| Wie es zu Auschwitz kommen konnte |
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27.01.2007
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Vor 62 Jahren befreite die Rote Armee das nationalsozialistische Todeslager Auschwitz-Birkenau. Etwa eine Million Menschen hatte die SS hier ermordet; auf nur ca. 7.000 Überlebende stießen die russischen Soldaten, von denen noch 222 an den Folgen ihrer Misshandlungen sterben sollten. Obwohl die Besatzung des Konzentrationslagers 29 von 35 Depotgebäuden zerstört hatte, um die Spuren des industrialisierten Massenmordes zu beseitigen, stieß die Rote Armee auf mehr als 45.000 Säcke mit Menschenhaar, das vom SS-Wirtschaftshauptamt für die Verarbeitung zu Filz und Garn vorgesehen war. Tausende Schuhe, Anzüge und Kleider, Berge von Brillen, Rasierpinseln und Gegenständen des persönlichen Bedarfs sowie zahllose Kindersachen türmten sich in den Arsenalen - alles Sachen, die man den Opfern abgenommen hatte. Kaum jemand hätte es im 20. Jahrhundert für möglich gehalten, dass in Europa Millionen von Menschen wegen ihrer Herkunft kaserniert, zur Zwangsarbeit verpflichtet, als Versuchstiere missbraucht, planvoll ermordet und als Rohstoffquelle für Zahngold und anderes benutzt werden. Bis heute steht die überwältigende Mehrheit der Historikerzunft vor dem Holocaust wie vor einem Rätsel. Ein Grund dafür mag sein, dass diese Leute die Augen davor verschließen wollen, dass die politischen Grundvoraussetzungen, die damals zum Völkermord geführt haben, auch heute noch existieren. Immer noch macht die Ideologie von der ,Überbevölkerung‘ die Runde, als seien die Weltprobleme mit einem Überschuss an Menschen zu erklären. Noch immer spielen Großmächte Bevölkerungsgruppen in Stellvertreterkriegen gegeneinander aus, wie China und die USA in Somalia. Noch immer zetteln sie Völkermorde an, wie 1994 in Ruanda. Und noch immer werden Völker für Profitinteressen abgeschlachtet, wie die Südsudanesen für den Ölnachschub Chinas. Es ist also nach wie vor hoch aktuell und enorm wichtig, sich vor Augen zu halten, wie der millionenfache Massenmord der Nazis - die Shoa oder der Holocaust - geschehen konnte. Die Nationalsozialisten und ihr Klientel Die Nazi-Bewegung hat sich von Anfang an durch ihren extremen Rassismus ausgezeichnet. Aber aus welchen Menschen hat sich diese Bewegung zusammengesetzt? Den Kern des Faschismus hat der Mittelstand gebildet - Menschen, die Kapital besitzen, aber nicht genug, um damit von eigener Arbeit befreit zu sein. Zum einen haben sie sich zu einer Art tüchtigen Elite gezählt, zum anderen sahen sie sich der ständigen Bedrohung durch die Konkurrenz des großen Geldes und den Ansprüchen der Arbeiterbewegung ausgesetzt. Schon lange trugen sie die Forderung nach einem starken Staat vor sich her, der sie vor der ungehinderten Einfuhr ausländischer Produkte schützen sollte, vor den viel mächtigeren Großunternehmen, welche sie in den Bankrott zu stürzen drohten, und vor den Lohnabhängigen, die für ihre Rechte kämpften. Die Ängste des Mittelstandes haben in der Weimarer Republik mächtigen Auftrieb erhalten. Zum einen hatte der von Deutschland verlorene Erste Weltkrieg viele Kleinbürger in den Ruin getrieben, weil die von ihnen gezeichneten Kriegsanleihen nicht mal mehr das Papier wert waren, auf das man sie gedruckt hatte, und weil die Wirtschaft in einen immer desolateren Zustand geriet. Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 wurde die Angst des Mittelstandes vor dem Abgrund dann erneut Realität. Lange bevor die großen Kaufhäuser, Banken und Industriebetriebe ernsthaft bedroht waren, erlebten die kleinen Selbstständigen ihren Ruin. In großer Zahl traten sie der NSDAP bei und kämpften für den Führerstaat. Von der ,Überbevölkerung‘ zum Massenmord Der Ausweg der Arbeiterbewegung aus dem Elend und der Not bestand im Ziel, die alte Gesellschaftsordnung zu stürzen und eine neue Gesellschaft aufzubauen, die die Bedürfnisse der Menschen befriedigen kann, den Sozialismus. Das Kleinbürgertum hingegen war abhängig vom Kapitalismus; wenn das System nicht mehr genug für die Menschen abwarf, dann wollte es nicht dem System ans Leder, sondern den ,überschüssigen‘ Menschen. Die Nazis erklärten den Mittelstand zum ,schaffenden Kapital‘, dem sie das ,raffende Kapital‘ gegenüberstellten, das sich nicht durch die Schaffung neuer Werte auszeichnete, sondern wie ein Parasit von der Arbeit anderer lebte. Hier ließ sich z.B. die Wut der Kleinbürger auf die Banken instrumentalisieren, bei denen sie sich verschuldet hatten und an die sie Zinsen zahlen mussten. Da der Mittelstand aber auf Kredite und somit auch auf die Banken angewiesen war, machte der Nationalsozialismus Front gegen die jüdischen Bankiers, die zum Feindbild hochstilisiert wurden. Die Nazis gaben weiter vor, den Konkurrenzdruck zu mildern, wenn sie nur die jüdischen Rivalen ausschalteten, und die ,unnützen Esser‘ loszuwerden, wenn sie die ,Judenfrage‘ lösten. Die NSDAP wurde 1933 an die Macht gehievt, weil Hitler mit seinen Kriegsplänen die letzte Hoffnung für das deutsche Großkapital war, dessen Märkte, die es im Ersten Weltkrieg verloren hatte, zurückzuerobern. Aber kaum etwas fürchteten die Nationalsozialisten mehr, als dass sich Widerstand in der Bevölkerung gegen die militärischen Abenteuer und die zu erwartenden Einschnitte breit machen würde; 1918 hatte eine solche Stimmung in Deutschland schließlich schon einmal zu einer Revolution geführt. So steckten sie nicht nur viel Geld in die Rüstungsindustrie, sondern auch in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und die breite Sicherung des Lebensstandards (zumindest der als ,arisch‘ eingestuften Deutschen) - Geld aus Schulden, die durch das Ausplündern der eroberten Länder zurückgezahlt werden sollten. Einen Teil der Finanzierung gewährleistete auch das geraubte Vermögen der deutschen Juden. Lange vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden Ideologien in Umlauf gebracht, die von der kapitalistischen Ordnung als Verursacher von Armut, Arbeitslosigkeit, Kapital- und Rohstoffmangel ablenken sollten. Man behauptete, die Mittel zur Behebung dieser Probleme würden nicht von einem chaotischen Wirtschaftssystem aufgezehrt, sondern von einem ,Bevölkerungsüberschuss‘. In seinem Buch ,Bevölkerung und Wirtschaftswachstum‘ von 1932 schrieb der Nationalökonom Paul Mombert, die Krise von 1929 habe sich in Deutschland aus der Überschreitung des „Bevölkerungsoptimums" um 400.000 Menschen ergeben, die Werte von vier Milliarden Reichsmark unproduktiv aufgebraucht hätten. Folgt man dieser Logik, dann könnte man die Probleme lösen, indem man sich der ,überzähligen‘ Menschen entledigt. So schrieb dann 1939 etwa auch der Sozialhistoriker Werner Conze, der sich nach 1945 in der Bundesrepublik als Aufarbeiter der NS-Verbrechen zu profilieren vermochte, eine wirkungsvolle Maßnahme gegen die ach so katastrophale „Übervölkerung" in Polen sei die „Entjudung der Städte und Marktflecken". Allerdings bildeten diese Dogmen für das Kleinbürgertum nicht nur eine Ideologie, sondern auch eine Überlebensstrategie. Wollte es seine Privilegien bewahren oder zurückerlangen, musste die kapitalistische Wirtschaftsordnung beibehalten werden. Unter dieser Voraussetzung blieb ihm nur die Alternative, sich das benötigte Kapital zu stehlen. Und so machte der von den Nazis ausgeheckte ,Generalplan Ost‘die Probleme der deutschen Groß- und Kleinbürger zu den Problemen der eroberten Länder. In Osteuropa sollten die Menschen den Platz räumen für die ,überzähligen‘ Deutschen, die die Nazis dort ansiedeln wollten. Bei vielen Untersuchungen zum Holocaust wird übersehen, dass er nur einen Teil eines viel größeren Mordprogramms gebildet hat, das nur deshalb in den Anfängen stecken geblieben ist, weil das Dritte Reich besiegt werden konnte. Andernfalls wäre die Tötungsmaschine der Nazis in Osteuropa weitergelaufen und hätte über die Juden hinaus viele Millionen Polen, Russen u.a. versklavt und ermordet. Hatten die Nazis, um den innerdeutschen Widerstand zu brechen, direkt am Anfang die stärkste Opposition vernichtet (die Arbeiterbewegung mit ihren Gewerkschaften und Parteien), wandten sie sich in ihrer mörderischen Bevölkerungspolitik zuerst der schwächsten Gruppe zu, den jüdischen Menschen, die keinen eigenen Staat hatten, der sie hätte schützen können, und auch in den besiegten Ländern meist Opfer des grassierenden Antisemitismus waren. Nicht einmal die Länder der Anti-Hitler-Koalition waren bereit, jüdische Flüchtlinge in nennenswerter Zahl aufzunehmen oder auch nur die Bahngleise nach Auschwitz zu bombardieren. Zu Beginn ihrer Kriegs- und Beutezüge waren die Nazis sich noch nicht im Klaren, wie die ,Endlösung der Judenfrage‘ aussehen sollte; so war z.B. zunächst die Verschleppung dieser Bevölkerungsgruppe nach Madagaskar vorgesehen. Aber im Verlauf des Krieges stockte die Umsiedlungspolitik, weil die Stärke der britischen Flotte die Massendeportation auf die Insel vor der afrikanischen Ostküste unmöglich machte. In dieser Situation nahm der Plan zum Holocaust Gestalt an. Die Verschleppung in Ghettos und die ,Vernichtung durch Arbeit‘ mündeten schließlich in den industrialisierten Massenmord und die Entsendung spezieller Todeskommandos in die osteuropäischen Dörfer. Welche Konsequenzen können wir für die Gegenwart aus dem nationalsozialistischen Massenmord ziehen? Zu allererst müssen wir entschlossen den Lügen der heutigen Nazis entgegentreten, die behaupten, der Holocaust habe nie stattgefunden. Sie entlarven sich ja schon selbst, indem sie unentwegt Rassismus schüren und bereits heute Menschen ausländischer Herkunft ermorden. Wir haben die Pflicht, für ein Verbot aller faschistischen Organisationen zu kämpfen, auch weil der Staat sie dazu benutzt, die gerechtfertigte Wut der Massen auf die Regierungspolitik gegen unsere ausländischen Kollegen zu lenken. Und weil die Polizei die Aufmärsche und Kundgebungen der Faschisten nach wie vor schützt, müssen wir uns ihnen in den Weg stellen; wir haben nicht mehr die Ausrede, wir wüssten nicht, welche Ziele die Nazis verfolgen: die Errichtung einer Diktatur und millionenfachen Völkermord. Eine weitere Lüge, die von der Verantwortung des kapitalistischen Systems für die gravierenden Menschheitsprobleme ablenken soll, ist das Märchen von der Überbevölkerung. Gebetsmühlenartig werden mit ihm immer wieder die Hungersnöte in der Dritten Welt erklärt. Aber gerade in diesen Regionen ist die Bevölkerungsdichte um ein Vielfaches geringer als in den Industrienationen Europas. Hungern müssen die Menschen in den armen Ländern, weil der Imperialismus die dortige Infrastruktur gezielt für seine Absätze vernichtet hat und mit seiner Schutzzoll-Politik verhindert, dass Produkte aus der Dritten Welt Zugang zu den globalen Märkten finden. Hier liegt unsere Aufgabe darin, entschlossen den Lügen der Herrschenden entgegenzutreten.
Schließlich gilt es, die Außenpolitik
unserer Regierung zu durchkreuzen, wenn sie etwa den israelischen Staat mit
Geld und Waffen bei der Unterdrückung und Vertreibung der Palästinenser
unterstützt oder wenn sie das Bild des bösen Moslems an die Wand malt, um ihre
Beteiligung an den Kriegen ums Erdöl im Nahen und Mittleren Osten als ,Kampf
gegen den Terror‘ zu kaschieren.
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