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Serie: China, ein freundlicher Imperialist? - Teil 2 PDF Drucken E-Mail
von Francis Byrne    01.09.2008 - bisherige Aufrufe: 1696

chinaimp.jpgDieser Teil sollte gelesen werden nach: Erster Teil: Aktuelles und der nationale Unabhängigkeitskampf Chinas

Zweiter Teil: Von Mao zu Deng

Maos „Großer Sprung nach vorn"

Nach der erfolgreichen Befreiungsbewegung und der Machtübernahme durch Maos Kommunistischer Partei konnten die meisten Chinesen am Anfang der 1950er Jahre Verbesserungen ihrer Lebenssituation verzeichnen. Die absolute Macht der regionalen Grossgrundbesitzer war gebrochen, Land wurde zu einem großen Teil zwischen den Bauern aufgeteilt, Inflation und die hohe Arbeitslosigkeit wurden vorübergehend unter Kontrolle gebracht.

Um aber die eigenen Grenzen gegen die nach wie vor drohenden imperialistischen Staaten zu verteidigen, musste die nun herrschende bürokratische Klasse versuchen, das Land im Eiltempo zu industrialisieren und aufzurüsten. Akkumulation um der Akkumulation willen war für das vom Imperialismus rückständig gehaltene China die Triebfeder, um wirtschaftlich und militärisch aufzuholen. Und dies ging natürlich nicht auf demokratischem Wege sondern nur mit Härte und auf dem Rücken der arbeitenden Massen.

 

Es gab keine demokratischen Wahlen, die Arbeiter kontrollierten die Betriebe nicht, es gab ein Streik- und Organisationsverbot und staatlich streng kontrollierte Gewerkschaften. Es gab einen Wirtschaftsplan, der jedoch - ganz ähnlich wie in Stalins Russland, der DDR und anderen staatskapitalistischen Staaten des Ostblocks - gegen die Arbeiter und Bauern gerichtet war. Mit der koordinierten zentralisierten Planung von oben konnte Kapital von diesen arbeitenden Massen abgepresst werden.

Doch die Kapitalakkumulation ging den Herrschenden nicht schnell genug, sodass 1957 mit dem „Großen Sprung nach vorn" (6) die Ausbeutung verschärft wurde. Innerhalb von nur 15 Jahren sollte die Pro-Kopf-Produktion von Stahl diejenige Englands erreichen.

Auf dem Lande wurde versucht, die Ausbeutung durch Zwangskollektivierung zu intensivieren. Bis zu 30.000 Menschen wurden in sogenannte Volkskommunen zusammengepfercht.

Bei der Industrialisierung „auf Teufel komm raus" wurde soviel menschliche Arbeitskraft wie möglich in die Produktion von Stahl verlagert. Schnell fehlte Arbeitskraft auf dem Land zum Bestellen der Felder. Die Konzentration auf die Stahlproduktion für die Rüstung, von Jahr zu Jahr unrealistischer werdende Wirtschaftspläne und zunehmender Druck auf die Bauernschaft lösten in den Jahren 1959 bis 1961 eine der schlimmsten Hungersnöte in der Geschichte der Menschheit aus. In manchen ländlichen Regionen starben bis zu 40 Prozent der Bevölkerung. Insgesamt verhungerten zwischen 20 und 40 Millionen Menschen. Dutzende Millionen Menschen mussten sich von Gras und Baumrinde ernähren.

Zwar konnte die Stahlproduktion zuerst tatsächlich erhöht werden (so beispielsweise 1958 plus 45 Prozent), sie fiel aber durch die Hungersnot und dem allgemeinen desolaten Zustand der Wirtschaft im Jahre 1964 wieder das Niveau von 1958 zurück. Die Politik des „Großen Sprungs" hatte China nicht vorangebracht. Das wesentliche Problem, an dem die meisten kapitalistisch noch nicht entwickelten staatskapitalistischen Länder litten, war der Mangel an bereits akkumuliertem Kapital. Im Gegensatz dazu leiden die privatkapitalistischen Länder an einem Kapitalüberfluss. Im Privatkapitalismus gibt es zu viel Kapital, das auf der Suche nach immer weniger gewinnträchtigen, profitablen Investitionsmöglichkeiten ist. Das staatskapitalistische China litt an einem Kapitalmangel. Diesen Kapitalmangel versuchten staatskapitalistische Länder wie Russland und China durch einen Einsatz von massenhafter menschlicher Arbeitskraft zu ersetzen; für die arbeitenden Massen bedeutete dies, das Bedingungen entstanden, die der ursprünglichen Akkumulation in den europäischen Ländern am Anfang des Kapitalismus entsprachen.

Kulturrevolution

Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Entwicklung wendete sich die herrschende Klasse zunehmend gegen ihre Galionsfigur Mao. Als seine Macht zunehmend in Frage gestellt und tatsächlich auch eingeschränkt wurde, entfesselte Mao die als „Kulturrevolution" bekannt gewordene politische Kampagne, um seine Macht zu sichern.

„Ihre dreijährige Hochphase zeichnete sich durch exzessive Morde, Misshandlungen, Zerstörungen und Restriktionen aus.
Hierbei bediente Mao Zedong sich der leicht zu mobilisierenden und manipulierbaren Jugend (vor allem der Nachkommen der Funktionäre), die seit 1963/64 wieder verstärkt auf den „Vorsitzenden Mao" eingeschworen worden war und ab 1966 dazu angestachelt wurde, den Klassenkampf gegen den vermuteten inneren Feind zu führen. Dies war zunächst die chinesische Kultur selbst, und somit ihre Träger, allen voran die Gebildeten und Gelehrten, sowie die kulturellen Güter und Lebensweisen des Landes. Ins Visier der Kulturrevolution gerieten rasch die verantwortlichen Parteimitglieder, d. h. die landesweite Verwaltung, die nach dem katastrophalen Großen Sprung nach vorn die Versorgungslage unabhängig vom Parteivorsitzenden wieder in den Griff bekommen hatte."
(7)

Es handelte sich allerdings nicht um Klassenkampf, sondern der geschürte Aufstand wurde von einem Teil der herrschenden Klasse genutzt, um seine Macht gegen den anderen Teil der herrschenden Klasse zu verteidigen.

Unter dem Banner der Kulturrevolution wurde zu einem „Krieg gegen die Alte Welt" aufgerufen, in dem alles zerstört werden sollte, was kapitalistisch, feudalistisch und reaktionär genannt wurde. Die Folge war eine Hetzjagd gegen Andersdenkende und Politiker aus anderen Flügeln der KP. Schätzungen gehen von hunderttausenden bis mehrere Millionen Toten aus, die unmittelbar durch die Wirren starben. Es gab Denunziationen gegen unbeliebte Nachbarn und eine Zerstörung von unermesslichem kulturellem und geschichtlichem Reichtum. Tempel, Klöster, Moscheen, jahrtausendealte Gräber, jahrhundertealte Schriften, Bilder und Fresken wurden zerstört. Stattdessen wurde der Kult um Mao, den Führer der nationalen Befreiung so weit verstärkt, dass sein Bild omnispräsent wurde.

Die Zerstörung von Sachwerten und die Ermordung und Verhaftung von Andersdenkenden war ein wichtiger Teil der Kampagne. Doch der Kampf richtete sich in kafkaesker und orwellscher Manier auch gegen die Sprache:
„Erstes Ziel der Angriffe der Roten Garden waren Namen: ... Die Abteilung für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften Chinas wurde in „Mao-Zedong-Denken-Abteilung" umbenannt. Selbst Personen mussten ihre Namen ändern, wenn sie auf feudale oder kapitalistische Verbindungen schließen ließen. Überall wurden traditionelle Inschriften, etwa das einfache Zeichen fu (Wohlstand) mit revolutionären Slogans überschrieben. Ähnlich erging es vielen Geschäften, die ihre Namen - teilweise mit langer Tradition - in revolutionäre Namen ändern mussten." (7)

„Am 23. August drangen die Pekinger Roten Garden in die Theater, Opernhäuser und das Städtische Kulturbüro ein und brachten alle erbeuteten Gegenstände in den Hof des Konfuziustempels. Etwa dreißig bekannte Kulturschaffende wurden ebenfalls auf den Hof gezwungen. Die Kulturgegenstände wurden dort verbrannt. Die Köpfe der Gefangenen wurden kahlgeschoren und teilweise mit schwarzer Tinte übergossen, mit den Theaterrequisiten geschlagen und mit heißen Eisen misshandelt. Sie mussten stundenlang in einer Zwangshaltung in der heißen Sonne knien. Der schwer gezeichnete Leib des Schriftstellers Lao She wurde am Morgen des 25. August im Taiping-See gefunden. Er starb am Abend davor wahrscheinlich durch Suizid. Damit war er eines der prominentesten Opfer der Kulturrevolution. Ein ähnliches Schicksal erlitten der prominente Übersetzer Fu Lei und seine Frau, die sich am 3. September 1966 erhängten." (7)

„Auch vor Skurrilitäten schreckten die Roten Garden nicht zurück. Da „rot" und „links" als revolutionär galten, entschieden sie, dass der Rechtsverkehr durch Linksverkehr ersetzt werden sollte und dass an Ampelkreuzungen künftig „Rot" das Zeichen für freie Fahrt sein sollte. Rote Garden stellten sich an Kreuzungen zusammen mit Polizisten auf, um den Verkehr nach ihren Vorstellungen umzuleiten, was zu Chaos und zahllosen Unfällen führte und schließlich von Premier Zhou Enlai verboten wurde." (7)

In den Wirren des bürgerkriegsartigen Aufstandes von oben, bekämpften sich paramilitärische Gruppen verschiedener Fraktionen ganz offen. Mao und seine Fraktion brauchte bis ins Jahr 1971 hinein, um die Kontrolle über das Land komplett wiederzuerlangen. Die allgemeine Entwicklung des Landes, insbesondere der Wirtschaft und der Bildung war verheerend. Mit dem Tod Maos im Jahr 1976 wurde mit Deng Xiaoping ein führender Politiker der in der „Kulturrevolution" unterlegenen Fraktion rehabilitiert. Deng stand für die privatwirtschaftliche Öffnung von Chinas Wirtschaft.
Darüber lesen im nächsten Teil.

(6) Wikipediaeintrag "Großer Sprung nach vorn"

(7) Wikipediaeintrag "Kulturrevolution"

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