„Ihr Geld ist sicher auf der Bank. Ihr Geld icht sicherer
auf der Bkran! Irr Gld ischgt sichsgt fff drr Bnnk!
„Ihr Geld ist sicher auf der Bank! Die Krise erreicht nicht
die Realwirtschaft!" Je öfter Bankmanager, Finanzgurus und Politiker diese und
ähnliche Aussagen wiederholen, desto schlechter scheint es um das Wirtschafts-
und Finanzsystem zu stehen.
Bei der derzeitigen Finanzkrise ist es ein wenig so, wie
beim Pokern. Es gibt viel zu verlieren und es ist ganz wichtig, dass sich die
Spieler bis zuletzt nicht in die Karten schauen lassen. Ein wichtiges Zitat in
diesem Zusammenhang sind die Worte von Robert Toll, einem der Vorsitzenden der
US-amerikanischen Luxusbausparkasse Toll Brothers:
„Alles was ich sage sollte mit Argwohn betrachtet werden.
Nutzen sie ihren Verstand. Glauben sie mir nicht!" (1)
Die Pokerspieler sind die Banken, die „Heuschrecken" der
Hedge-Fonds und Private-Equity-Firmen, Regierungen und Konzerne. Die Spielchips
mit denen sie spielen sind unsere Häuser und Wohnungen, unsere Löhne,
staatliches Eigentum wie Telefondienste, Post und Eisenbahnen, Arbeitsplätze
und die Preise für Lebensmittel und andere wichtige Güter.o
Hypothekenblase
Einige Karten sind bei diesem äußerst zynischen Pokerspiel
schon gefallen und liegen offen für jeden sichtbar auf dem Tisch:
Die Hypothekenblase in den USA ist geplatzt, ein Ende der
Krise ist nicht in Sicht. So berichtet die kalifornische Nachrichten-Webseite
Press Enterprise, dass die Zwangsvollstreckungen im August noch weiter
gestiegen sind. Gab es beispielsweise im Riverside County von Kalifornien vor
einem Jahr im August 2006 nur 21 Vollstreckungsbescheide gegen säumige
Hypothekenzahler, stiegen diese auf 1198 im August 2007! Im Juli 2007 wurde im
gleichen County gegen 189 Familien zwangsvollstreckt. (2) Insgesamt gab es im
August 244.000 Immobilienpfändungen in den USA; 115 Prozent mehr als im
Vorjahr.
Das sind astronomische Zahlen. Für die Menschen, die hofften
ihre Existenz und Zukunft in stets schwierigeren Zeiten mit Wohneigentum
abzusichern, ist es eine Katastrophe. Sie verlieren alles und sind
möglicherweise für den Rest ihres Lebens an ihre Bank gekettet.
„ABS-Wertpapiere" wie Gammelfleisch
Weltweit wurden Banken direkt in diesen Abwärtsstrudel
gerissen, weil diese schlecht gesicherten Hypotheken in sogenannten
„Asset-Backed Securities" - ABS - zu Wertpapieren verpackt und auf den
internationalen Finanzmärkten gehandelt wurden. Der Markt für solche
„Wert"-papiere erinnert an den Markt für Gammelfleisch: Risiken werden
verkauft, umgepackt, umetikettiert, weiterverkauft, wieder umbenannt und
weiterverkauft. Banken wie IKB, West LB, Sachsen LB und andere waren unter den
ersten, die sich direkt oder über ABS-Papiere verzockt hatten. Tatsächlich ist
es aber so, dass wohl kaum eine Bank ohne größere Verluste davonkommen wird.
Aus einem Bericht das Kölner Stadt-Anzeigers vom 1.9.2007:
„'... es gibt klare Anweisungen vom Vorstand. Auf die Frage,
ob wir von dem Zeugs noch etwas haben, muss ich antworten können, dass nichts
mehr da ist', beschreibt ein Händler einer Großbank seine Lage. Dumm nur, dass
diese Aufgabe derzeit kaum zu erfüllen ist."
Die Deutsche Bank hat etwa 29 Mrd. Euro in die
zusammenbrechenden Märkte investiert und ging lange davon aus, dass sie „nur"
rund 600 Millionen Euro abschreiben müsste. Nach einer Neubewertung der Risiken
gehen die Banker mittlerweile aber von 1,7 Milliarden Euro Verlust aus. (3)
Beim Poker bei West LB und Sachsen LB war es aber so, dass
die Manager erst nach und nach mit den wirklichen Zahlen rausrückten. Da könnte
auch die Deutsche Bank schon tiefer in der Misere stecken, als sie zugeben mag.
Auch Morgan Stanley und die Commerzbank mussten erhebliche Verluste erleiden.
Man kann davon ausgehen, dass alle Banken betroffen sind und das Ausmaß der
Verluste erst nach und nach bekannt werden wird.
Heuschrecken ohne Fremdfinanzierung: Kein Geld mehr für „Leveraged Buy
Outs"
Eine weitere geplatzte Blase ist der Markt für sogenannte
„Leveraged Buy Outs". Dabei handelt es sich um fremdfinanzierte Firmenkäufe
zumeist durch Heuschrecken. Mit einem nur geringen Eigenkapitalanteil von oft
nur 20 Prozent, werden Firmen aufgekauft und einer Radikalkur unterzogen:
Arbeiter werden entlassen, Forschungsabteilungen geschlossen, Teile werden
abgespalten etc. Da in der normalen Produktion nur noch magere Profitraten
erzielt werden können, haben sich Finanzinvestoren diese Methode erdacht:
Profite durch Zerschlagung und Zerstörung. Denn der Anteil der lebendigen
Arbeit an einem Produkt nimmt durch Rationalisierung und Entwertung der Arbeit
stetig ab. Jedoch kann nur neu hinzugefügte, lebendige Arbeit auch neue Werte
schöpfen. Im Verhältnis zum eingesetzten Kapital nehmen die Profite also
tendenziell ab.
Durch das Platzen der Hypothekenblase sind die Banken extrem
misstrauisch geworden. Sie leihen sich gegenseitig nur noch wenig Geld, da sie
befürchten, als Sicherheit nur noch weitere platzende Immobilienpapiere zu
bekommen. Auch den Heuschrecken gegenüber sind die Banken nun misstrauisch und
leihen ihnen kaum mehr Geld für ihre Transaktionen. So konnte der Kauf von
Chrysler durch Cerberus nur knapp abgeschlossen werden. Andere Deals, wie der
Kauf des US-Elektronikkonzerns Harman durch einen Goldman-Sachs-Fond und die
Herschrecke KKR kommen gar nicht mehr zustande.
Northern Rock
Die britische Ausgabe der Financial Times lobte am Anfang
des Jahres die Hypothekenbank Northern Rock noch als besonders innovativ. Mitte
September standen aber Tausende Kunden vor den Filialen an, um panikartig ihr
Geld abzubuchen. Es war eine Bankenpanik, ein Sturm auf eine Bank, wie sie
England seit mehr als 100 Jahren nicht gesehen hatte.
„Trickreich" war, dass die Manager von Northern Rock mit
extrem konstruierten Produkten jonglierten, welche die Differenz zwischen
langfristigen und kurzfristigen Schulden ausnutzten. Ein Modell, das weltweit
viele weitere Banken nutzten. Mit der erschwerten Kreditvergabe durch die
Banken fehlte aber plötzlich ein Ball und alles purzelte zu Boden.
Northern Rock hatte 1,4 Millionen Sparer und 800.000
Hypothekenkunden. Das Unternehmen hatte insgesamt etwa 33 Milliarden Pfund
verliehen. Jetzt ist die Bank von Verkauf oder Schließung bedroht. Die Sparer
konnten noch mit knapper Not noch ihr Geld retten. Doch die 6.500 Angestellten
stehen bei Verkauf oder Schließung vor dem Nichts.
Hinzu kommt noch, dass Firmen wie das Einrichtungshaus John
Lewis oder städtische Betriebe wie das Cheshire County Council ihre Pensionsgelder bei Northern Rock
eingelegt hatten. Sind diese wichtigen Gelder möglicherweise verbrannt und die
Pensionen der Kolleginnen und Kollegen weg?
Auch hat die Pleite von Northern Rock weitere Auswirkungen
auf den Hypothekenmarkt in Großbritannien. Ähnlich wie in den USA gab es in den
letzten Jahren vermehrt Abschlüsse mit variablen Zinssätzen, sogenannten
„Tracker-Hypotheken". Werden die Banken vorsichtiger in der Kreditvergabe, dann
schnellen diese Zinsen hoch. Die wichtigsten britischen Bausparkassen haben
ihre Kredite schon erhöht. Millionen Kunden in Großbritannien haben solche
„Tracker-Verträge". Das heißt, es droht auch dort ein Platzen der
Immobilienblase wie in den USA. Im KSTA vom 20.9.2007 sagt Niels Fromm,
Devisenexperte bei Dresdener Kleinwort: „Jetzt wachsen die Sorgen, das der
britische Immobilienmarkt die gleiche Entwicklung nehmen könnte wie der
amerikanische."
Startschuss für den Sturm auf Northern Rock war die
Bekanntmachung, dass die Bank of England mit Milliardensummen einspringen
musste, damit Northern weiterhin seine täglichen Verbindlichkeiten zahlen
konnte. Am 18.9. musste die Staatsbank 4,4 Milliarden Pfund zuschießen, am
19.9. weitere 10 Mrd. Für diese zweite Finanzspritze duften bei der Staatsbank
auch die plötzlich unsicher gewordenen Hypothekenschulden als Sicherheiten
hinterlegt werden.
Inflationsdruck
Die Staatsbanken EZB, FED und Bank of England scheinen im
Angesicht der Krise voll auf eine unkontrollierte Geldvermehrung, also auf
Inflation, zu setzen. Die Bank of England hatte wenige Tage vorher noch die
amerikanische Staatsbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank
kritisiert. Kritikpunkt war, dass mit den Schnellkrediten für strauchelnde
Banken die Spekulationsblase weiter wachsen und Inflationstendenzen verstärkt
werden könnten. Eine Inflation ist für die Massen aber wie eine zusätzliche
Steuer. Sie können von ihrem Geld immer weniger konsumieren, da die Preise
steigen.
Eine massive Abwertung des Dollars hat schon begonnen. Das
Verhältnis Dollar zum Euro steht mit 1,40 Dollar für 1 Euro auf einem
historischen Hoch. Der Werteverfall des Dollars nimmt weiter Fahrt auf. Geht
der Werteverfall des Dollars weiter, dann wird sich dieser Verfall „selbst
ernähren", da immer weitere Investoren in Dollar-Papiere ihre Scheine verkaufen
werden. Eine galoppierende Inflation droht den amerikanischen Massen. Längst
ist die Realwirtschaft in den USA betroffen. Experten gehen in den nächsten
Monaten von einer verschuldungsbedingten Insolvenzwelle in den USA aus.
Doch auch die Weltwirtschaft und besonders Exportländer wie
Deutschland, China und Japan sind vom US-Markt stark abhängig. Bricht dieser
Markt weg, wie zur Zeit zu beobachten ist, wird die derzeitige Finanzkrise auch
in Europa und Asien eine tiefe reale Krise entfachen.
Auch die kürzliche Zinssenkung durch die amerikanische
Staatsbank FED diente nur der kurzen Beruhigung. Wie die österreichische „Die
Presse" schrieb:
„Ob mit dem billigen Geld freilich jene Rezession vermieden
werden kann, die auf Amerika zukommt wie ein karibischer Hurricane, ist
freilich höchst strittig; zu vermuten ist eher, dass der Beginn der
unvermeidlichen Baisse bloß ein wenig verzögert wird (die dann um so heftiger
ausfallen dürfte)." (4)
Der Chef des Internationalen Währungsfonds, IWF, Rodrigo
Rato geht davon aus, dass die Wucht der Krise die Realwirtschaft erst im
kommenden Jahr treffen wird. Besonders schlimme Auswirkungen befürchtet er für
die USA. Auch befürchtet er eine weitere plötzliche Flucht aus dem Dollar. Da
etwa 75 Prozent der Dollarreserven im Ausland gehortet werden, würde das
Weltfinanzsystem zusammenbrechen. (5)
Was können wir tun?
In kommenden Wochen und Monaten sehen sehr wahrscheinlich
noch weitere Symptome der Kredit- und Wirschaftskrise. Eine Erholung ist nicht
in Sicht; das System hat Herzflimmern. Es steht zu befürchten, dass wir auch
hier in Deutschland bald einen Sturm auf eine oder mehrere Banken erleben
werden.
Mit der freien Kreditvergabe der Staatsbanken an all die von
der Krise angeschlagenen Banken wird Geld gemacht, ohne dass reale Werte
dahinter stehen würden. Man setzt voll auf Inflation. Schon jetzt verspüren wir
auch hier einen sehr großen Inflations- und Preissteigerungsdruck, besonders
bei Lebensmitteln, Heizstoffen und Benzin.
Der Kapitalismus hat den Massen nichts mehr zu bieten. Im
Gegenteil: der wichtigste Ausweg auf der Krise war für die Herrschenden immer
der Krieg. Es steht zu befürchten, dass der Westen auch jetzt wieder einen
Krieg beginnen wird, um von der Misere abzulenken, Öl zu klauen und seine
Konkurrenten geostrategisch zu bedrohen.
Wir im Netzwerk Linke Opposition sammeln uns um die Idee der
basisdemokratischen Räte. Denn nur die Räte können dem kapitalistischen
Konkurrenzsystem etwas entgegensetzen und eine solidarische Ökonomie aufbauen.
Jetzt aktiv werden und mitmachen im NLO: Gegen Konkurrenzwahn, Kriegstreiberei
und Bonzenherrschaft ... wir brauchen Dich!
(1)
http://money.cnn.com/news/newsfeeds/articles/apwire/D8RO53A80.htm
(2)
http://www.pe.com/business/local/stories/PE_News_Biz_D_foreclosures19.6b276a.html
(3)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,507427,00.html
(4)
http://www.diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/christianortner/331482/index.do
(5)
http://www.diepresse.com/home/wirtschaft/economist/332133/index.do?_vl_backlink=/home/wirtschaft/index.d
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