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Hungerrevolte auf Haiti PDF Drucken E-Mail
von http://nemetico.myblog.de    11.04.2008 - bisherige Aufrufe: 4614

 Es ist durchaus möglich, dass der Kapitalismus die Menschen dazu zwingt, Dreck zu essen, wie es in Haiti der Fall ist. Würden Sie dabei noch gute Laune bewahren, liebe Leser?

Dienstag nachmittag (dortige Ortszeit) zogen in der Hauptstadt Port-au-Prince tausende vorwiegend jugendlicher Demonstranten durch Wohngebiete wohlhabenderer Haitianer, errichteten im Stadtzentrum Barrikaden, demolierten Bankfilialen und Supermärkte. Sie forderten Sofortmaßnahmen gegen die Explosion der Lebensmittelpreise und die Verarmung des Bevölkerung.

Dabei scheinen sie (laut Al Jazzera) auch den Präsidentenpalast gestürmt zu haben, um den Rücktritt des amtierenden Marionettenpräsidenten Rene Preval zu fordern. UN - „Peacekeeper"-truppen feuerten Gummigeschosse und Tränengas in die Menge, um sie aus dem Palast wieder zu vertreiben.

Die Unruhen brachen letzte Woche in der normalerweise ruhigen Hafenstadt Les Cayes aus, als UN - Gebäude in Brand gesteckt wurde.

Haiti als ganzes ist ein strahlendes Monument der Schande für die „westliche Zivilisation" und den Kapitalismus.

 

In keinem Land verdichtet sich die Abscheulichkeit der kapitalistischen Globalisierung so wie in Haiti.

„Verarmung der Bevölkerung" ist nämlich gut gesagt, denn Haiti gehört ohnehin zu den ärmsten Ländern der Welt. Über 80 % der Haitianer verdienen weniger als 2 Dollar pro Tag ( der offiziellen UNO - Armutsgrenze).

Die Preise für Reis und Getreide haben sich in Haiti im letzten halben Jahr mehr als verdoppelt.

Viele verzweifelte Haitianer, so berichtete vor einiger Zeit eine (sehr späte) TV - Reportage, sind darauf gekommen, aus Schmutz (Erde), Pflanzenöl und Salz Kekse zu backen.

Angesicht der anhaltenden Gewalt forderte Präsident René Preval seine Landsleute ultimativ auf, die Plünderungen und Ausschreitungen einzustellen. In einer von Radio und Fernsehen ausgestrahlten Ansprache erteilte er Forderungen nach einem Rücktritt der Regierung eine Absage.

Quelle

(Oktober 2006 gab es schon einmal Unruhen in Cite Soleil)

Müde davon, Schmutz zu essen, um am Leben zu bleiben, stürmen Randalierer den Präsidentenpalast, um den Rücktritt des notorisch grob unfähigen, betrunkenen Präsidenten Preval gebührend zu fordern

und

Berüchtigter ungehobelter unfähiger Haiti Präsident fordert noch einmal die hungernden Haitianer auf, Jahre zu warten, um hoffentlich eines Tages ein Mahl zu essen

Lauten denn auch beispielsweise die Schlagzeilen der oppositionellen haitianischen Webseite http://www.wehaitians.com/

Die Preval - Regierung behauptet, dass Drogenhändler, etwa der flüchtige Ex - Präsident Guy Philippe, die Unruhen „manipuliert" hätten.

Guy Philippe war führendes Mitglied einer Putschjunta, der mehrere Male versucht hatte, die frühere Lavalas - Regierung von Aristide zu stürzen. Er war von US - Folterschulen ausgebildet worden war. Diese Behauptung der Preval - Regierung ist allerdings wenig plausibel, da unter den zehntausenden Demonstranten tatsächlich nämlich die Rückkehr des charismatischen ehemaligen Präsidenten Aristide gefordert und dessen Verbündeter Gerard Jean-Juste aus dem Slum Cite Soleil unterstützt wurde.

Das spricht eher dafür, dass die chiliastische Armenbewegung Neue Lavalas und ihre Kampfgruppen ‚Chimeres' die Hungerrevolten unterstützt und beeinflusst.

Der von Lavalas unterstützte Präsident Aristide wurde 2004 von einer Söldnerbande unter Führung von Guy Philippe gestürzt.

Dabei war Haiti einmal die Perle der Karibik.

Und Schauplatz des erfolgreichsten Sklavenaufstandes der menschlichen Geschichte , dem Aufstand des legendären afroamerikanischen Revolutionärs Toussaint_L'Ouverture.

Die Imperialisten bestraften das befreite Land schwer.

Um die Anerkennung der Unabhängigkeit durch die ehemalige Kolonialmacht Frankreich zu erreichen, musste sich jedoch Haiti durch hohe Zahlungsverpflichtungen „freikaufen". Diese Zahlungen, die fast das ganze 19. Jahrhundert hindurch andauerten, überstiegen die Leistungskraft Haitis bei weitem. Zusammen mit politischer Instabilität und langjähriger Misswirtschaft führte dies dazu, dass sich Haiti zum Armenhaus Amerikas entwickelte.

(wikipedia)

Im 20 Jahrhundert musste Haiti u.a. die archaische Diktatur eines „Papa Doc" Duvalier und seines Sohnes "Baby Doc" ertragen. 132 Coups hat das Land bisher erleiden müssen.

Betrachten wir nur die letzten Jahre.

Achim Oberst von der amerikanischen Antikriegsorganisati
on A.N.S.W.E.R. schrieb in einem Aufsatz 2004
:

Haiti war während der vergangenen 13 Jahre (mit dreijähriger Unterbrechung) bis zum jetzigen Sturz seines Präsidenten Jean-Bertrand Aristide eine populistische Demokratie. Die Befreiungstheologie hatte den katholischen Priester Aristide angesichts der hoffnungslosen Armut des Landes in die Politik getrieben, wo er mit seiner populistischen Lavalas Bewegung euphorischen Zuspruch fand. Die politische Opposition war mittels demokratischer Prinzipien nicht in der Lage, den legitim gewählten Präsidenten Aristide-den ersten in der geplagten Geschichte des Landes-abzuwählen. Die privilegierte reiche Minderheit des Landes ist sich dieser, ihrer demokratischen Schwäche bewußt. Aristide gewann die ersten Wahlen 1990 mit über 90% der Stimmen, seine zweite Amtszeit trat er mit 57% Mehrheit im Jahre 2001 an, und dies obwohl die politischen Gegner seiner Lavalas Partei propagandistisch, ökonomisch-finanziell (ausländische Subventionen) und militärisch (durch Putschversuche) Aristide entscheidend geschwächt hatten. Frustriert angesichts der breiten Unterstüzung Aristides durch das verarmte Volk bediente sich die Opposition fortwährend unlauterer (propagandistischer) Mittel (Medien in privater Hand), um die Autorität des Präsidenten zu untergraben. Die USA tat das Ihre (das ihr Übliche) mittels eines Embargos, welches das Land immer tiefer in die Armut drückte.

...

Als auch das nicht den Sturz herbeibringen wollte, bediente man sich des altbewährten Mittels der Putschisten-132 Coups hat das Land bisher erleiden müssen-die vor 13 Jahren, zwischen 1991 bis 1994, mittels des Militärs und der paramilitärischen Einheit FRAPH das Land terrorisierten. Sie zwangen Aristide (damals erster und erst frisch gewählter Präsident des Landes) ins Exil, und mordeten die demokratische Basis des Landes. Mehr als 5000 Menschen wurden unter den Augen der Weltöffentlichkeit abgeschlachtet. Guy Philippe war führendes Mitglied der dreijährigen Militärjunta.

...

Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit setzte der damalige US Präsident Bill Clinton, der bis dahin Flüchtlinge aus Haiti in den Tod zurückdeportieren ließ, den rechtmäßig gewählten Präsidenten Haitis Jean-Bertrand Aristide wieder in sein Amt ein.

War das damals ein Pressespektakel! Die USA setzen mit ihrer Interventions - Armee für alle sichtbar „Demokratie" durch, und das sogar in Haiti.

Prächtiges Schauspiel. Reines Hollywood.

Aristide beendete seine erste Amtszeit, d.h. die kurze Zeit, die davon noch übrig geblieben war, durfte danach nicht wieder kandidieren, konnte jedoch später mit einem dritten Wahlsieg seiner Lavalas Partei eine zweite Amtszeit antreten, die nun wieder gewaltsam beendet worden ist.

....

Seit 1994 versucht die Lavalas Regierung die Mörder des dreijährigen Terrorregimes zur Rechenschaft zu ziehen. Einige konnten gefaßt und verurteilt werden. Andere genossen im Ausland Asyl, wie z.B. der Kopf der FRAPH, Emanuel "Toto" Constant, der seit Jahren in New York City lebt. Guy Philippe, dessen Idol erklärtermaßen der chilenische Diktator Augusto Pinochet ist, ist ein mehrfach verurteilter Drogenhändler und Mörder. Er erhielt mit anderen ehemaligen Putschisten ab 1994 militärisches Sondertraining durch US-amerikanische Sondereinheiten in Ekuador und wurde mittels außenpolitischen Drucks aus den USA in die Polizeiführung Haitis integriert, wo er sich durch Menschenrechtsverletzungen (Exekutionen) berüchtigt machte und schließlich, um Strafverfolgungen zu entgehen, in die Dominikanische Republik flüchtete.

Um die Putschgefahr zu beseitigen, löste Aristide die Armee auf.

Diese Idee Aristides, mit der seit den Zeiten des Diktators Duvalier stets putschbereiten Armee auch die Putschgefahr aufzulösen, scheint bestechend. Doch es gibt eine Nation auf dieser Welt, die Meister ist im Aufstellen und Aus-dem-Hut-Zaubern von „Befreiungsarmeen". Wer ist das? Dreimal dürfen Sie raten.

Die Lavalas - Bewegung war jedenfalls schlecht beraten, auf die „demokratische Integrität" des US - Imperialismus zu setzen.


Angesichts dieser relativen militärischen Schwäche Haitis, starteten nun Guy Philippe und seine paramilitärische Truppe wiederholt von der Dominikanischen Republik aus Putschversuche. Sie scheiterten allesamt, einschließlich des letzten im Jahre 2002. Schließlich lieferten die USA 36000 modernste Waffen (Maschinengewehre des Typs M 16) an die Dominikanische Republik, mit denen sich Philippe und seine terroristische Einheiten ausrüstete. Vor einem Monat begannen diese Mörderbanden das Land Haiti zu destabilisieren. Eine internationale Schutztruppe hätte diese Mörderbande von vielleicht zweihundert Terroristen leicht entwaffnen können.

Das waren noch Illusionen, sogar für einen Aktivisten von ANSWER.
Aus heutiger Sicht muß man sagen, dass eine „internationale Schutztruppe" ein noch schlimmeres Übel ist als es die 200 Söldner Guy Philippe es waren. Fazit: Auflösung der Armee war nicht ausreichend. Aristide hätte die Bewohner der Slums bewaffnen und die alte putschlüsterne Armee durch Volksmilizen ersetzen müssen. Nur das hätte eine solche kombinierte Intervention zurückweisen können.

Tatsächlich scheint es auch eine sehr rohe Form von Volksmilizen in Haiti zu geben. Gewöhnlich werden sie von ihren bandenbildenden Widersachern "Banden" genannt.

Kalkulierte Untätigkeit der Weltgemeinschaft jedoch signalisierte den Mordbrennern Rückendeckung. Der Verrat an der jungen Demokratie war perfekt, ihr Sturz nur eine Frage der Zeit. Den USA, die vordergründig den Vermittler spielten, war es gelungen, Aristide mit der akuten Gewalt ihrer Waffen in der Hand der Rebellen zum Rücktritt zu erpressen.

Doch Aristide ließ sich nicht erpressen. Anders als die Opposition zeigte er sich immer verhandlungs- und kompromißbereit und trotzte bis zuletzt der amerikanischen Forderung zum Rücktritt. Die USA zeigte sich nun immer offensichtlicher im Bund mit den berüchtigten Rebellen, und verlieh ihrer Rücktrittsforderung durch die Rebellen, die sie zu diesem Zweck bewaffnet hatten, blutigen Ausdruck. In der Nacht zum vergangenen Sonntag schließlich wurde Aristide gekidnapt und gegen seinen Willen mit einem amerikanischen Flugzeug, eskotiert von Soldaten in die Zentralafrikanische Republik ausgeflogen, wo er und seine Frau Mildred (eine Amerikanerin) nun gewissermaßen als Geißeln und Gefangene der USA festgehalten werden.

So sieht es also aus mit freien Wahlen und Demokratie im Imperium. Immerhin wurde Aristide nicht einfach liquidiert wie so viele andere. Das konnten die USA sich damals einerseits nicht unbedingt vor „den Augen der Weltöffentlichkeit" leisten, andererseits wollte man sich den unbequemen aber naiven Aristide wohl noch für andere Zwecke „sicherstellen".

Offiziell wurde über die gelenkten Weltmedien verbreitet, Aristide habe sich vor den unaufhaltsam vorrückenden Philippe - Söldnern bei der USA - Armee ( die als UN - „Friedenstruppe" im Land weilte) in Sicherheit gebracht und sei zurückgetreten.

Aristide hatte noch am Tag nach seinem gewaltsamen Sturz mittels eines Mobiltelephons, das ihm während der Geißelnahme heimlich zugeschoben werden konnte, von der Zentralafrikanischen Republik aus erklären können, daß er nicht zurückgetreten, sondern Opfer eines Staatsstreiches geworden sei.

Was irgendwie an den verhunzten CIA - Putsch gegen Chavez in Venezuela erinnert. Der scheiterte. Gegen Aristide auf Haiti allerdings war der Imperialismus erfolgreich.

Mittlerweile haben die Schergen Guy Philippes Dutzende von Aristide Anhängern hingerichtet (die Medien berichten von 130 Toten) das Haus des Premierministers Yvon Neptune niedergebrannt, Kampfgenossen aus den Gefängnissen befreit, die sich nun an der Mordbrennerei beteiligen dürfen.

Das wurde 2004 so geschrieben.

Aristide war also durch eine Kombination von Putsch und militärischer Intervention unter Einschluß von faschistischen Banden als gewählter Präsident entmachtet und ins Ausland entführt worden.


Seitdem versuchen die USA unter dem Deckmantel einer UN - Friedenstruppe eine verlässliche Marionettenregierung in Haiti zu installieren.

Der jetzige Präsident Haitis, Preval, entstammt zwar ursprünglich auch der Lavalas - Bewegung, hat sich aber von dieser Bewegung und von Aristide losgesagt und ist längst eine verachtete US - Marionette geworden. Er wurde 2006 unter dubiosen Rahmenbedinguingen zum Präsidenten Haitis gewählt.

Aristide, der sich gezwungenermaßen im Ausland aufhält, da er nicht mehr in das Land gelassen wird, greift die UN - Besatzung seines Landes erbittert an, da sie nur den Interessen der USA, Frankreichs und Kanadas dient.

Die mächtige Lavalas - Bewegung, die einst die Duvalier - Diktatur stürzte ist gespalten in eine regierende neoliberale OPL und die oppositionelle Fanmi Lavalas (neue Lavalas), die sich auf die Armenghettos stützt.

Haiti findet im medialen Fokus wenig Beachtung. Haiti hat kaum interessante Rohstoffe. Auch für die USA ist das Land in seinem Elend nur insoweit interessant, dass sie dafür sorgen wollen, dass es nicht zu einer kubanischen Entwicklung auf dieser Insel kommt.

Doch die oppositionelle Bewegung der Slumbewohner konnte bislang weder durch pinochet-artige Putsche, noch durch ihren Verrat durch die OPL, noch durch die Besetzung des Landes durch UN-Truppen gebrochen werden. Das ist auch kein Wunder, wenn die verarmte Bevölkerung sich im wahrsten Sinne des Wortes von Dreck ernähren muß.


Ein Überblick über die komplizierte Geschichte Haitis findet sich bei wikipedia , wobei die englischen Texte ergiebiger sind.

Einige Quellen

Al Jazzera

Wiener Zeitung

zu den Hintergründen der Absetzung des damals mit
überwältigender Mehrheit gewählten Präsidenten Aristide.


http://nemetico.myblog.de/nemetico/art/5545862/Hungerrevolte_auf_Haiti

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