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LZ Interview: "Die Krise verschärft sich täglich, die Linke muss Alternativen zum Markt aufzeigen" PDF Drucken E-Mail
von Linkezeitung    15.03.2009 - bisherige Aufrufe: 1789

n761944053_1371750_1494449.jpgMark Bergfeld ist Studentenaktivist in Großbritannien. Im Interview gibt er Auskunft über Bestzungen an britischen Unis in Solidarität mit Gaza, den Auswirkungen des Wirtschaftscrashs auf England und die geplanten Demonstrationen zum G20-Gipfel in London am 1. und 2. April diesen Jahres.

Linkezeitung: In Großbritannien ist die Bewegung für ein freies Palästina noch sehr aktiv. Sogar Teile von Universitäten sind noch besetzt. Warum wird nach dem Ende des akuten Massakers noch weiter protestiert?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich einen kurzen Abriss der Anti-Kriegs-Bewegung geben, der die politischen Zusammenhänge zwischen Irak, dem Libanon und Palästina erörtert.

Mit der Gründung der „Stop the War Coalition" direkt nach dem 9/11 hat die Linke in Großbritannien sich keine Zeit gelassen, die Anti-Kriegs-Bewegung voranzubringen. Von Anfang an war die Koalition mit dem Anti-Imperialismus verankert. „Occupation is a Crime - Free Iraq and Palestine / Besatzung ist ein Verbrechen - Freiheit für Irak und Palästina" war einer der großen Slogans auf der Demo vom 15. Februar 2003 als 2 Millionen Menschen in London auf die Straße gingen. Durch die britische Beteiligung am Irak-Krieg konnte das Argument des Imperialismus verschärft werden und brachte somit auch eine Politisierung der muslimischen Briten mit sich, die bis dato keine Platform in der britischen Politik hatten.

n283601782_1238251_4494.jpgIm Sommer 2006 als der Libanon von Israel angegriffen wurde, gab es überall in Großbritannien eine „Stop the War" Gruppe, die Transport nach London organisieren konnte. Hätte es nicht die „Stop the War Coalition" gegeben, wären keine 100.000 Menschen auf die Straße gegangen um die britische Regierung wegen Mithilfe anzuprangern und „Nieder mit dem Imperialismus" zu schreien.

Als nun der Gaza-Streifen angegriffen wurde, fanden jeden Tag Demonstrationen vor der israelischen Botschaft statt und wieder war die „Stop the War Coalition" die Anlaufstelle der Bewegung. Im Zuge der großen Demos vom 3. und 10.Januar bei der jeweils 80 000 und 150 000 Menschen auf die Straße kamen, waren viele Studenten in den ersten Reihen und drängten die Polizei zurück, bauten Straßenbarrikaden auf, um an die Botschaft zu gelangen. Dies gab der Bewegung einen enormen Mut die ganze Sache zu lokalisieren. In Portsmouth, eine Stadt mit 150.000 Einwohnern fand eine Demo mit 5 000 Menschen statt.

Dass 29 Universitäten besetzt werden konnten und die Unis zwang, Stipendien an palästinensische Studenten aus dem Gaza zu vergeben, Bücher und Computer dorthin zu schicken, zeigt wie sehr die Beteiligung der britischen Regierung an imperialistischen Kriegen und Besatzungen eine Generation radikalisiert hat, die nun praktische Solidarität mit einem Volk zeigt, das für mehr als 60 Jahre unterdrückt und von seinem eigenen Land vertrieben wird.

Letztendlich liegt alles an Netzwerken von Menschen, die den Mitmenschen Mut zuspricht die Welt zu verändern. Im Januar waren es oft junge Frauen aus der „Stop the War Coalition", die diese Aufgabe übernommen haben und die politischen Argumente von den Straßen in die Studentengewerkschaften reingetragen haben und die Routine mit der Idee Hörsäle zu besetzen durchbrochen haben.

n516088753_1201353_6085.jpgLinkezeitung: Die Bewegung gegen das israelische Massaker an den Menschen in Gaza wurde in Großbritannien besonders von Studenten getragen. Gibt es unter den britischen Studenten keine sich links gebenden rassistischen Kriegshetzer, wie hier die sogenannten Antideutschen?

Fakt ist, dass sich alle linke Gruppen bis auf die „Alliance for Workers‘ Liberty" für eine Ein-Staaten-Lösung sind, und fest daran glauben, dass Juden, Araber, Christen und andere Minoritäten zusammen in einem Staat wohnen können.

Natürlich wurden wir bei den Sit-ins mit Gegen-Protesten begrüßt. Diese waren aber sehr klein. Das bewundernswerte war, dass Muslime, Christen und Juden sich alle gemeinsam an den Protesten und Sit-ins beteiligt haben. Das war schon bemerkenswert zu sehen, wie einige muslimische Studenten die Soli-Internet-Seite eingerichtet haben, die christlichen Studenten uns Essen gebracht haben und die jüdischen Studenten das Argument vorangetrieben haben, dass Judaismus nicht Zionismus ist. Von Anti-Semitismus war da keine Spur, weil die Linke sich verantwortlich fühlte immer wieder die politischen Argumente auf den Tisch zu legen und auszudiskutieren.

Von rassistischen Kriegshetzern aus dem linken Spektrum war also nichts zu sehen, weil die Linke mit der „Stop the War Coalition" Argumente um Islamophobie und Imperialismus für sich gewinnen konnte.

Linkezeitung: Die britische Wirtschaft ist besonders stark vom Weltwirtschaftscrash betroffen. Kannst Du uns die Auswirkungen kurz schildern?

Man sieht die Auswirkungen in ganz konkreter Form. Die Einkaufsstraßen in den Arbeiterstädten sind leer gefegt, da viele Geschäfte mit Holzbrettern versehen sind oder durch Leihhäuser ersetzt worden sind. Die MINI Fabrik in der Nähe von Oxford hat ihren Mitarbeitern übers Fernsehen gesagt, dass sie nicht länger zur Arbeit kommen müssen. Kurz vor dem 100. Firmenjubiläum fiel Woolworths der Finanzkrise zum Opfer. Die Menschen, die heute in prekären Verhältnissen arbeiten, werden in den kommenden Wochen ihre Arbeit verlieren.

Erschreckender ist, dass Raffinerie-Arbeiter im Norden Großbritanniens in den Streik getreten sind und der Slogan „British jobs for British workers / Britische Arbeit für britische Arbeiter" an Prominenz gewonnen hat. Der Gewerkschaftsboss Derek Simpson hat sich sogar mit zwei Blondinen vom Daily Mail, einem rechten Tagesblatt, ablichten lassen, die British jobs-Plakate hielten.

Den Gewerkschaftsbossen kommt das ganz gelegen, da sie sich als radikal und Arbeiter-nah geben können ohne die Labour-Regierung kritisieren zu müssen. Das schlimme ist, dass die British National Party bei den Streiks eine Rolle gespielt haben und fast die gesamte Linke bis auf die SWP und Workers Power sich unkritisch gegenüber diesen Streiks verhalten hat.

Aber zur gleichen Zeit lässt die Angst der Menschen nach und die Wut und Inspiration macht sich breit. Man hört Geschichten von Call Center Arbeitern, die ihre Computer in Brand setzen. Und die Studenten die die Unis besetzt haben, sind die erste Generation seit Jahrzehnten, die die Uni verlassen wird und für die Arbeitslosigkeit die Norm sein wird.

Linkezeitung: Die britsche Polizei aber auch der Inlandsgeheimdienst MI5 erwartet einen „Summer of Discontent / Sommer der Unzufriedenheit". Der Sunday Express berichtete, dass die Armee bereitstünde im Falle von Aufständen inzugreifen. Besonders im Fokus stehen die Proteste zum G20 Gipfel in London im April. Was ist an Protesten geplant?

Das ganze Gerede von der Polizei um den Summer of Rage hat bisher keinen eingeschüchtert und sollte keinen einschüchtern. Es gibt nur 130.000 Polizisten in Großbritannien und 60 Million Einwohner. Die meisten britischen Soldaten haben den Krieg satt und unterschreiben oftmals unsere Petitionen gegen den Afghanistankrieg. Die sagen sich, dass der Krieg schon länger andauert als der erste Weltkrieg. „Was soll der Scheiß?!"

Obama hat viel versprochen und jeden Tag morden amerikanische Soldaten 60 Leute im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Guantanamo wird zwar geschlossen. Das Gefängnis in Baghram ist jedoch voller denn je. Und wenn nun Obama nach London kommt, werden alle auf der Straße sein. Es gibt kein Geld für Jobs aber für Bomben, und alle Regierungen unterstützen den Terror Israels.

Die G20 Proteste werden riesig sein, da die TUC den March for Jobs, Justice and Climate organisiert hat und es somit breite Unterstützung von allen Gewerkschaften, den Kirchenverbänden, und NGOs geben wird. Mehr als 60 Organisationen haben dazu aufgerufen. Die „Stop the War Coalition" organisiert am 1./2. April die Proteste „Smash G20 - Yes we can".

Die Krise verschärft sich Tag für Tag und die Linke muss nun Alternativen jenseits des Marktes aufzeigen. Wenn wir es schaffen, dann kommt es zu einem „Year of Rage". Aber dazu benötigt man Netzwerke, die in den Arbeitsplätzen, Gewerkschaften, Schulen und Unis verankert sind und den Widerstand organisieren können.


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