| Was kommt nach dem Kapitalismus? |
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| von Francis Byrne |
25.03.2009
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Kapitalismus: Wird er sanft entschlafen oder gegen die Wand fahren? Norbert Neltes Studie „Rosa Luxemburg, die Grenzen des Marktes und die Todeszuckungen des Kapitalismus" Die seit dem Frühjahr 2007 schwelende Finanzkrise hat sich im Herbst 2008 rasant verschärft. In den letzten 30 Jahren wurde den Massen mit dem Neoliberalismus eine politisch-wirtschaftliche Orthodoxie aufgezwungen, deren theoretische Inhalte sich - zusammen mit Billionenbeträgen - innerhalb weniger Wochen in Luft aufgelöst haben. Längst betrifft die Krise auch die Realwirtschaft erheblich. Es gibt einige Analysten, die eine Krise von der Heftigkeit der Großen Depression Ende der 1920er Jahre erwarten. Manch andere Experten schätzen sogar, dass die gegenwärtige Krise die zum Zweiten Weltkrieg führende „Great Depression" noch weit übertreffen wird.
Andere - oft auch linke Ökonomen - wiegeln ab und sehen in der Finanzkrise nur einen tiefen Abschwung innerhalb der normalen kapitalistischen Wirtschaftsphasen. Sie sinnieren teilweise sogar über Möglichkeiten, den Kapitalismus mit Staatsübernahmen und Bankenregulation zu retten und gehen von einem baldigen Ende der Krise aus. Ganz anders der marxistische Theoretiker und Klassenkämpfer Norbert Nelte. Der 1945 geborene studierte Betriebswirt mit kaufmännischer Ausbildung bezieht sich in seiner Untersuchung „Rosa Luxemburg, die Grenzen des Marktes und die Todeszuckungen des Kapitalismus" auf eine Theorie von Rosa Luxemburg, der wichtigsten marxistischen Ökonomin nach Marx selbst. Ausgehend von seiner Arbeitswerttheorie fand Marx, dass die Profitrate - ähnlich der Kapitalrendite - des Kapitals tendenziell fällt, weil der Anteil der durch die Arbeiter hinzugefügten lebendigen Arbeit an einem Produkt tendenziell sinkt, während der Anteil der Maschinen - der kristallisierten Arbeit - durch den Konkurrenzdruck zur Investition tendenziell steigt. Nur durch die lebendige Arbeit kann jedoch ein Unternehmer einen Mehrwert aus seinem investierten Kapital erzielen. Marx ging davon aus, dass dieser Effekt, der „tendenzielle Fall der Profitrate", dem Kapitalismus die „treibende Kraft" rauben würde und das „belebende Feuer der Produktion erlischt." Marx selbst ging in Bezug zur Profitrate von einer sanften Landung des Kapitalismus aus.Rosa Luxemburgs Biograf Paul Fröhlich berichtet, dass sie aber davon ausging, dass „der Kapitalismus ... in Todeszuckungen geraten [müsse], längst bevor die ihm immanente Tendenz auf Erweiterung des Marktes auf die objektive Schranke gestoßen sei". Rosa Luxemburg Marx und Luxemburg sind sich einig, dass durch Erhöhung des Ausbeutungsgrades, Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Wert und Ähnlichem, das Kapital der fallenden Profitrate einige Zeit entgegenwirken kann. Im Zeitalter des Imperialismus erkannte Rosa Luxemburg, dass die Gewinne und die für die Binnenökonomie zuviel produzierten Waren auch in neue Märkte und noch nicht kapitalisierte Sphären übertragen werden können und so der stete Druck auf die Profitrate und die drohende Überproduktion noch einige Zeit gemildert werden können. Aber wenn nichtkapitalisierte Sphären durchkapitalisiert sind wird die erweiterte Reproduktion abrupt problematisch. In ihrer Untersuchung ‚Antikritik' schrieb Rosa Luxemburg: „Der Imperialismus ist ebenso sehr eine geschichtliche Methode der Existenzverlängerung des Kapitals, wie das sicherste Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv ein Ziel zu setzen. Damit ist nicht gesagt, dass dieser Endpunkt pedantisch erreicht werden muss. Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen Entwicklung äußert sich in Formen, die die Schlussphase des Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestalten." Mit der Kapitalisierung Chinas ist laut Nelte diese Schlussphase des Kapitalismus erreicht. Das System beginnt, sich selbst zu kannibalisieren. Mit Produktionsvernichtung durch Heuschrecken, mit den Ölkriegen der USA, mit steigender Inflation, mit spekulativ explodierenden Lebensmittelpreisen, mit platzenden Immobilien- und Finanzbubbles und weiteren Katastrophen beginnt die Todesagonie des kapitalistischen Systems. Mit vielen Beispielen, Fakten, Zahlen und Tabellen kann Nelte seine These überzeugend und interessant belegen: In dieser Schlussepoche des Kapitalismus kann sich das Konkurrenzsystem nur noch mit wachsender Aggessivität verlängern. Seine mörderischen und kriegerischen Tendenzen werden zunehmend offenbar. Nelte, der als Wirtschaftlichkeitsrechner in Kalkulation und Controlling aber auch als Vertrauensmann in einem großen Zulieferbetrieb der Autoindustrie Erfahrungen mit dem Kapitalismus machte, gebührt der Verdienst, die etwas in Vergessenheit geratene Theorie Luxemburgs nachgerechnet und wiederbelebt zu haben. Anders als der jüdisch-palästinensische Sozialist Tony Cliff kommt Nelte zu dem Schluss, dass sich bei genauer Berechnung von Luxemburgs Theorie - den Möglichkeiten der modernen Tabellenkalkulation sei Dank - ihre These bewahrheitet. Sozialismus oder Barbarei Neltes Untersuchung lässt die erhebliche Zuspitzung der kapitalistischen Krise verständlich werden. Die Beschäftigung mit dem nicht immer leichten Thema lohnt sich sehr, sowohl bei Luxemburg im Original als auch bei Neltes Untersuchung. Ein großer Teil von Neltes Buch beschäftigt sich nämlich mit der Frage: Was kommt nach dem Kapitalismus? Rosa Luxemburg stellte die Menschheit vor die Alternative von Sozialismus oder Barbarei. Doch wie kann eine Vision des Sozialismus skizziert werden nach einer ganzen Epoche stalinistischer Verdrehung des Marxismus? Im Zentrum von Neltes Überlegungen steht immer die revolutionäre Perspektive jenseits des kapitalistischen Systems. In der Tradition von Lenin und Trotzki weist er auf die historischen Erfahrungen der Arbeiterräte. Nur die Arbeiterklasse kann in einer basisdemokratischen Räterepublik eine solidarische Planwirtschaft aufbauen, denn die Arbeiterinnen und Arbeiter leiden unter dem mörderischen Konkurrenzdruck im Kapitalismus. Nur in einem basisdemokratischen Plan, den die Kolleginnen und Kollegen von unten in den Betrieben international entwickeln, steckt eine sozialistische Perspektive. Ganz anders als im von Nelte scharf kritisierten staatskapitalistischen Ostblock, wo Bürokraten von oben entschieden und sich die Konkurrenz und somit die „Akkumulation um der Akkumulation willen" mittels Rüstungszwang durch die Hintertüre wieder einfand. Nelte weist in seinem visionären Buch auf viele historische Erfahrungen hin. Die jüngste Erfahrung ist die Geschichte des Arbeiter- und Volksrates in mexikanischen Oaxaca. Die Lektüre ist oft leicht, phasenweise aber auch nicht einfach. Charmant ist Neltes Tipp an Einsteiger, zuerst die sich hinten im Buch befindliche Einführung in die marxistische Wirtschaftstheorie zu lesen. Genau das empfehlen wir auch.
Norbert Nelte: „Rosa Luxemburg, die Grenzen des Marktes und die Todeszuckungen des Kapitalismus", 168 Seiten mit vielen grafischen Darstellungen
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