All das ficht die Vertreter der deutschen Parteistiftungen nicht
an. Nach Informationen aus Delegationskreisen bezeichneten die lokalen
Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung die jüngsten Initiativen des
Präsidenten des Bürgerkriegslandes als „sehr positiv“. Ein Ziel der
CDU-nahen Stiftung sei es deswegen, „das Bild Kolumbiens in Deutschland
zu verbessern“. Rund vier Millionen Binnenflüchtlinge dürfen dann
natürlich nicht erwähnt werden.
Ort und Zeitpunkt der
Tagung waren bewusst gewählt. Wenige Tage vor dem Gipfeltreffen der
Staats- und Regierungschefs Lateinamerikas, der Karibik und der
Europäischen Union lud die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung am 13. und
14. Mai zu einer internationalen Kuba-Konferenz[I]. "Quo Vadis,
Cuba?", wurde im Titel gefragt – doch der vorgesehene Weg stand fest.
Zu der öffentlich vorab nicht beworbenen Veranstaltung in der Brüssler
Rue Belliard kamen Vertreter der konservativen Rechten aus der EU mit
hochrangigen US-Funktionären zusammen. Gemeinsam beriet man, wie ein
Systemwechsel in dem Karibikstaat forciert werden kann. Der
Lateinamerika-Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Hartwig
Blomeier[II], debattierte unter anderem mit Funktionären der
spanischen "Volkspartei", dem ehemaligen Coca-Cola-Manager und
Präsidenten Mexikos, Vicente Fox, und zahlreichen Vertretern
rechtsgerichteter kubanischer Exilorganisationen die "Perspektiven für
Kuba nach Fidel Castro". Aus Übersee waren zudem die Vorsitzenden des
Verbandes der christdemokratischen Parteien Lateinamerikas, ODCA[III], angereist, aus Washington kam der "Transitionsbeauftragte" der US-Regierung für Kuba, Caleb McCarry[IV].Harald Neuber, Hintergrund / Für Stimme des Neuen Kolumbien
Die
neue Linie Berlins gegenüber Lateinamerika wird indes nicht nur von den
Regierungsparteien SPD und CDU exekutiert, sondern vor allem von den
von ihnen finanzierten Stiftungen. Neben der CDU-nahen
Konrad-Adenauer-Stiftung ist für die SPD die Friedrich-Ebert-Stiftung
aktiv. Die CSU ist mit der Hanns-Seidel-Stiftung in Lateinamerika und
der Karibik vertreten und die FDP mit der Friedrich-Naumann-Stiftung.
In ihren Selbstdarstellungen geben sie alle die Unterstützung von
Demokratie und Rechtsstaat als Grundlage ihres politischen Engagements
südlich der USA an. Beim genaueren Hinsehen aber ergibt sich ein
anderes Bild.
Gezieltes Vorgehen gegen linke Akteure
Mitte Februar enthüllte der Autor der Berliner „tageszeitung“, Toni Keppler, einen Skandal[VIII]
um die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung. Zu Beginn des
Präsidentschaftswahlkampfes in El Salvador hatte sie den
venezolanischen Politberater Alfredo Keller beauftragt, für die in dem
mittelamerikanischen Land regierende ultrarechte
Republikanisch-nationalistische Allianz (Arena) eine Strategiestudie zu
erstellen. Der „Arena“ werden nach zwei Jahrzehnten an der Macht kaum
mehr Chancen gegen dem Präsidentschaftsanwärter Mauricio Funes von der
linken Oppositionspartei Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí
(FMLN) eingeräumt. Keller, der schon der linksgerichteten Regierung in
seinem Herkunftsland Venezuela einen „rachsüchtigen autoritären
Sozialismus“ unterstellt[IX] hat, kassierte deutsche
Steuergelder, um der Arena-Partei einen simplen Ratschlag zu geben. Sie
habe nur eine Chance, wenn sie ihren Herausforderer Funes diffamiere.
Laut der 90-seitigen Studie haben 50 Prozent der Befragten ihre
Zustimmung für die Arena-Partei erklärt, wenn sie suggestiv gefragt
wurden: „Wen würden Sie wählen, wenn Ihnen bewiesen würde, dass der
Kandidat der FMLN, Mauricio Funes, das Land kommunistisch umwälzen, das
Privateigentum abschaffen, die Kinder sozialistisch indoktrinieren, die
Beziehungen zu den USA abbrechen und eine autoritäre Regierung
errichten will?“
Obgleich der Eingriff in die Innenpolitik durch
die Studie offensichtlich ist, heißt es in einer Stellungnahme der
deutschen Bundesregierung, rechtliche Verstöße seien durch das Vorgehen
„nicht erkennbar“. Nachzulesen ist das in einer Antwort[X] der großen Koalition auf eine Anfrage[XI] der Linkspartei im Bundestag.
Ein
solch wohlwollender Umgang wundert nicht. Denn wenn El Salvador bei den
Wahlen 2009 an die FMLN fiele, bedeutete das eine enorme Stärkung der
Linken in Mittelamerika. Die laufenden Verhandlungen[XII] um ein handelspolitisches Assoziierungsabkommen zwischen Mittelamerika und der EU geriete dann ernsthaft in Gefahr.
Angesicht
des Erfolges der anti-neoliberalen Regierungen in ganz Lateinamerika
setzten CDU und CSU schon jetzt auf eine zweigliedrige Politik. Auf der
Lateinamerika-Tagung der Unionsparteien und der
Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin unterschied deren stellvertretender
Vorsitzender Anton Pfeifer[XIII] Mitte Mai zwischen einen
zunehmenden „Populismus“ – dazu zählten Venezuela, Bolivien und Ecuador
– und „demokratischen Regierungen“. Mit letzteren suchte
Bundeskanzlerin Merkel während ihrer Lateinamerika-Reise in Peru,
Kolumbien und Mexiko das Gespräch. Die politischen Regime dieser drei
Staaten sind die letzten in der Region, von denen die neoliberale
Ordnung noch uneingeschränkt verteidigt wird. Nach Pfeifers Rede in
Berlin empfahl die Politikerin der konservativen Österreichischen
Volkspartei (ÖVP) und EU-Kommissarin für Außenbeziehungen, Benita
Ferrero-Waldner, in den links regierten Staaten „lokale leaderships“
aufzubauen, um einen Politikwechsel herbeizuführen.
Dass eine
solche Unterstützung der Opposition in den Staaten der neuen Linken
auch bei den Sozialdemokraten auf Zustimmung stößt, zeigte sich auf
einer SPD-Konferenz[XIV] vor dem Lima-Gipfel in Berlin. Auf
Einladung der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung waren mehrere
hochrangige Vertreter sozialdemokratisch orientierter Parteien aus
Lateinamerika nach Berlin gekommen. Neben den öffentlich vorgestellten
Gästen empfing die FES aber auch eine Gruppe lateinamerikanischer
Nachwuchspolitiker aus Bolivien, Kolumbien, Peru, Chile und Venezuela
zu einer Informationsreise zum Thema „Politische Jugendorganisationen
von Parteien: Ihre Rolle und Bedeutung im politischen Prozess“. Während
aus Bolivien mit Darío Andrés Zaretti nur ein Vertreter der
rechtsoppositionellen „Gemeindestiftung“ eingeladen wurde, gehörten
alle beiden Gäste aus Venezuela dem regierungsfeindlichen Lager an.
José Gregorio Guerra Velasquez wurde in einer internen Teilnehmerliste
der elfköpfigen Delegation als „Gründer des Sozialprojektes der
Studentenbewegung“ vorgestellt. Als zweiten Gast lud die
Friedrich-Ebert-Stiftung mit Frank Calviño den Jugendsekretär der
Oppositionspartei Podemos ein, die im April 2002 an einem Putschversuch
gegen die Regierung von Präsident Hugo Chávez beteiligt war. In einem
Gespräch mit anwesenden Diplomaten auf der Konferenz verheimlichte
Calviño seine Herkunft. Er vertrete keine Partei, sagte der junge Mann.
Rechte Staatsführungen werden unterstützt
CDU
und SPD sind sich nicht nur in der Linie gegenüber denjenigen Staaten
Lateinamerikas einig, die eine Abkehr vom neoliberalen Modell vollzogen
haben. Zu der neuen Lateinamerika-Politik der Berliner Regierung gehört
es auch, das Bild der potentiellen Bündnispartner in Europa zu
verbessern. Zum Beispiel Kolumbien: Während die
Menschenrechtsorganisation amnesty international in ihrem neuen
Jahresbericht[XV] unter anderem „schwere Menschenrechtsverstöße“
und einen „Anstieg bei Tötungen durch Sicherheitskräfte“ in dem
südamerikanischen Land feststellt, kommen die Vertreter der deutschen
Parteistiftungen zu einem radikal anderen Ergebnis. Bei einem
Arbeitsessen mit deutschen Parlamentariern am 17. Mai bezeichnete der
Repräsentant der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kolumbien, Hans R.
Blumenthal, die „Gerüchte“ über eine Verstrickung des Staatschefs
Alvaro Uribe in die Verbrechen paramilitärischer Gruppierungen als
„nicht wahr“. Er tat das zu einem Zeitpunkt, zu dem gegen 70
Abgeordnete des Regierungslagers von der Staatsanwaltschaft wegen
Zusammenarbeit mit den rechten Todesschwadronen ermittelt wird. Der
langjährige Vertraute und Cousin des Präsidenten, Mario Uribe, wurde
nach einem gescheiterten Fluchtversuch vor wenigen Wochen festgenommen
und selbst Alvaro Uribe steht im Visier der Justiz.
All das
ficht die Vertreter der deutschen Parteistiftungen nicht an. Nach
Informationen aus Delegationskreisen bezeichneten die lokalen
Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung die jüngsten Initiativen des
Präsidenten des Bürgerkriegslandes als „sehr positiv“. Ein Ziel der
CDU-nahen Stiftung sei es deswegen, „das Bild Kolumbiens in Deutschland
zu verbessern“. Rund vier Millionen Binnenflüchtlinge dürfen dann
natürlich nicht erwähnt werden. Mehr Vertriebene hat nach Angaben[XVI]
des Norwegischen Flüchtlingsrates, einem Kooperationspartner der UNO,
nur der Sudan zu verzeichnen. Dass dies im offiziellen Berlin nicht
thematisiert wird, hat offensichtlich auch mit der
wirtschaftspolitischen Kooperationsbereitschaft Bogotás zu tun.
Neben
der Linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung, die in diesem Jahr erst
Büros in Lateinamerika eröffnet hat, gibt es keine parteinahe deutsche
Organisation, die den Reformkurs der neuen Linken in Lateinamerika
unterstützt oder auch nur neutral begleitet. Auch die FDP-nahe
Friedrich-Naumann-Stiftung sorgte Ende März für Debatten in
Lateinamerika, weil sie an einer Konferenz[XVII]
rechtsgerichteter Aktivisten im argentinischen Rosario teilnahm. Im
Zentrum der Tagung, an der für die Naumann-Stiftung der liberale
Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gerhardt teilnahm, standen die Umbrüche
in Venezuela und Bolivien. Der argentinische Linkspolitiker Miguel
Bonasso bezeichnete[XVIII] das Treffen später als „Mega-Event
des ultrarechten liberalen Lagers aus den USA, Europa und
Lateinamerika“. Mit dabei war auch das in Washington ansässige
Cato-Institut, das unlängst einem venezolanischen Aktivisten in
Anerkennung seiner Oppositionsarbeit gegen die Chávez-Regierung eine
halbe Million US-Dollar gezahlt hatte. [XIX]
Selbst das
deutsche Goethe-Institut, dessen einzige Aufgabe im Kulturaustausch
liegt, ist Teil der politischen Front gegen eine Abkehr vom
neoliberalen System in Lateinamerika. Als sich im Februar auf der
Internationalen Buchmesse in Havanna kubanische Intellektuelle kritisch
zur Kulturpolitik der sozialistischen Regierung äußerten, lud der
Leiter des Goethe-Instituts in Havanna, Christoph Bertrams, die
Protagonisten der Debatte zu einem privaten Empfang in die deutsche
Botschaft ein. Eine ähnliche Schattendiplomatie hatte nach 2003 die
Beziehungen zwischen Kuba und EU-Staaten schwer belastet. Damals war
von der EU-Führung die Aufnahme von Verbindungen mit Regierungsgegnern
zur offiziellen Linie erhoben worden. Bei der nun praktizierten
Kontaktpflege geht es Bertrams, der zugleich Kulturattaché der
deutschen Botschaft ist, offenbar mehr darum, Einfluss auf die
Reformdebatte in dem Karibikstaat zu nehmen.
Weniger diskret
geht der Büroleiter des Goethe-Instituts in Caracas, Nicolai Petersen,
vor. Als die Linkspartei-Politikerin Sahra Wagenknecht Ende April in
einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung positiv Bezug auf die
Sozialpolitik der venezolanischen Regierung nahm, sandte ihr Petersen
eine E-Mail: „Das Regime von Hugo Chávez hat die venezolanische
Gesellschaft zutiefst polarisiert und die Dysfunktionalität der
öffentlichen Strukturen weiter verstärkt“, bemerkte Petersen, dessen
Aufgabe nach der Selbstdarstellung seines Arbeitgebers die Pflege der
„internationalen kulturellen Zusammenarbeit“ ist. Dessen ungeachtet
nimmt der Kulturbotschafter klar politisch Stellung: „Das Regime kann
sich mit Petrodollars gerade noch so über Wasser halten, vermutlich
aber nicht mehr lange“, schrieb er Wagenknecht: „Rhetorik und Politik
des Präsidenten werden jedenfalls immer erratischer – ein deutliches
Zeichen, dass das Ende näher rückt.“ Nicolai Petersen würde das
offenbar ebenso wenig bedauern wie seine deutschen Kollegen bei den
Parteistiftungen.
________________________________
[I] http://www.epp-ed.eu/Press/peve08/docs/080513cuba_programme_en.doc
[II] http://www.kas.de/wf/de/37.111
[III] http://www.odca.org.mx/alemanl/alemanl.htm
[IV] http://www.cafc.gov/cafc/bio/68251.htm
[V] http://ec.europa.eu/external_relations/lac/index_en.htm
[VI] http://www.eu2006.at/en/The_Council_Presidency/EU_LAC_Summit_Vienna/index.htm
[VII] http://www.kas.de/wf/de/17.30108
[VIII] http://www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/seidel-stiftung-kungelt
-mit-ultras/?src=SE&cHash=1249e5104b
[IX] http://www.narconews.com/Issue27/article594.html
[X] http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/087/1608705.pdf
[XI] http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/085/1608588.pdf
[XII] http://www.europarl.europa.eu/oeil/FindByProcnum.do?lang=2&procnum=INI/2006/2222
[XIII] http://www.bundestag.de/mdb/mdb14/bio/P/pfeifan0.html
[XIV] http://www.spd.de/menu/1747040
[XV] http://www2.amnesty.de/internet/deall.nsf/WJahresberichtAkt?OpenView&Start=
1&Count=200
[XVI] http://www.nrc.no/?aid=9167172
[XVII] http://www.fnst-freiheit.org/webcom/show_article.php/_c-1020/_nr-88/_p-1/i.html
[XVIII] http://agenciapacourondo.blogspot.com/2008/03/la-
derecha-desembarca-en-rosario-por.html
[XIX] http://hintergrund.de/index.php?option=com_content&task=view&id=202&Itemid=63
http://www.nuevacolombia.de/fullpage_information.php?id=834
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