wenn die Renditen gefährdet sind. Oder wenn sich neue Märkte auftun. Britische Unternehmen haben das verstanden und sehen die wirtschaftliche Chance im Klimawandel. Der Zwang zu geringerem Ausstoß von Treibhausgasen sorgt für Innovationsdruck. Knapper werdende Rohstoffe und entsprechende Preissteigerungen erhöhen die Bereitschaft des Verbrauchers, für effizientere Technologien mehr Geld auszugeben.

Wenn die Wirtschaft den Klimawandel als Markt entdeckt, mag man das zynisch finden. Es ist aber in jedem Fall zu begrüßen. Denn der Kampf gegen die drohenden Folgen des Klimawandels lässt sich nicht gegen den Kapitalismus gewinnen.“

Im Gegenteil: Ernsthafter Umweltschutz muss über die engen Grenzen der konkurrenzorientierten Gesellschaftsform Kapitalismus hinausweisen. Die Klimakatastrophe ist nur mit einer gemeinsamen internationalen Kraftanstrengung aufzuhalten. Im Konkurrenzsystem des Kapitalismus – wo zudem immer offensichtlicher wird, wie aggressiv sich die Bosse um die letzten Prozentpünktchen Profit kloppen – wird es nicht zu schaffen sein.

Die Menschheit wird zu einer gemeinsamen solidarischen Gesellschaft finden oder sie erstickt.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder heißt es, der Letzte macht das Licht aus oder die Massen finden zu einer planvollen und solidarischen Weltwirtschaft!


(1)

http://de.wikipedia.org/wiki/Kyoto-Protokoll

Die zwei Zeichnungen sind vom amerikanischen Künstler Robert Crumb.

 

von Francis Byrne

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