Mit Bilderbogen von Arbeiterfotografie
Köln , Montag 1.10.,10.30 Uhr. Als Auswärtige finde ich mein Fahrtziel, die Arbeitsagentur in der Luxemburger Sraße 121, recht schnell: unübersehbar die Reihe von Mannschaftswagen der Polizei vor einem Hochhaus. Hier muss es sein. Also parke ich mein Auto direkt zwischen zwei grün-weissen Fahrzeugen auf dem Gelände der Arbeitsagentur. Auf dem Weg zum weißen Aktionszelt sehe ich Transparente und Info-Stände. Menschen gehen hektisch hin und her. Ich höre aufgebrachte Rufe aus dem Foyer des Gebäudes. Eine Frauenstimme spricht laut und erregt in ein Mikrofon "Wir sind Kunden hier! Wir haben ein Recht darauf hier zu sein. Ihr dürft uns nicht herausschmeissen." Ein Gedränge und Geschubse herrscht im Foyer der Arbeistagentur. Im hinteren Bereich sehe ich ca. 30 Polizisten, dekoriert mit Schlagstöcken, die mit verschränkten Armen eine Mauer zu den dahinter befindlichen Fahrstühlen bildet. Da soll keiner durch gelassen werden. Das wird schnell klar. Die Menge davor ist aufgebracht. Wie mir später Martin Behrsing vom Erwerbslosenforum mitteilte, wurden einige Minuten zuvor drei Leute recht unsanft von Polizisten zu Boden gebracht und abgeführt. Die Situation im Foyer ist immer noch angespannt.
Ich gehe wieder hinaus und frage mich zu den Initiatoren des ZAHLTAGs durch. Von einem Herrn, dessen Namen ich leider nicht weiß, wird mir ein Plätzchen für den Infostand von KUNSTSTIMMEN GEGEN ARMUT vor dem Aktionszelt gegenüber des Foyers zugewiesen. Ich packe Tisch, Stafelei, Bilder, Malutensilien, Plakat sowie Infomaterial aus und richte mich häuslich- informativ ein. Dann treffe ich Martin Behrsing, den ich bislang nur über Telefon und EMail-Kontakt her kannte. Er erläutert mir kurz den Programmablauf des Tages und lädt mich gleich ins Aktionszelt ein, in dem ein Buffet mit warmen und kalten Getränken, Obst, Brot, Aufschnitt, und Kuchen aufgebaut ist. Zum Kaffeetrinken bleibt jedoch keine Zeit, die ersten Leute stehen am Infostand. Also verteile ich Handzettel und Aufrufe an jeden, der vorbeikommt. Schnell entwickeln sich Gespräche, und ich merke schnell, dass ich aus einer Gegend Deutschlands komme - ländlich geprägt, mit geringer Arbeitslosenqote - in denen die Welt irgendwie noch in Ordnung ist. Die erste Frau, mit der ich mich unterhalte, Mitte 20, lächelt mich mit einer Lücke im Schneidezahnbereich an. Ja, die Auswirkungen der Un-Reform Hartz IV werden mir an diesem Tag sehr deutlich spürbar gemacht.
Im Foyer spielt indessen Klaus, der Geiger. Kurz darauf fragt mich Martin Behrsing, ob ich bereit wäre, im Foyer das Bild "Das A des Monats" zu malen. Wir hatten einen Tag zuvor vereinbart, dass ich ein Bild zu einer Urkunde male, die einmal pro Monat an einen ARGE-Mitarbeiter verliehen wird - als Auszeichnung für widerliches und schikanöses Verhalten seinen Kunden gegenüber. So baute ich im Foyer meine Stafelei und Ölfarben auf, um unter Polizeipräsenz und num Geigenspiel von Klaus zu malen. In ca. 45 Minuten entstand das Bild im Format 50 x 100 cm. Es zeigt eine menschliche Figur von hinten in blau/grün mit einem runden, knackicken Po sowie dem Buchstaben A in pink-magentafarben auf dem Rücken. Nachdem eine Zuschauerin meinte, das Bild wäre noch zu schön, malte ich noch einen Pfeil in Richtung Anus zeigend. Das noch nasse Bild wurde sogleich von Martin Behrsing übernommen, die Laudatio für den Urkunden-Empfänger wurde verlesen und dann unter massiver Polizeibegleitung in den 5. Stock des Gebäudes gebracht, um es dem Mitarbeiter, Herrn Diter Berns, zu übergeben. Eine direkte Übergabe wurde jedoch vom ARGE-Agenturleiter, Herrn Ludwig, verhindert. Er nahm die Urkunde nebst Bild in Empfang und musste dies mit einigen Flecken Ölfarbe auf seinem Anzug bezahlen.
Mittagszeit. Zwei riesige Töpfe mit dampfender Gemüsesuppe stehen im Aktionszelt bereit. Lecker. Während des Mittagessens an Biertischen komme ich ins Gespräch. Neben mir sitzt eine Frau, flippig, modern angezogen mit sympathischer Ausstrahlung. Sie erzählt mir, dass sie gelernte Cutterin ist und seit einiger Zeit leider schon Mitglied im "Verein" Hartz IV ist. Sie erzählt mir von den Repressalien, die sie mit Kölner ARGE-Mitarbeitern erlebt hat. Uns gegenüber sitzen 4 junge Frauen. Eine davon berichtet, dass sie ausgebildete Diplom-Designerin im Fachbereich Modedesign ist und zuletzt bei einem Kölner Fernsehsender als Stylistin gearbeitet hat. Fast schon amüsant ist ihre Geschichte (wenn sie nicht so ernste Auswirkungen hätte), dass eine ARGE-Mitarbeiterin sie während eines Beratungsgesprächs fragte "Na ja, dann waren sie ja bestimmt schon häufiger im Fernsehen. Wann kann ich sie denn wieder im TV sehen?" - und wurde flugs von dieser in eine 1-Euro-Job-Maßnahme gesteckt. Hauptsache die Statistik stimmt, ein Kunde weniger und die Ampel steht auf "Grün". "Wie bitte, grün?", frage ich nach. Ja, seit dem die Unternehmensberatung Berger in der ARGE war, stehen auf Fluren Ampeln, die den Vorbegehenden signalisiert: Grün = Vermittlungs-Soll erreicht, Rot = nicht erreicht. Klassische psychologische Konditonierungs-Spielchen, wie man es mit Kindergartenkindern macht: Ein Pril-Blümchen für besonders Fleissige!
Ab 14 Uhr werden Vorträge zu den Themen Sozialschnüffler, Bedarfsgemeinschaften, Ein-Euro-Jobs, Leiharbeit, Widerstand gegen den sozialen Angriff, Profiling im Foyer der ARGE von verschiedenen Referenten gehalten. Für mich absolut interessant, da ich aus meiner "heilen" ländlich geprägten Region kommend, Fakten erfahre, die mir die Medien so bisher nicht offerierten. So beträgt beispeilsweise die Missbrauchsrate bei Hartz IV-Auszahlungen gerade einmal 0,6 % (Quelle: Bundesagentur für Arbeit). Kommunizieren unsere Medien doch immer wieder gerne "den faulen, nicht arbeiten wollenden Sozial-Schmarotzer, der morgens ab 8 Uhr mit der Bierflasche am Kiosk anzutreffen ist." Und dies wird an Stammtischen nachgeplappert. Die Realtät sieht aber ganz anders aus. So unterhalte ich mich am Nachmittag mit einem älteren Ehepaar so um Mitte 50 herum. Die beiden sind "ordentlich"gekleidet und verraten durch ihren rheinischen Dialiekt gleich ihre Herkunft: Düsseldorf, die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt, die vor einer Woche verlauten ließ: "Hurra! Wir sind schuldenfrei." Die Stadt hat ihr "Tafelsilber" verkauft und ist jetzt schuldenfrei. Über diese Nachricht könnte man sich freuen. Könnnte man. Die Freude wird jedoch gleich im Keim erstickt, wenn man den folgenden Ausspruch des Düsseldorfer OB's verinnerlicht: "Wir sind stolz darauf, im bundesdeutschen Mietkosten-Index mit unter den ersten dreien zu stehen." Das Ehepaar kann sich die 2-Zimmer-Wohnung in Düsseldorf nicht mehr leisten. Sie wollen deshalb nach Gelsenkirchen umziehen. Das wird jedoch zu einem Problem. Die Düsseldorfer ARGE wäre froh, die beiden als Kunden verabschieden zu können. Die ARGE in Gelsenkirchen will jedoch keine neuen "Kunden" aufnehmen. Dass die beiden aus Hartz IV rauskommen, bleibt nur ein frommer Wunsch. Beide sind über 50 Jahre alt und gelten auf dem Arbeitsmarkt als nicht vermittelbar.
Bis zum Abend unterhalte ich mich noch mit vielen Menschen. Bei einigen spüre ich nur pure Resignation und Depression. Bei anderen ist noch ein Lodern in den Augen zu erkennen, Mut, die Dinge selber in die Hand zu nehmen und aus Hartz IV heraus zu kommen.
Was micht besonders an diesem Tag in und vor der Kölner ARGE beindruckt hat, war die Solidarität und konkrete Unterstützung von "ganz normal im Beruf und Leben stehenden" Menschen", die vor Ort (und natürlich auch anderswo) diese Missstände nicht weiter akzeptieren, den Betroffenen Mut machen und konkret helfen, um aus der Hartz IV-Falle heraus zu kommen: Konkrete Hilfe von der Wuppertaler Initiative Tacheles e.V. durch permanente Einzelfall-Beratung vor Ort, eine Art "Begleitservice" zu den Sachbearbeitern und dadurch Bewirkung lang verhinderter, gerechtfertigter Ausszahlungen durch die ARGE. Konkrete Information und rechtliche Aufkläung durch die Vorträge und Workshops. Menschliche Zuwendung durch ein Lächeln von Angesicht zu Angesicht. Ich habe auch bewusst in die Gesicher der zumeist jungen Mitarbeiter/innen der Bereitsschaftspolizei geschaut. Auch bei ihnen konnte hier und dort so etwas wie Verständnis und Mitgefühl herauslesen. Und nette Poilzisten gibt es ja nun auch: Parkte ich doch im Halteverbot, und ein älterer Polizist rief zu mir herüber "Den Wagen können sie ruhig da stehen lassen. Heute lassen wir hier nicht abschleppen."
Vermisst habe an diesem Tag die Studenten. Liegt die Universität doch direkt gegenüber der Kölner ARGE. Gerade mal zwei Studenten habe ich gesehen, die ein Transparent an einer Wand anbrachten. Gut, wenn mehr als zwei Studenten da gewesen sind, bitte ich schon mal vorsorglich um Verzeihung. Aber sichtbar waren sie für mich nicht.
Abends war ich müde und platt und fuhr mit gemischten Gefühlen die 180 km wieder nachhause:
Dankbarkeit, dass es Solidarität, Mut und Menschlichkeit gibt.
Wut über das bestehende System, welches diese Zustände hervorbringt.
Und deswegen: KUNSTSTIMMEN GEGEN ARMUT bleibt dran!
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Meckern war gestern. Verändern ist heute.
Bilder von Arbeiterfotografie:
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