| Was ist Arbeiterkontrolle? |
|
|
|
| von Ian Birchall, Socialist Workers Party |
27.09.2008
- bisherige Aufrufe: 2156 |
||||||
|
Kannst Du einen besseren Job machen als Dein Chef? Stell Dir diese Frag mal. Frag' Freunde und Arbeitskollegen. Neun von zehn Leuten werden Deine Frage mit einem lautstarken und verächtlichen „ja" beantworten. Diese Frage führt uns zum Kern dessen, was wir unter Sozialismus verstehen. Unsere Gesellschaft teilt uns in zwei wesentliche Klassen. Auf der einen Seite stehen die Menschen, die Dinge herstellen und die Dienstleistungen verrichten, die wir alle benötigen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die entscheiden was produziert und angeboten werden soll, damit die größtmöglichen Profite zu erzielen sind. Allzu oft setzen Unterstützer und Gegner den Sozialismus mit Verstaatlichung gleich. Aber wie wir derzeit in den USA beobachten können, kann sogar George Bush Zuflucht zu einer Art der Verstaatlichung suchen. Über Nacht wurden zwei riesige Hypothekenbanken - Fannie Mae und Freddie Mac - vom Staat übernommen.
Die britische Zeitung ‚Daily Telegraph' kommentiert, dies sei "eine sozialistische Antwort auf das Scheitern des Marktes." Außerhalb der bizarren Gedankenwelt des Telegraph und anderer Zeitungen glaubt allerdings niemand, dass Bush ein Sozialist ist. Sozialisten unterstützen Verstaatlichungen, wenn sie dazu dienen, Arbeitsplätze zu schützen. Wir sind gegen Privatisierungen von öffentlichen Dienstleistungen, weil das bedeutet, dass der Öffentlichkeit weniger Rechenschaft abgegeben wird. Aber Verstaatlichungen an sich sind kein Wunderheilmittel. 1947 hießen die britischen Bergarbeiter die Verstaatlichung der Minen willkommen. Aber bereits ein Jahr später streikten die Kumpel in Yorkshire gegen ihre neuen Bosse und gegen ihre Gewerkschaftsführung. Aus diesem Grunde ist Arbeiterkontrolle stets von zentraler Bedeutung für die authentische sozialistische Tradition. Der britische Sozialist GDH Cole drückte es so aus: „Sozialismus kann nicht stabil aufgebaut werden, wenn er nicht auf dem folgenden Fundament steht: das Vertrauen auf die Fähigkeit der ganz normalen Leute, ihre eigenen Angelegenheiten zu führen." Syndikalismus Vor dem Ersten Weltkrieg waren syndikalistische Ideen in der Arbeiterbewegung weit verbreitet. Die Syndikalisten waren gegen Verstaatlichungen. Sie waren der Meinung, dass die Betriebe von den Gewerkschaften als Organisationen der Arbeiterklasse übernommen werden sollten und sie die Industrie leiten sollten. Die französischen Gewerkschaften hatten die Parole: "Der Betrieb wird die Regierung ersetzen." Auf den britischen Inseln hatte der Syndikalismus großen Einfluss unter Ingenieuren, Bergarbeitern und Eisenbahnern. Dies war der Grund dafür, dass die Labour Party bei der Neufassung ihres Programms im Jahre 1918 im sogenannten ‚Clause Four' nicht nur den "gemeinsamen Besitz der Produktions-, Verteilungs- und Austauschmittel" forderte, sondern auch "das beste System zur allgemeinen Verwaltung und Kontrolle innerhalb der jeweiligen Industrie oder Dienstleistung." Die Labour Party ignorierte diesen Satz jedoch völlig. Als Labour sich 1945 an der Regierung befand, führte sie zahlreiche Verstaatlichungen durch. Aber Minister Stafford Cripps erklärte mit Abscheu: "Ich glaube es wäre so gut wie unmöglich, in Großbritannien eine Industrie unter der Kontrolle der Arbeiter zu haben, selbst wenn dies wünschenswert wäre." Nur um sicherzugehen, entfernte Tony Blair die ‘Clause For' und ersetzte sie durch bedeutungsloses Gerede von einem „Geist der Solidarität, Toleranz und Respekt." Nach der Russischen Revolution 1917 wurde diese Frage von den Massen auf einem höheren Level beantwortet. In einer der ersten Anordnungen über die Machtübernahme hieß es bei den Bolschewiki: „Arbeiterkontrolle über die Herstellung, Ein- und Verkauf und Lagerung von allen Gütern und Rohstoffen sowie über Finanzaktivitäten von Unternehmen wird in allen Unternehmen der Bereiche Industrie, Handel, Bankwesen, Landwirtschaft, Kooperativen und anderen Betrieben eingeführt." Die eigentliche Bewegung dazu kam von unten. In vielen Fällen wurden Fabrikbesitzer aus den Betrieben vertrieben oder flohen einfach. Die Arbeiter hatten keine Wahl als die Betriebe zu übernehmen und selbst zu führen. John Reed, ein US-amerikanischer Sozialist in den frühen Tagen der Revolution beschreibt eine Episode so: "Bei einem Komiteetreffen in einer der Fabriken stand ein Arbeiter auf und sagte: ‘Genossen, warum sorgen wir uns? Die Frage nach technischen Experten ist keine schwierige Sache. Erinnert euch daran, dass der Chef kein technischer Experte war. Der Chef kannte sich weder im Ingenieurswesen, noch in der Chemie und auch nicht in der Buchhaltung aus. Wenn er technische Hilfe brauchte, dann stellte er Leute an, die diese Arbeit für ihn besorgten. Nun, jetzt sind wir der Chef. Lasst uns Ingenieure, Buchhalter und so weiter einstellen, um für uns zu arbeiten." Überleben In der schwierigen Situation des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der Invasion von fremden Armeen konnten diese Embryos nicht lange überleben. Manchmal bedeutete Arbeiterkontrolle, dass bestimmte Gruppen von Arbeitern ihre Interessen über die Interessen der gesamten Arbeiterklasse stellten. Um dagegen anzugehen mussten die Bolschewiki harte Entscheidungen treffen. Aber diese frühen Versuche der Arbeiterkontrolle bleiben für uns eine große Inspiration. In den letzten 90 Jahren trat Arbeiterkontrolle immer wieder auf. In Spanien 1936, in Frankreich 1968, in Chile 1973, in Polen 1980 und kürzlich in Argentinien. Dort haben Arbeiter die Kontrolle über manche Betriebe übernommen und haben aufgezeigt, dass die alten Besitzer und Manager überflüssig waren. Während des Aufstandes in Ungarn 1956 bauten die Arbeiter Räte auf, um die Produktion weiterzuführen. Diese Räte kontrollierten die Mindestlöhne, Einstellungen und Entlassungen sowie die Ernennung von Direktoren. Einige ehemalige Manager kamen in die Betriebe zurück, um in der Produktion mitzuarbeiten. Der Arbeiterrat beim Rundfunk brachte Schauspieler, Produzenten, Reporter, Techniker, Hilfsarbeiter und Reinigungskräfte zusammen - alle mit den gleichen Rechten. In Portugal 1974 führte die Niederschlagung der Diktatur dazu, dass Arbeiter ihre Betriebe übernahmen. Tony Cliff, der Gründer der International Socialist Tendency, berichtet über einige Kämpfe in Portugal: "In Charminha, einer kleinen Textilfabrik außerhalb von Lissabon versuchten die Bosse, Löhne mit ungedeckten Schecks zu zahlen. Der österreichische Manager flüchtete aus dem Land und die Arbeiter, hauptsächlich Frauen, bauten eine Kooperative auf, um ihre Produkte zu verkaufen." "In Eurofil, einem Herstellungsbetrieb für Kunststoffe, Fasern, Seile und Leinwände versuchte das Management den Berieb in die Pleite zu führen. Der Betrieb wurde zu 40 Prozent mit Aushilfskräften bearbeitet. Die Arbeiter besetzten den Betrieb und führten die Produktion fort. Sie halten die Bosse nach wie vor aus dem Betrieb heraus und fordern Verstaatlichung unter Arbeiterkontrolle ohne Kompensationszahlungen an die Vorbesitzer." Als 1979 im Iran die Diktatur des Schahs gestürzt wurde, bauten Arbeiter „Shoras" - Räte - auf, um die Fabriken zu betreiben. Die Schriftstellerin Maryam Poya beschrieb wie sie funktionierten: "Die Shoras begannen Macht auf jeden Teil des Fabriklebens auszuüben: Einkauf, Verkauf, Preiskalkulation und die Bestellung von Rohmaterialien. Unterschiedliche Komitees wurden gegründet, um verschiedene Aufgaben zu übernehmen. Berufsbezogene Komitees wurden gebildet, um Gewerkschaftsforderungen zu Löhnen, Arbeitsbedingungen, Versicherungen, Gesundheit und Arbeitssicherheit durchzusetzen." "Finanzkomitees wurden gebildet, um die Einnahmen und Ausgaben der einzelnen Fabriken zu kontrollierten und allgemeine Finanzangelegenheiten zu überwachten. Kommunikationskomitees wurden gebildet, um den Kontakt zu Shoras in anderen Unternehmen zu gewährleisten." "Es wurden Frauenkomitees gegründet, in denen ausschließlich Frauen organisiert waren. Sie sammelten sich um spezielle frauenbezogene Forderungen. Besonders in der Chemie- und Textilindustrie, in denen Frauen den überwiegenden Teil der Arbeitskräfte stellten." Kürzlich gab es Warnungen vor einem erneuten "Winter der Unzufriedenheit" in Britannien, wie es ihn in den frühren Monaten des Jahres 1979 gegeben hatte. Was unsere Herrscher und ihr Umfeld wirklich an dieser Periode beängstigt ist die Art, wie Arbeiter anfingen, nach der Kontrolle über die Industrie zu streben. Ein Streik von Lastwagenfahrern im Januar 1979 führte zu Tankstellenschließungen und verknappte die Versorgung der Menschen mit lebenswichtigen Gütern. Die Transportarbeitergewerkschaft genehmigte den Transport von ‚notwendigen' Gütern. Aber die Definition von ‘notwendig' wurde den regionalen Gewerkschaftsstellen überlassen. Vertrauensleute bildeten in verschiedenen Regionen „Verteilungskomitees", die über die verschiedenen Güter Entscheidungen trafen. Im gleichen Monat gab es im ganzen Gesundheitswesen Streiks. Hier wurde die Definition von ‘Notfällen' ein ganz wichtige Frage. Ende Januar gab ein Minister der Regierung bekannt, dass fast die Hälfte der Krankenhäuser nur noch Notfälle behandeln würden. Fast alle Ambulanzfahrten würden nicht mehr normal operieren und, für ihn das Schlimmste, medizinische Angestellte entschieden, welche Fälle zur Behandlung aufgenommen würden. Hierarchie Dies war für die Regierung viel schlimmer als ein einfacher Streik um mehr Lohn. Die gesamte Hierarchie in den medizinischen Berufen wurde in Frage gestellt. Arbeiter im Gesundheitswesen, die regelmäßig Leben retteten, besaßen die Frechheit zu sagen, sie könnten Notfälle besser definieren als Politiker. Aber innerhalb des kapitalistischen Systems kann Arbeiterkontrolle nur einen begrenzten Spielraum haben. Es kann keinen Sozialismus in einem Land geben und erst Recht kann es keinen Sozialismus in einem Betrieb geben. Sogar wenn die Arbeiter die Kontrolle über ihren Betrieb übernehmen, werden sie letzten Endes am Markt konkurrieren müssen und dadurch ihre eigene Ausbeutung organisieren müssen. Wirkliche Arbeiterkontrolle kann es nur im Rahmen eines demokratisch beschlossenen allgemeinen Plans geben, in welchem übergeordnete Ziele und Prioritäten festgelegt werden. Arbeiter in den Druckereien können nicht allein entscheiden, was wir lesen sollen und was nicht. Busfahrer können nicht allein entscheiden, wann Busse fahren und wann nicht. Die Interessen verschiedener Sektionen der Arbeiterklasse müssen in Einklang mit den Bedürfnissen der Gesellschaft als ganzes gebracht werden. Aber Arbeiterkontrolle bleibt der wesentliche Faktor um den - wie es der US-amerikanische Sozialist Hal Draper nannte - "Sozialismus von unten " vom „Sozialismus von oben" zu unterscheiden. Manchmal kann ein reformistisches Parlament Verstaatlichungen durchführen oder tatsächliche Verbesserungen für die Arbeiterklasse beschließen. Aber Arbeiterkontrolle kann nicht gegeben werden, sie muss von den Arbeitern genommen werden, die in ihrem eigenen Interesse handeln. Bis dahin kann jeder kleine Sieg am Arbeitsplatz die"schleichende Arbeiterkontrolle" - wie es Tony Cliff ausdrückte - ausweiten. Jedes mal wenn wir das Recht der Geschäftsleitung in Frage stellen, ob eine Kollegin oder einen Kollegen entlassen werden darf, jedes mal wenn wir die Verschlechterung unserer Arbeitsbedingungen im Namen der „Flexibilität" verhindern, teilen wir einen Schlag für Arbeiterkontrolle aus. Mit diesen Taten vergrößern wir unser Selbstbewusstsein und fordern unsere Herrscher heraus. Während die Welt in eine Rezession abrutscht, Krieg und Umweltzerstörung wüten, müssen wir ihnen sagen: Ihr könnt diese Welt nicht führen, aber wir können es. Ursprünglicher Artikel: Socialist Worker
Übersetzung: Internationale Sozialisten
Powered by !JoomlaComment 3.26
3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved." |
|||||||
| < Zurück | Weiter > |
|---|
































Im Zuge der Finanzkrise wurden riesige Finanzgiganten vom Staat übernommen. Ian Birchall zeigt die Schwächen der Verstaatlichung auf und beschreibt, weshalb Sozialisten sich für eine andere Vision stark machen: die der Arbeiterkontrolle.
Allzu oft setzen Unterstützer und Gegner den Sozialismus mit Verstaatlichung gleich. Aber wie wir derzeit in den USA beobachten können, kann sogar George Bush Zuflucht zu einer Art der Verstaatlichung suchen. Über Nacht wurden zwei riesige Hypothekenbanken - Fannie Mae und Freddie Mac - vom Staat übernommen.



















