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Krise und Klassenkampf PDF Drucken E-Mail
von John Rees, Socialist Workers Party    07.10.2008 - bisherige Aufrufe: 1833

bewusstjpg.jpgDie Schriften Leon Trotzkis geben auch Auskunft über das komplizierte Verhältnis von Boom, Krise und Klassenkampf.

Ende September hielt George Bushs eine nahezu apokalyptische Fernsehansprache, welche die Schärfe der gegenwärtigen Krise deutlich gemacht hat - auch denjenigen, denen sie bis dahin nicht bewußt war.

Er nutzte die gleichen analytischen Fähigkeiten die er in der Außenpolitik bewiesen hat auch auf Wirtschaftsfragen an. So sagte der Präsident bei einem privaten Treffen über die große Finanzhilfe für die Banken: „Wenn wir das Geld nicht zusammenbringen, geht dieser Lutscher unter. / Unless we find some money, this sucker is going down."

Millionen arbeitender Menschen befürchten Arbeitsplatzverlust, Zwangsräumungen, Inflation, fallende Löhne und Sozialabbau.

Für viele liegt die Notwendigkeit für Gegenwehr auf der Hand. Aber Wirtschaftskrisen treffen nicht immer auf Widerstand. Manchmal siegt die Sorge über die Wut und Passivität über Aktivität.

 

In welchem Verhältnis stehen also Wirtschaftskrise und Klassenkampf? Diese Frage wird derzeit in der gesamten Arbeiterbewegung diskutiert.

Antworten auf diese Frage finden sich in den Schriften des russischen Revolutionärs Leon Trotzki. In den 1920er und 1930er Jahren machte Trotzki einige Beobachtungen über die Beziehung zwischen Rezession und Widerstand.

Trotzki lehnt eine simple Verbindung zwischen Rezession und steigendem Klassenkampf ab.

Natürlich kann ein Wirtschaftsabschwung Widerstand anspornen. Aber nicht immer wenn die Arbeiter mit der großen Rezessionskeule geprügelt werden, reagieren sie mit Gegenwehr. Manchmal werden sie politisch einfach bewusstlos geschlagen. "Es gibt," schrieb Trotzki, „keine automatische Abhängigkeit der revolutionären proletarischen Bewegung von
einer Krise."

Unter bestimmten Bedingungen kann ein Wirtschaftsaufschwung sogar mehr Kämpfe erzeugen als ein Abschwung. Wenn Arbeiter Jobs bekommen und mehr Selbstbewusstsein über ihre Verhandlungsposition bekommen, dann können sie kämpfen, um das Wiederzuerlangen, was sie im Abschwung verloren haben.

Auf welche Faktoren sollten wir also achten, um die wahrscheinlichen Auswirkungen einer Wirtschaftskrise auf den Klassenkampf einschätzen zu können?

Trotzki beschrieb zwei wesentliche Faktoren, die bei der Analyse dieses Verhältnisses grundlegend wichtig sind.

Phasen

Zuerst, so schlug er vor, müssen wir den Zyklus von Aufschwung und Abschwung vor dem Hintergrund der längerfristigen kapitalistischen Entwicklung betrachten.

Trotzki schlug vor, dass wir uns dann die Wirtschaftskrise in einem größeren politischen Rahmen anschauen.

Wir müssen schauen, wie der Imperialismus, die Krise des Regierungssystems, die Parteienlandschaft und - von entscheidender Bedeutung - das Bewusstsein und der Kampfeswille der Arbeiterklasse mit der Wirtschaftskrise zusammenwirken.

Wir können uns eine Rezession als Lichtstrahl vorstellen und die politischen Bedingungen, die Auswirkungen darauf haben, als Prisma. Der selbe Lichtstrahl kann auf verschiedene Weise gebrochen werden, je nachdem, auf welche Art von Prisma er trifft.

Also betrachten wir mal zuerst die längerfristige kapitalistische Entwicklung und die einzelnen Rezessionen.

Trotzki analysierte den Wirtschaftsaufschwung der frühen 1920er Jahre und verglich ihn mit dem Aufschwung, den Marx und Engels in der Folgezeit der Revolutionen von 1848 analysierten.

In den 1850er Jahren begann eine lange Periode kapitalistischer Expansion. "Eine ganze Epoche kapitalistischer Hochkonjunktur, die bis 1873 andauerte," beschrieb Trotzki die Phase.

Aber die von Trotzki untersuchte Periode, die Zeit nach der Russischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg, war eine Periode des allgemeinen kapitalistischen Abschwungs in der "Aufschwünge nur einen oberflächlichen ... Charakter haben können, während die Krisen immer länger andauern und tiefer werden."

Trotzki argumentierte so: "Die Bewegungsrichtung der wirtschaftlichen Entwicklung wird von zwei sehr unterschiedlichen Kurven charakterisiert.

Die erste und grundliegende Kurve kennzeichnet das allgemeine Wachstum der Produktivkräfte ... Im Großen und Ganzen steigt diese Kurve während der gesamten Entwicklungszeit des Kapitalismus an.

Diese Basiskurve steigt allerdings ungleichmäßig auf. Es gibt Jahrzehnte in denen sie nur um Haaresbreite steigt, dann folgen andere Jahrzehnte, in welchen sie steil aufsteigt. ... Mit anderen Worten ausgedrückt: Es gibt in der Geschichte Epochen, in denen die Produktivkräfte rasant ansteigen und andere, in denen sie eher allmählich ansteigen."

Die Kurven

Trotzki machte geltend, dass eine zweite Kurve mit den Boom- und Abschwungphasen über die erste Kurve gelegt werden müsse, um die wahrscheinlichen Auswirkungen einer Wirtschaftskrise zu verstehen.

Wir können wir - in diesem Licht betrachtet - unsere eigene Ära betrachten?
Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es zwei lange Phasen der kapitalistischen Entwicklung.

Vom Ende des Krieges bis in die frühen 1970er Jahre erlebte das System seine längste Periode wirtschaftlichen Wachstums. Rezessionen waren nur flach und kurzlebig während das Wirtschaftswachstum beträchtlich und dauerhaft war.

In dieser Periode konnte gleichzeitig die Profitrate aufrechterhalten werden und der Lebensstandard der Arbeiter verbessert werden.

Aber seit den 1970er Jahren haben sich die Wachstumsraten ernsthaft vermindert und die Rezessionen sind schärfer geworden.

Es gab unterschiedlich heftige Rezessionen im Jahre 1973, in den frühen 1980er Jahren, den frühen 1990er Jahren, in den späten 1990ern, dann 2001 und nun 2008.

Die gegenwärtige Rezession kommt also nach einer langen Periode niedriger Wachstumsraten. Tatsächlich nahmen sogar die Löhne in den USA in der Wachstumsphase vor dieser Rezession in vier aufeinander folgenden Jahren ab.

In Britannien nahmen die Reallöhne wegen der Inflation ab, bevor die Rezession überhaupt wirksam wurde.

Für viele Menschen aus der Arbeiterklasse gab es während des Booms ein Gefühl des wachsenden Wohlstandes, der sich jedoch nur auf steigende Immobilienpreise und ausgeweitete Kredite begründete. Während nun diese zwei Pfeiler zusammenbrechen, wird das volle Ausmaß der wirtschaftlichen Schwäche enthüllt.

Zudem verfügt dieses geschwächte Wirtschaftssystem seit dem Ende des Kalten Krieges im Jahre 1989 über ein globales Staatensystem, das stets unstabiler geworden ist und sich immer stärker Kriegen zuneigt.

Die Rezession wird voraussichtlich diese Konflikte verschlimmern, da ein großer Teil dieser Instabilität dadurch hervorgerufen wird, dass die USA ihre überwältigende Militärmacht nutzen, um ihr schrumpfendes wirtschaftliches Gewicht auszugleichen.

Nun schauen wir uns das zweite Element in Trotzkis Analyse an: Die politischen Bedingungen mit denen Rezessionen zusammenwirken.

Das Ende des Nachkriegsaufschwungs im Jahre 1973 hat umfassende politische Veränderungen gebracht.

Die Ära des "wir-hatten-es-noch-nie-so-gut" und steigender Lebensstandards sowie einer Ausweitung des staatlichen Sozialsystems wurde in Großbritannien in den frühen 1970er Jahren durch die konservative Regierung von Edward Heath und danach durch die Labour Regierungen von Harold Wilson und James Callaghan beendet.

Aber die Gegenoffensive hob erst richtig ab mit der Wahl von Margaret Thatcher in Großbritannien im Jahr 1979 und Ronald Reagan in den USA im Jahr 1980. Neoliberalismus ersetze den Keynesianismus als wirtschaftliche Orthodoxie und die Angriffe auf den Sozialstaat und die Gewerkschaften wurden zunehmend aggressiver.
Wir treten also in diese Rezession mit der Erfahrung von 25 und mehr Jahren der Privatisierungen, Deregulierungen und gewerkschaftsfeindlicher Politik - und deren Auswirkungen auf das Bewusstsein der Arbeiter.

Die jüngste Krise mag der dramatischste Beweis sein, dass das System nicht funktioniert. Sie ist aber nicht der erste oder einzige Beweis.

Die Auswirkungen der Krise werden auf tiefe Skepsis gegenüber Politiker und das politische System aufbauen. Ebenso auf eine tiefe Skepsis gegenüber der Labour Party, die wie auch die SPD in Deutschland, die Politik von Thatcher und Kohl faktisch ohne Veränderungen weitergeführt haben.

Verstärkt

Seit dem Auftritt der anti-kapitalistischen Bewegung im Jahre 1999 hat sich diese Stimmung massiv verbreitert. Die Anti-Kriegs-Bewegung im Jahr 2001 hat diese Stimmung noch radikal gesteigert.

Die gleiche Stimmung floss in die Gewerkschaftsbewegung. Erste Früchte trug diese Stimmung als in manchen Gewerkschaften linke Generalsekretäre gewählt wurden. Es gab auch einen politischen Bruch zwischen der Labour-Führung und vielen Gewerkschaften.

Noch wichtiger ist die jüngste Wiederbelebung von Streiks die von der allgemeinen radikalen Stimmung angeschoben werden.

Natürlich entwickelte sich nicht alles in die linke Richtung. Der Anstieg von Wählerstimmen für die faschistische British National Party und das Wiedererstarken der britischen Konservativen erinnert uns daran, dass die Meinung der Arbeiterklasse in Krisenzeiten polarisiert wird. Manche geben dem System die Schuld; Manche geben dem nächstmöglichen Sündenbock die Schuld.

In jeder Krise gibt es einen Wettlauf zwischen den Rechten und den Linken um die Frage, wer die Wut der Menschen überzeugender artikulieren kann und die effektivsten Vorschläge für die Gegenwehr machen kann.

Während diese Rezession zuschlägt gibt es bereits tiefe Desillusionierung über die Möglichkeiten des wirtschaftlichen und politischen Systems bei weiten Teilen der Arbeiterklasse.

Eine massenhafte Anti-Kriegs-Bewegung hat bereits Millionen Menschen mobilisiert und hat die Skepsis gegenüber dem Reformismus vertieft.

Betrieblicher Widerstand war schwach, er ist jedoch in den letzten Jahren gewachsen.

...

Wir müssen alles versuchen, um die Schwächen der Bewegung zu vermindern und die Möglichkeiten zum Widerstand zu vergrößern.

Dies bedeutet klare politische Diskussionen über das Wesen das kapitalistischen Systems und genauso klare politische Hingabe an ein gemeinsames Handeln mit anderen, um die Arbeiter vor den Auswirkungen der Rezession zu schützen, wo wir können.

Es gibt dabei große Gefahren- aber auch große Möglichkeiten für Sozialisten.

Artikel Ursprünglich erschienen bei: Socialist Worker

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