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Weltwirtschaft im freien Fall PDF Drucken E-Mail
von André Damon - www.wsws.org    23.05.2009 - bisherige Aufrufe: 1320

weltwirtschaftskrise.jpgPraktisch alle Regierungen der weltstärksten Wirtschaftsmächte haben in den letzten Tagen enorme Wirtschaftseinbrüche für das erste Quartal bekannt gegeben. Auch die Indikatoren des Frühwarnsystems für die Wirtschaftskrise verschlechtern sich weiter.

Mexiko ist das bisher letzte Land, das im ersten Quartal einen riesigen Rückgang verzeichnen musste. Seine Wirtschaft schrumpfte im Vergleich zum Vorjahr um 8,2 Prozent. Das ist der tiefste Absturz seit der Peso-Krise 1995, die das Land beinahe in die Zahlungsunfähigkeit getrieben hätte. Aufs Jahr hochgerechnet würde es einen Rückgang um 21,5 Prozent bedeuten.

Am Dienstag hatte Japan bekannt gegeben, dass seine Wirtschaft im vierten Quartal um vier Prozent schrumpfte. Das ist der schlimmste Rückgang seit 1955, und aufs Jahr gerechnet bedeutet es ein Schrumpfen um 15,2 Prozent. Im voran gegangenen Quartal war die japanische Wirtschaft bereits um 3,8 Prozent geschrumpft.

Vergangene Woche musste auch Deutschland zugeben, dass seine Wirtschaft im ersten Quartal um vier Prozent eingebrochen ist. Das ist die stärkste Schrumpfung, seit die Regierung 1970 die Quartalszahlen zu erheben begann. Die stark exportabhängige deutsche Wirtschaft ist zwar von allen großen europäischen Volkswirtschaften am stärksten betroffen, aber alle haben deutliche Einbußen erlitten.

Am Montag erklärte der Präsident der Europäischen Zentralbank EZB, Jean-Claude Trichet, im Namen der OECD, der Abschwung habe "einen Wendepunkt" erreicht. Mit Blick auf die Entwicklung der Börsen und ihrer Erwartungs-Indizes deutete Trichet an, der Aufschwung sei schon um die Ecke.

"Auf jeden Fall erleben wir zumindest eine Verlangsamung des BIP-Rückgangs. In manchen Fällen kann man schon eine Wende erkennen", schloss Trichet. Die jüngsten BIP-Zahlen lassen diese Prognose aber zumindest als fragwürdig erscheinen.

Offizielle Zahlen vom Freitag zeigten, dass die Eurozone im ersten Quartal insgesamt um 2,5 Prozent schrumpfte, verglichen mit 1,5 Prozent im letzten Quartal 2008.

Die Einzelheiten sind besorgniserregend. In der Lex-Kolumne der Financial Times hieß es: "Wenn die deutsche Wirtschaft weiter so schrumpft, wird sie sich am Ende des Jahres um 20 Prozent verkleinert haben. Damit würde das anderthalb Jahrzehnte andauernde Wachstum seit der Wiedervereinigung ausradiert."

Die Volkswirtschaften Osteuropas werden geradezu vernichtet. Jüngste Statistiken zeigen, dass die Wirtschaft der Slowakei in den ersten drei Monaten des Jahres um 11,2 Prozent eingebrochen ist.

Mexiko, Deutschland und Japan sind besonders wichtige Handelspartnern der Vereinigten Staaten. Ihr Handelsvolumen mit den USA beläuft sich zusammen auf 500 Milliarden Dollar. Vor der Rezession betrugen die amerikanischen Importe fast drei Billionen Dollar im Jahr. Sie trieben den internationalen Nachfrageboom maßgeblich in die Höhe.

Der amerikanische Warenimport ging dem Wall Street Journal zufolge im ersten Quartal 2009 um mehr als dreißig Prozent zurück, verglichen mit dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. 2006 hatten die USA ein Zahlungsbilanzdefizit von mehr als 800 Mrd. Dollar. Das ist jetzt auf 500 Mrd. Dollar zusammengeschmolzen. Steigende Arbeitslosigkeit, fallende Hauspreise und massenhafte Zwangsversteigerungen bewirken, dass der Konsum von ausländischen Waren stark zurück geht. Besonders Autos und Konsumgüter werden deutlich weniger gekauft. Die Autoproduktion in Mexiko, die größtenteils für den US-Markt bestimmt ist, ist dem Wall Street Journal zufolge um 41 Prozent zurückgegangen.

Die Rezession hat das komplexe Netz der internationalen Produktion völlig durcheinander gebracht. Produzenten in der globalen Lieferkette haben überhaupt keine Anhaltspunkte mehr, um zu bestimmen, wie viel sie noch produzieren können.

"Man muss willkürlich eine Produktionszahl festlegen, ohne dass Informationen vorlägen, denn - ‚nichts genaues weiß man nicht'", sagte ein Hersteller elektronischer Bauteile dem Wall Street Journal. Nach der Bekanntgabe der rückläufigen Produktion in Japan sagte Sony, es werde sein globales Vertriebsnetz halbieren, um die sinkende Nachfrage auszugleichen.

Einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen zufolge sind ausländische Direktinvestitionen im vergangenen Jahr um fünfzehn Prozent zurückgegangen. Supachai Panitchpakdi, Generaldirektor der UN Handels und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) erklärte, der Rückgang der Auslandsinvestitionen werde dieses Jahr noch "viel stärker" sein, als letztes Jahr.

Die internationalen Börsen und die Profite des Finanzsystems befinden sich derweil weiter im Aufschwung. Der Weltindex der FTSE ist seit März um mehr als 40 Prozent gestiegen.

Die amerikanische Nasdaq hat in den letzten drei Monaten 16,88 Prozent gutgemacht, die europäische FTSE Eurofirst um achtzehn Prozent, der japanische Nikkei um 24,91 Prozent und der taiwanesische Hang Seng um 35,44 Prozent. Der Vanguard Financial Index übertrifft sie alle mit einem Gewinn von 42 Prozent seit dem 6. März 2009.

Die Financial Times wies am Donnerstag in einer Kolumne darauf hin, dass die Erholung der Börsen mit dem Umstand zusammenhängt, dass die Zentralbanken Billionen Dollar in die Zirkulation gepumpt haben. "Die Märkte werden von einer Springflut von Geld überschwemmt, die von Regierungen und Zentralbanken losgetreten worden ist. Damit wiederholt sich die Spekulationswelle, die die Indizes schon vor zwei Jahren immer höher getrieben hatte. Irgendwann wird sie zurück fluten... Auch wenn die Hoffnung jetzt künstlich ist - die kommende Enttäuschung wird wohl sehr real werden."

Alleine die USA werden einem Bericht der Deutschen Bank zufolge fast fünfzehn Billionen Dollar ins Finanzsystem pumpen. Die anderen Industrieländer haben ähnliche Programme beschlossen und schießen Dutzende Billionen in das Finanzsystem ein, währen die so genannten Realökonomien unter der tiefsten Rezession seit den 1930er Jahren leiden.

Das Programm der Obama-Regierung - die Verarmung der arbeitenden Bevölkerung durch Entlassungen und Restrukturierungen, und riesige Subventionen für die Finanzwirtschaft - wird, mit gewissen Veränderungen, von den Regierungen aller entwickelten Länder übernommen. In Ländern mit hoher Auslandsverschuldung, wie den USA, Spanien und Großbritannien, wirkt das wie ein Export der Rezession.

Aber die Überschussländer handeln auch nicht besonders rational. Micheal Pettis, Professor der Finanzwissenschaft an der Peking-Universität in Beijing, schreibt in der Financial Times vom Donnerstag, dass einige asiatische Exporteure, besonders China, versuchen, die sinkende weltweite Nachfrage durch eine Steigerung der Industrieproduktion auszugleichen.

"Diese investitionsorientierte Politik stimuliert den Verbrauch indirekt, indem sie die Produktion anreizt. Obwohl sie also zeitweise das Wachstum fördert, kann sie nicht zu einer ausreichend großen inländischen Nettokonsumption führen, die die Nachfrage aus Amerika wettmachen könnte. Schlimmer noch: in einigen Fällen wird diese Politik den einheimischen Verbrauch in dem Moment scharf begrenzen, in dem er am meisten gebraucht würde."

Kurz gesagt: während die amerikanische Elite gerne zu Höchstprofiten zurückkehren würde, indem sie Millionen Arbeiter verarmt, und auf diese Weise das Zahlungsbilanzdefizit verringert, versucht China seine Profite durch den Ausbau seiner Produktionskapazitäten wieder hoch zu treiben. Diese beiden Strategien sind auf Kollisionskurs, aber sie werden beide das gleiche Ergebnis zeitigen: Verarmung der Arbeiter in den Importländern und hohe Arbeitslosigkeit, Überkapazitäten und Wirtschaftskrise in den Exportländern.

In einer Weltwirtschaft, die sich im freien Fall befindet, und in der die Arbeitslosigkeit drastisch ansteigt, können diese Vorgänge nichts anderes bedeuten, als dass weltweit soziale Unruhen bevorstehen.

Siehe auch:
Die kapitalistische Krise und die Rückkehr der Geschichte
(31. März 2009)

http://www.wsws.org/de/2009/mai2009/wirt-m23.shtml
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