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Ägypten: Streik gegen niedrige Löhne und steigende Preise von Polizei unterdrückt PDF Drucken E-Mail
von Hossam el-Hamalawy; LZ    06.04.2008 - bisherige Aufrufe: 2922

arabrevolution.jpgTextilarbeiter brauchen Solidarität

Für heute war ein Streik in der größten Textilfabrik im Mittleren Osten geplant. Die etwa 25.000 Arbeiterinnen und Arbeiter der Fabrik in Ghazl el-Mahalla (ca. 150 km von der Hauptstadt Kairo entfernt) wollten die Fabrik komplett bestreiken. Zudem gab es eine wachsende Mobiliserung, den Streik durch Solidaritätsdemonstrationen- und Kundgebungen zu unterstützen. Es gab auch Gerüchte über einen Generalstreik.
Der Innenminster warnte, dass ziviler Ungehorsam bestraft werden würde. Vorsorglich wurden politische Kundgebungen in Moscheen verboten.
Seit 3 Uhr heute Morgens ist die Fabrik von Hunderten Polizeibeamten in Zivil bevölkert, die etwa 150 Streikwillige festnahmen. Der Streik wurde unter diesen Umständen abgebrochen. Doch angesichts der explodierenden Lebenshaltungskosten und Lebensmittelpreise werden weitere Konfrontationen unausweichlich sein.

Die LinkeZeitung dokumentiert Auszüge aus Artikeln über den Mahalla-Streik und seine Entwicklung von Hossam el-Hamalawy, der den Weblog http://arabist.net/arabawy/ betreibt.

„Mubaraks Bullen verstärken ihre Präsenz in der Stadt. Die größte Textilfabrik im Mittleren Osten wird ab dem 6. April bestreikt werden."

„Ab dem 6. April wird die Produktion in der Ghazl el-Mahalla Textilfabrik komplett bestreikt. Die Arbeiter erheben ähnliche Forderungen wie sie von der Liga für Textilarbeiter formuliert wurden. Die wichtigsten Forderungen sind:

1. Der Lebensstandard aller Textilarbeiter muss angehoben werden, um den explodierenden Lebenshaltungskosten gerecht zu werden. Die Führung der Basis verlangt, dass der landesweite Mindestlohn, der seit 1884 nicht mehr angehoben worden ist, von ÄgPf 35 (US $ 6,4) auf ÄgPf 1.200 (US $ 218) angehoben wird.

2. Die Nahrungsmittelbeihilfen sollen auf ÄgPf 150 angehoben werden.

3. Monatliche Zulagen sollen auf mindestens 20 Prozent des Lohns angehoben werden.

4. Jobgarantien für Arbeiter, die sich fortbilden, sollen abgegeben werden.

5. Anklageerhebung gegen die ehemaligen und gegenwärtigen korrupten Manager des Betriebes, die das Unternehmen in die roten Zahlen brachte.

6. Neustrukturierung des betriebseigenen Krankenhauses inkl. Einstellung von mehr medizinischem Personal."

„Die Regierung hat mit einem offenen Propagandakrieg gegen die Organisatoren des Streiks begonnen. Zudem bekomme ich Informationen darüber, dass Aktivisten direkt von der Polizei bedroht und provoziert werden. Zudem gibt es Hinweise in den Medien, dass Aktivisten verhaftet und der Arbeitskampf unterdrückt werden soll.
Gruppen der Staatlichen Sicherheitsbehörden haben damit angefangen, sich vor das Textilwerk Ghazl El-Mahalla zu postieren."

„Wiederholt haben Arbeiter der Textilfabrik sich darüber beschwert, dass es zwischen der Geschäftsleitung und den Offiziellen der Gewerkschaft Absprachen gibt. Den Gewerkschaftsoffiziellen wird von den Arbeitern vorgeworfen, sie seien Kumpane der regierenden nationaldemokratischen Partei . ... Es gibt zudem Berichte, dass 15 Arbeiter kurzzeitig von der Polizei festgehalten wurden und von diesen den Auftrag bekamen, ihren Kollegen mitzuteilen, dass wenn der Streik nicht abgesagt würde, die Fabrik von der Polizei angegriffen würde."

arabmachtdenarbeitern.jpg„In einem Versuch, die Eigendynamik des Streiks zu bremsen, haben Offizielle der Fabrik am vergangenen Sonntag Plakate aufgehangen, auf denen eine Anhebung der Lebensmittelzulagen von ÄgPf 43 auf ÄgPf 90 durch Minister Mahmoud Mohieldin personönlich, angekündigt würde.
Die Arbeiter der Fabrik sehen aber wegen der explodierenden Preise eine Anhebung auf ÄgPf 150 als gerechtfertigt an."

„Eine besonders alarmierende Entwicklung ist, dass Hussein Megawer (der Vorsitzende der Parlamentsfraktion von Mubaraks nationaldemokratischem Block und der Chef der korrupten, staatlich gestützten Generalversammlung der Gewerkschaften) eine Gruppe von fünf Arbeiterführern zu sich nach Kairo berufen hat: Mohamed el-Attar, Sayyed Habib, Magdi Sherif, Faisal Laqousha, und Abdel Qader el-Deeb. Megawer hat sie sehr erniedrigend behandelt und sie nicht eher gehen lassen, bis sie ein Schreiben unterzeichneten, das sie verpflichtete, am 6.4. nicht zu streiken."

Seit Monaten wachsen die Konflikte in Ägypten und besonders in der Mahalla Textilfabrik:
„Über das Jahr 2007 hinweg wuchs an der Basis der Textilarbeiter eine Abneigung gegen die offiziellen, staatlich unterstützten Gewerkschaftsrepräsentanten, und die Idee kam auf, ein „Komitee der Beauftragten" zu gründen. Dieses soll den Kontakt zwischen den Arbeitern an der Basis und dem Gewerkschafts-Fabrikkomitee dienen.
Beim Streik im September 2007 wurde von Seiten der Gewerkschaftsoffiziellen immer wieder versucht, den Streik zu bremsen."

„Das einzig positive Ergebnis des Rechtsrucks der Gewerkschaftsoffiziellen der CTUWS ist, dass die Aktivisten der radikalen Linken - die im Dezemberstreik 2006 nur eine kleine Rolle gespielt haben - ihren Einfluss an der Basis erheblich ausweiten konnten und im Septemberstreik 2007 eine vorrangige Rolle gespielt haben, bis sie im Februar 2008 den größten Arbeiterprotest gegen das Regime mobilisierten."

„Woanders beginnen Aktivisten Arbeitskämpfe in Solidarität mit den Arbeitern in Ghazl el-Mahalla zu organisieren. ... Studentendemonstrationen sind in Helwan und Kairo geplant. Es gibt einen Aufruf im ägyptischen Cyberspace, in Weblogs, E-Mails und SMS, einen Generalstreik durchzuführen. Es gibt ein recht hohes Level an Optimismus in diesen Beiträgen und ich bekomme Mails von Freunden, die am 6.4. nicht zur Arbeit gehen wollen. Allerdings halte ich es nach wie vor für einen Fehler, jetzt von oben durch elitäre Gruppen einen Generalstreik auszurufen und ich finde diesen Aufruf etwas opportunistisch und abenteuerlich. Allerdings scheint es so, als würde die US-Botschaft in Kairo diesen Aufruf sehr ernst nehmen. Sie hat damit gedroht, jeden Angestellten, der nicht zur Arbeit erscheint, zu entlassen."

„Genossen in der Welt, haltet Eure Augen auf Mahalla gerichtet. Diese kommende Schlacht wird viel schärfer geführt werden, als vorherige Kämpfe. Wie brauchen Eure Solidariät. Wir benötigen Briefe der Unterstützung von Arbeitervereinigungen, Gewerkschaften, Studentengruppen, Nachbarschaftsorganisationen und Menschenrechtsgruppen. Mailt mir, was auch immer ihr bekommen könnt und ich werde versuchen, Eure Stellungnahmen nach Mahalla weiterzuleiten."

„Mein Herz und meine Gedanken gehen an die Liga der Textilarbeiter, an die Männer und Frauen in der Fabrik. Sie sind unsere größte Hoffnung in diesem Land, um die US-gestützte Mubarak Diktatur loszuwerden."


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