| Vor 60 Jahren: Die Staatsgründung Israels |
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| von Lance Selfa |
08.05.2008
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Die Balfour-Erklärung erwuchs aus den Gesprächen zwischen Britannien und Frankreich über die Aufteilung des osmanischen Reiches, die dem Ersten Weltkrieg folgten. 1915 schug der britische Kabinettsminister Herbert Samuel vor, Britannien solle ein jüdisches Protektorat in Palästina einrichten. Die Kabinettsmehrheit war gegen den Plan. „Nur merkwürdig, dass der einzig andere Verfechter dieses Planes Lloyd George ist, der sich, was ich eigentlich nicht erwähnen muss, einen feuchten Kehricht um die Juden, ihre Vergangenheit oder ihre Zukunft schert, aber denkt, eine Welle der Empörung könne sich erheben, wenn die Heiligen Stätten in den Besitz oder unter das Protektorat des ‚agnostischen und atheistischen Frankreichs‘ fallen", schrieb Samuel. Dennoch erließ Britannien zwei Jahre später die Balfour-Erklärung. Was hatte sich im britischen Kalkül verändert? Ein Anhaltspunkt findet sich in der Tatsache, dass Britannien die Erklärung nur Tage vor der russischen Oktoberrevolution herausgab. Sowohl Britannien als auch die Zionisten sahen einen jüdischen Staat als imperialistisches Bollwerk gegen die Ausbreitung des Bolschewismus. Winston Churchill, damals ein Kabinettsminister der Tories erläuterte später die britischen Motive für das Nachgeben gegenüber den zionistischen Erwartungen: „Ein jüdischer Staat unter dem Schutz der britischen Krone [...] wäre unter jedem Gesichtspunkt von Vorteil und stünde im Einklang mit den wahrhaftigsten Interessen des British Empire." Das ausschlaggebende Interesse war es, die Pläne des russischen Revolutionärs Leo Trotzki für das „Projekt eines weltweiten kommunistischen Staates unter jüdischer Herrschaft" zu stoppen. Somit zeigte Churchill sich sowohl als eifriger Zionist als auch als fanatischer Antisemit.
Rechter und linker Zionismus
In der Balfour-Erklärung versprach Britannien den Zionisten sowohl Palästina als auch Transjordanien (das heutige Jordanien). Der Druck aus den arabischen Ländern zwang Britannien, das Versprechen im Fall Jordaniens 1922 zu brechen. Die etablierte zionistische Bewegung unter Führung David Ben-Gurions und Chaim Weizmans akzeptierte die britische Entscheidung. Später stimmten sie auch dem britischen Entschuss zu, die jüdische Einwanderung nach Palästina zu begrenzen. Dieser Umstand verursachte eine Spaltung in der zionistischen Bewegung, als der polnische Schrifsteller Wladimir Jabotinsky gegen Ben-Gurions und Weizmans Realpolitik protestierte. Jabotinsky meinte, die Zionisten sollten an der Übernahme „beider Jordanseiten" festhalten und den Einschränkungen Britanniens die Stirn bieten. Zur Beschwichtigung der arabischen Meinung bezeichnete die Zionistische Weltorganisation ihre Kolonie in Palästina als „Heimstätte". Aber Jabotinsky verlangte, die Zionisten sollten ihr Ziel, die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina, offen aussprechen. Jabotinskys Programm lief auf eine Revision der Strategie der Zionistischen Weltorganisation hinaus, womit er seinen Anhängern innerhalb der zionistischen Bewegung die Bezeichnung ‚Revisionisten‘ einhandete.
In seinem Aufsatz Die eiserne Mauer von 1923 schrieb er unverblümt:
„Für Palästina können wir keine Abfindung entrichten, weder an die Palästinenser noch an die Araber. Deshalb können wir keine freiwillige Vereinbarung erzielen. Selbst die eingeschränkteste Kolonisierung muss dem Willen der Einheimischen zum Trotz fortgesetzt werden. Daher kann sie nur unter dem Schild der Gewalt fortgesetzt und entwickelt werden, der aus einer eisernen Mauer besteht, die die lokale Bevölkerung niemals durchbrechen kann. Das ist unsere Araberpolitik. Jede andere Formulierung wäre Heuchelei."
Jabotinsky stellte die erste große Bedrohung für die Vorherrschaft der Ideologie des ‚Arbeiterzionismus‘ in der zionistischen Hauptströmung dar. Der Arbeiterzionismus, der seine Wurzeln auf die Poale Zion-Bewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts zurückführte, dominierte alle wesentlichen Einrichtungen des Zionismus und die Yishuv, die jüdische Siedlergemeinde in Palästina. Wenn der Bund die Sozialisten vertrat, die dem Nationalismus nachgaben, dann repräsentierte der Arbeiterzionismus die Nationalisten, die sozialistisch klingende Rhethorik benutzten, um Anhänger aus den wirklich sozialistischen Parteien zu rekrutieren.
Die für den Arbeiterzionismus bezeichnenden Institutionen im vorstaatlichen Palästina waren die ‚Gewerkschaft‘ Histadrut (der Allgemeine Arbeiterverband im Land Israel) und die Kibbuzim, ein Netzwerk kommunaler Siedlungen, die schon öfter mit utopisch-sozialistischen Gemeinden verglichen wurden. Beide Einrichtungen wurden im Staat Israe beibehalten. Viele Israelanhänger benutzen sie als Zeugnis für die Existenz eines ‚Sozialismus‘ im zionistischen Unternehmen. Aber sie bilden nur einen weiteren Teil der zionistischen Geschichte, in dem die Mythen mit der Realität kollidieren.
Bei ihrer Gründung beschränkte die Histadrut ihre Mitgliedschaft strikt auf jüdische Arbeiter. Erst 1960 gestattete sie palästinensischen und arabischen Bürgern Israels offiziell den Beitritt. Ein Jahr nach ihrer Gründung besaß sie Unternehmensbeteiligungen und eine Bank. Das Kapital für diese Unternehmen stammte nicht von den ursprünglich 5.000 Mitgliedern, sondern von der jüdischen Behörde der internationalen zionistischen Bewegung. Mit anderen Worten, die Histadrut lebte (und lebt auch weiterhin) von ihrer Rolle als Investitionskanal für den Weltzionismus. Die Histadrut bildete das Rückgrat für den jüdischen „Staat in der Warteposition, kontrollierte den Hauptstrom der zionistischen Siedlungsprojekte, die wirtschaftliche Produktion und den Handel, die Beschäftigung von Arbeitern und mit der Haganah auch die Verteidigung." Einer ihrer ersten Führer (der spätere israelische Verteidigungsminister) Pinhas Lavon beschrieb sie auf folgende Weise: „Unsere Histadrut ist durch und durch eine allgemeine Organisation. Sie ist keine Gewerkschaft, obwohl sie sich perfekt mit den Bedürfnissen der Arbeiter deckt."
Auch die Kibbuzim beschränkte ihre Mitgliedschaft ausschließlich auf Juden. Kibbuzland verstand sich als Eigentum ‚der Nation‘, das im vorstaatlichen und israelischen Recht als Besitz des ‚jüdischen Volkes‘ definiert wurde. Deshalb kann kein Araber darauf hoffen, einmal einem Kibbuz beizutreten. Mehr noch, in der vorstaatlichen Periode diente die Kibbuzim als militärische Angriffsbasis im zionistischen Besiedlungsplan. Die „strategischen Überlegungen, die dem zionistischen Siedlungsprojekt zugrunde lagen, entschieden weitestgehend über das Schicksal vieler Regionen des Landes", weil die Milizabteilungen der Haganah die Palästinenser von Kibbuzlagern aus angriffen.
Bis 1977, als der nach eigener Bezeichnung Terrorist Menachem Begin Israels erster revisionistischer Premierminister wurde, repräsentierten die Arbeiterzionisten in der Sicht der meisten Menschen den ‚Zionismus‘. Aber die Arbeiterzionisten - die zionistische ‚Linke‘ - und die Revisionisten - die zionistische ‚Rechte‘ - unterschieden sich eher in ihren Mitteln als in ihren Zielen. Beide kämpften für einen ausschließlich jüdischen Staat. Wie die südafrikanischen Herrscher unter der Apartheid waren die Revisionisten willens, die einheimische Bevölkerung einzusetzen. Die Arbeiterzionisten versuchten, die palästinensischen Arbeiter durch jüdische zu ersetzen. Beide suchten die Unterstützung des Imperialismus. Die Arbeiterzionisten wandten sich an den britischen Imperialismus, die Revisionisten machten Italien und dem deutschen Faschismus Avancen.
Die Kolonisierung Palästinas
Die Zionisten versuchten, sich einzureden, Palästina sei ein unbewohntes Land. Nun wohnte in der osmanischen Provinz aber seit 1.300 Jahren eine moslemisch-arabische Mehrheit - Seite an Seite mit Juden und Christen. 1882 beheimatete Palästina eine Bevölkerung von 24.000 Juden und 500.000 Arabern. 1922, nach mehr als zwei Jahrzehnten zionistisch geförderter Besiedlung, hatte das Land eine Bevölkerung von fast 760.000 Menschen, 89 Prozent von ihnen palästinensische Araber.
Die Zionisten erwarben in den 20er Jahren Land - und einen Brückenkopf in Palästina - von abwesenden arabischen Landbesitzern. In den 30er Jahren verkauften reiche Palästinenser ihre Grundstücke an die Zionisten. Es waren keine einzelnen jüdischen ‚Pioniere‘, die das Land kauften. Zionistische Organisationen wie der Jüdische Nationalfonds erwarben Boden, um eine Basis für die jüdische Besiedlung des Landes zu schaffen. Die Zionisten vertrieben die palästinensischen Bauern von ihrem Land und zwangen sie so in die Armut. Die britischen Behörden gewährten den Zionisten privilegierten Zugang zu Wasser und anderen wichtigen Ressourcen.
Nach ihrer Niederlassung in Palästina begaben die Zionisten sich unter den Augen der britischen Mandatsbehörden an den Aufbau einer separaten jüdischen Wirtschaft und Regierung. Ihre Wirtschaftspolitik nannten sie die ‚Eroberung von Land und Arbeit‘, eine blumige Umschreibung für den Ausschluss der Palästinenser vom Wirtschaftsleben des Landes. Unter der Parole ‚jüdisches Land, jüdische Arbeit, jüdische Waren‘ vertrieben die Histadrut, die Kibbuzim und die Moshavim (landwirtschaftliche Genossenschaften) die Palästinenser aus ihrer Arbeit und von ihrer Lebensgrundlage. Histadrut-Mitglieder betätigten sich als Schlägertrupps gegen Palästinenser:
„Histadrut-Mitglieder bezogen Posten vor jüdischen Plantagen, um zu verhindern, dass arabische Arbeiter eine Stelle bekamen. Aktivistentrupps stürmten die Marktplätze und gossen Kerosin über Tomaten aus arabischen Gärten oder warfen Eier kaputt, die Jüdinnen von ihren arabischen Händlern gekauft hatten."
Die Palästinenser kämpften gegen ihre Zwangsenteignung an. 1936 lancierten palästinensische Organisationen einen Generalstreik gegen ihre zunehmende Armut, die Zionisten und die britischen Förderer des Zionismus. Der Streik und wiederholte bewaffnete Aufstände sollten noch drei Jahre andauern, ehe sie unter dem Gewicht der zionistischen und britischen Unterdrückung zusammenbrachen. Die Rolle der Zionisten in der palästinensischen Revolte zeigte deutlich, dass der Arbeiterzionismus nichts mit echter Arbeitersolidarität gemeinsam hatte. Die Histadrut organisierte Streikbrecher gegen die Arbeitsniederlegung. Sie kollaborierte mit den Briten, um arabische Streikende im Hafen von Haifa und bei der palästinensischen Eisenbahn durch jüdische Arbeiter zu ersetzen. Für die Zerschlagung des palästinensischen Aufstandes bewaffneten die Briten sogar die zionistischen Milizen. „Mit zwei Divisionen, Luftgeschwadern, der Polizeigewalt, den transjordanischen Grenztruppen und 6.000 jüdischen Hilfssoldaten, waren die britischen Kräfte den palästinensischen zehn zu eins überlegen." Trotzdem waren drei Jahre zur Zerschlagung der Revolte notwendig.
Die Intensität des Aufstandes erklärt sich aus der Deutlichkeit, mit der sich die zionistische Bedrohung für Palästina in den 30er Jahren abzeichnete. Tausende Juden auf der Flucht vor ihrer Verfolgung in Zentral- und Osteuropa - denen Britannien, die USA und andere westliche Länder die Einreise verweigerten - machten sich auf den Weg nach Palästina. Zwischen 1931 und 1945 schwoll die jüdische Bevölkerung Palästinas von 174.000 auf 608.000 Menschen an. Während Juden vor der israelischen Staatsgründung 1948 nur ein Drittel der Bevölkerung ausmachten, bildeten sie dennoch eine gut bewaffnete und mächtige Minderheit. Und mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung nahmen auch die zionistischen Provokationen gegen die Palästinenser zu.
Der Weg nach al-Nakbah
Ohne den Holocaust wäre der Staat Israel wohl nie gegründet worden. Die Zionisten rekrutierten Einwanderer für den israelischen Staat aus den Tausenden Holocaustüberlebenden, deren europäische Gemeinden vernichtet waren. Wohl noch wichtiger, der Holocaust bot eine überzeugende Rechtfertigung für einen jüdischen Staat. Er bewies, dass Gois von Natur aus antisemitisch seien, so die Argumentation der Zionisten. Juden, die in Goi-Gesellschaften lebten, drohe daher ständig die Gefahr der Vernichtung. Gegen Ende des Krieges stimmten die meisten Juden den Zionisten zu. Mehr noch, die physische Auslöschung alternativer jüdischer Strömungen innerhalb der jüdischen Gesellschaft durch die Nazis erhöhte die Unterstützung des Zionismus. Während die Nazis während der 30er und 40er Jahre bereitwillig mit den Zionistenführern verhandelten, sorgten sie für die Ermordung jedes Kommunisten, Sozialisten oder jüdischen Widerstandskämpfers, den sie in die Hände bekamen.Der Krieg zwang die Briten, einen Großteil ihres Empires einschließlich Palästina zu evakuieren. Britannien überließ den Vereinten Nationen (UN) die Aufgabe, das Schicksal Palästinas zu entscheiden. Im November 1947 stimmten die UN einem Teilungsplan zu. Dieser Plan garantierte den Zionisten die Kontrolle über 55 Prozent des Landes (obwohl sie nur ein Drittel der Landesbevölkerung repräsentierten). Der palästinensischen Mehrheit überließ man 45 Prozent ihres eigenen Landes. Jerusalem sollte eine ‚internationale Stadt‘ werden, die Juden, Christen und Moslems freien Zutritt gewährte.
In der Öffentlichkeit akzeptierten die Zionistenführer den UN-Teilungsplan. Unter sich bereiteten sie einen Militärschlag zur Eroberung von soviel Land wie nur möglich vor. Judah L. Magnus, Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem und Vertreter einer binationalen arabisch-jüdischen Staatenlösung, erklärte die zionistische Logik von 1947:
„Wenn überhaupt, kann man einen jüdischen Staat nur durch Krieg erzielen [...] Mit einem Araber kann man über alles reden, aber nicht über einen jüdischen Staat. Das liegt in der Natur der Sache, den ein jüdischer Staat läuft darauf hinaus, dass Juden andere Menschen regieren werden, die in diesem Staat leben. Jabotinsky wusste das schon vor geraumer Zeit. Er war der Prophet des jüdischen Staates. Jabotinsky wurde geächtet, verflucht und verbannt. Aber nun müssen wir einsehen, dass die gesamte zionistische Bewegung seine Ansichten übernommen hat".
Wie Magnus vorausgesehen hat, vereinigten sich zionistische ‚Rechte‘ und ‚Linke‘, um das Land an sich zu reißen. Sie setzten Terror, psychologische Kriegsführung und Massaker ein, um den Palästinensern Angst einzuflößen. Im bekanntesten Gemetzel haben die revisionistische Irgun und die Milizen der Kämpfer für die Freieheit Israels - deren Führer die späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin und Jitzhak Shamir waren - das gesamte palästinensische Dorf Dir Yassin ermordet. Die Kommandos „stellten Männer, Frauen und Kinder in einer Reihe an eine Wand und erschossen sie" laut einem Bericht des Roten Kreuzes über das Blutbad. Nach Dir Yassin setzten die Zionisten die Androhung weiterer Massaker ein, um die Menschen zur Flucht aus ihren Häusern zu treiben - einschließlich der Bewohner von Städten wie Haifa und Jaffa.
Der israelische Militärkommandant Jitzhak Rabin überwachte die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung von Lydda. Er beschrieb das Ereignis:
„Jigal Allon fragte Ben-Gurion, was mit der Zivilbevölkerung geschehen solle. Ben-Gurion schwang seine Hand in einer Geste des ‚Jagt sie raus‘. Der Begriff ‚Rausjagen‘ klingt brutal. Psychologisch war das eine unserer schwierigsten Aktionen. Die Bevölkerung Lyddas ging nicht freiwillig. Es gab keine Möglichkeit, den Einsatz von Gewalt und Warnschüssen zu vermeiden, um die Einwohner die 15 oder 25 Kilometer zu jenem Punkt in Gang zu setzen, an dem sie auf die arabische Legion treffen würden."
Jahrelang machte die zionistische Geschichtsschreibung bestimmte ‚Fakten‘ für den Krieg von 1948 geltend: das kleine Israel habe einer überwältigenden arabischen Feuerkraft gegenübergestanden, die Palästinenserführer hätten die Palästinenser zum Verlassen des Landes aufgefordert, es habe keinen zionistischen Plan zur Vertreibung der Palästinenser gegeben, die Palästinenser hätten eine Teilung abgelehnt und den Krieg begonnen. Nun hat die neuere Geschichtsforschung - die sich auf streng geheime Akten des israelischen Verteidigungsministeriums stützen konnte - all diese Behauptungen allerdings als Lügen entlarvt. Als der Krieg beendet war, hielten die Zionisten 77 Prozent von Palästina besetzt, einschließlich 95 Prozent der für Landwirtschaftschaft bestens geeigneten Grundstücke. Der israelische Staat hatte 80 Prozent von privatem Palästinenserland gestohlen. Über 750.000 Palästinenser waren aus ihren Häusern vertrieben, in die nun Juden einzogen. Die palästinensische Gesellschaft war vernichtet. Aus diesem Grund nennen die Palästinenser das Geschehen von 1948 al-Nakbah (‚die Katastrophe‘).
1949 begrüßte ein Kibbuz Mitglieder der ‚sozialistischen‘ Hashomer Hazair aus den USA und Kanada zur Besiedlung eines 1948 eroberten palästinensischen Dorfes. Die erste Aktion des Kibbuz war die Zerstörung der Dorfmoschee. Ein Hashomer-Mitglied schrieb in sein Tagebuch: „Das musste getan werden. Das Bewahren des Symbols eines Volkes, das sich bei nüchterner und unsentimentaler Betrachtung als unser erbittertster Feind erwiesen hat und dem wir die Rückkehr niemals gestatten würden, wäre sinnlos gewesen. Nun ist es eine Ruine, und dennoch sind sich die meisten von uns einig, dass es so besser ist. Die armseligen Hütten, der Dreck, die mittelalterliche Athmosphäre - sie sind größtenteils verschwunden. Bringt die Bulldozer und lasst uns Bäume pflanzen."
Auf dem Fundament von Krieg und Mord wurde der israelische Staat errichtet. Der Zionismus hatte sein lang ersehntes Ziel erreicht - einen jüdischen Staat. Aber wie die hundertjährige Geschichte des politischen Zionismus und die sechzigjährige Geschichte des Staates Israel zeigen, gibt es zum Feiern keinen Grund. Mitglieder der Sozialistischen Organisation Israels, einer revolutionär-sozialistischen Organisation, drückten das 1972 am besten aus:
„Der Zionismus hat das nationale Erwachen und brüderliche Solidarität versprochen; erzeugt hat er eine Gesellschaft zunehmender Ungleichheit, rassistischer Diskriminierung und kultureller Unterdrückung. Der Zionismus hat Unabhängigkeit versprochen; zustande gebracht hat er eine Gesellschaft, in der der Ministerpräsident dem Volk gegenüber regelmäßig betonen muss, dass die Existenz der Nation von der Lieferung der nächsten 50 oder 100 Phantom-Jets aus den USA abhängt [...] Der Zionismus versprach den Juden physische Sicherheit; heute ist Israel für Juden der gefährlichste Ort auf der Welt, und das wird er solange bleiben, wie die israelisch-jüdische Gesellschaft ihren Kolonialcharakter und ihre Funktion als imperialistisches Werkzeug beibehält."
Lance Selfa ist Mitglied der amerikanischen ISO. Aus „Klassenkampf" Nr. 35
Zur Gründung des Staates Israel siehe auch
Israel, das Öl und der 3. Weltkrieg in der Linken Zeitung.
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Zionismus - der falsche Erlöser
Seinen kraftvollsten Ausdruck erhielt der politische Zionismus 1896 mit dem Judenstaat, einer Abhandlung des jüdisch-österreichischen Journalisten Theodor Herzl, der als ‚Vater‘ des politischen Zionismus gilt. Herzl, ein weitgereister Mann, behandelte den Prozess gegen Alfred Dreyfus in Paris 1894, einen Artilleriehauptmann, den die französischen Militärbehörden als Spion darstellten. Die Dreyfus-Affaire förderte die erschreckenden antisemitischen Stereotype des französischen Establishments zutage. Andererseits beflügelte sie auch eine internationale antirassistische Kampagne, die der nichtjüdische Journalist und Schriftsteller Emile Zola anführte. Der Druck der Massen - den die sozialistische Bewegung zu organisieren half - zwang die französische Regierung, Dreyfus zu rehabilitieren. Die Gerichte fanden später „mildernde Umstände", die seine Strafe reduzierten. Der Aufschrei gegen den Dreyfus-Prozess setzte der französischen Rechten und den Institutionen wie der Armee und der katholischen Kirche ernsthaft zu, die den Antisemitismus schürten. Man kann den Fall Dreyfus durchaus als Beispiel für die Möglichkeit für die Vereinigung von Juden und Nichtjuden im Kampf gegen den Antisemitismus sehen. Herzl tat das nicht. Rückblickend schrieb er in sein Tagebuch: „In Paris [...] gelangte ich zu einer entspannteren Haltung gegenüber dem Antisemitismus, den ich nun historisch zu begreifen und zu entschuldigen begann. Vor allem erkannte ich die Sinnlosigkeit des Versuches, den Antisemitismus zu bekämpfen."
1897 berief Herzl im schweizerischen Basel den ersten Zionistischen Kongress ein. 200 Delegierte aus 17 Ländern bewilligten den Aufbau einer Zionistischen Weltorganisation zur Kampagne eines „öffentlich anerkannten, rechtlich abgesicherten Heimatlandes in Palästina". Später behauptete Herzl in aller Bescheidenheit: „Wenn ich den Baseler Kongress in einem Satz zusammenfassen soll, würde ich sagen: In Basel habe ich den Judenstaat erschaffen." Nun stand Herzl aber beim Aufbau eines jüdischen Staates in Palästina vor einem Problem. Äußerst wenig Juden interessierten sich dafür. Zwischen 1880 und 1929 emigrierten fast 4 Millionen Juden aus Russland, Österreich-Ungarn, Polen, Rumänien und anderen Ländern. Nur 120.000 von ihnen gingen nach Palästina. Mehr als 3 Millionen von ihnen immigrierten in die Vereinigten Staaten und nach Kanada. 1914 gab es nur etwa 12.000 Mitglieder zionistischer Organisationen in den gesamten USA. Gleichzeitig waren genauso viele Juden Mitglieder in der Sozialistischen Partei - allerdings nur auf der Lower East Side im New Yorker Stadtteil Manhattan.
1917 zeigte die Oktoberrevolution, wie die sozialistische Strategie zur Judenemanzipation in der Praxis aussah. In dem Land, in dem der Zar und seine Handlanger den Antisemitismus zur Spaltung der Arbeiter eingesetzt hatten, wählten die russischen Arbeiter jüdische Bolschewiki wie Trotzki, Sinowjew, Kamenew und Swerdlow in führende Positionen. Die Revolution rief die Religionsfreiheit aus und schaffte alle zaristischen Einschränkungen der Ausbildung und Niederlassung für Juden ab. Während des Bürgerkrieges 1918-1922 gegen die konterrevolutionären Armeen, die Juden zu Tausenden massakrierten, verhängte die Rote Armee schwere Strafen - einschließlich der Exekution - für Pogromisten in ihren Reihen. Innerhalb der Arbeiterregierung besaß Jiddisch denselben Status wie andere Sprachen. Ein Kommissariat für jüdische Angelegenheiten und eine Kommission innerhalb der bolschewistischen Partei arbeiteten beide auf die Mitwirkung der Juden an den Aufgaben des Arbeiterstaates und die Gewinnung der jüdischen Massen für den Sozialismus hin. Die Anfangsjahre der Revolution erlebten ein nie dagewesenes Aufblühen des Jiddischen und des jüdischen Kulturlebens mit. 1926-1927 besuchte die Hälfte der jüdischen Schüler jiddische Schulen, und zehn Staatstheater führten jüdische Stücke auf. Ende der 20er Jahre arbeiteten fast 40 Prozent der jüdischen arbeitenden Bevölkerung für die Regierung.



















