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"Zombie-Kapitalismus" - Interview mit Chris Harman PDF Drucken E-Mail
von www.socialistworker.co.uk    26.06.2009 - bisherige Aufrufe: 1717

zombiecapitalismjpg.jpgDie britische Arbeiterzeitung Socialist Worker sprach mit Chris Harman. Dieser hat soeben sein neues Buch „ Zombie Capitalism" veröffentlicht. In seinem Buch argumentiert Harman, dass marxistische Ideen der Schlüssel sind, um das kapitalistische System zu verstehen.

Socialist Worker: Dein neues Buch über die Wirtschaftskrise heißt „Zombie-Kapitalismus". Was meinst du damit?

Chris Harman: Einige Kommentatoren haben den Begriff „Zombie-Banken" geprägt, um folgende Situation zu beschreiben: Das Bankensystem ist zum Stillstand gekommen und wirkt sich nun nachteilig auf das ganze System aus.Eine Zombie-Bank ist wertlos aber sie kann mit Unterstützung der Regierung noch weiterarbeiten. So haben die Toten also fürchterliche Auswirkungen auf die Lebenden.

Ich denke, es ist angemessen, den Begriff „Zombie-Kapitalismus" zu verwenden, um das System als Ganzes zu charakterisieren.

Mein neues Buch zeigt auf, wie die Theorien von Karl Marx erklären, warum Krisen dem kapitalistischen System inneliegen.

Marx beschrieb den Kapitalismus als System, in welchem das Tote über das Lebende sowie die Vergangenheit über die Gegenwart herrscht. Er beschrieb wie es dazu kam, dass die Produkte der menschlichen Arbeit das Leben der Menschen und das Leben der nachfolgenden Generationen beherrscht.

Die Arbeiter haben keine Kontrolle darüber, was sie produzieren, wie sie produzieren, wieviel sie produzieren oder was mit den produzierten Waren geschieht. So erscheinen die Produkte als Fremd und mit einer ganz eigenen Macht ausgestattet. 

chrisharmanbyhossam.jpg„Zombie-Kapitalismus" ist ein besonders passender Begriff für die gegenwärtige Periode.

Als der industrielle Kapitalismus vor 250 Jahren begann, war er ein unwahrscheinlich dynamisches System, dass im Laufe der Zeit die ganze Welt umspannte. Es hat stets Krisen durchlaufen.

Aber seit Mitte der 1970er Jahre durchläuft der Kapitalismus eine lange Krisenphase in welcher Booms von immer tieferen Krisen abgelöst werden.

Die Kapitalisten waren nicht dazu geneigt, ihre Profite in expandierende Produktion zu investieren, weil die Rate des Ertrages, die sie für ihre Investitionen bekamen sehr niedrig war.

(Bild: Flickr Account von Hossam el-Hamalaw)

Sie haben die Löhne der Arbeiter gekürzt, um ihre Profite aufrechtzuerhalten. Dies hat zu einem Ansteigen von Krediten und Schulden geführt. Aber die Banken und die Finanzinstitutionen verliehen mehr Geld, als sie jemals zurückbekommen würden.

Dies löste vor zwei Jahren die „Credit Crunch" genannte Kreditkrise aus und die Krise in der wir nun stecken.

SW: Was hat die Krise verursacht?

CH: Die meisten etablierten Ökonomen sagen, es ist nur ein Problem der Finanzen.

Das ist nicht der Fall. Die Krise spiegelt ein viel tieferes, viel fundamentaleres Problem des Systems wider.

Marx stellte fest, dass Krisen ein zentrales Merkmal des Kapitalismus sind.

 

Die Konkurrenz treibt das System voran. Aber weil jeder einzelne Kapitalist versucht, so viel des Marktes für sich zu bekommen wie möglich, gibt es stets die Gefahr, dass insgesamt mehr produziert wird, als gekauft werden kann.

Zwei Dinge wirken dieser Tendenz entgegen. Erstens können die Arbeiter ihre Löhne für einen Teil der produzierten Güter ausgeben.

Zweitens können Kapitalisten ihre Profite in neue Betriebe investieren und so andere produzierte Waren - wie Eisen, Stahl, Öl oder Elektrizität - aufkaufen.

Wenn beide Quellen der Nachfrage zusammenbrechen, kann die Wirtschaft in eine Krise geraten.

Die Überproduktion ist eine Belastung für das System. Wenn Produkte nicht verkauft werden können, dann verlieren Betriebe Geld und entlassen Arbeiter. Das bedeutet, dass diese Arbeiter keine von anderen Firmen produzierte Waren mehr kaufen können. Diese müssen wiederum Arbeiter entlassen, was zu einer Vertiefung der Probleme führt.

SW: Wegen der gegenwärtigen Krise haben Regierungen enorme Mengen Geld in das System gepumpt. Was für einen Effekt wird dies haben?

CH: Das weiß niemand. Jeder multinationale Konzern, jede Bank behält das Ausmaß ihrer Schulden geheim, weil man der Konkurrenz keinen Vorteil verschaffen will. Zudem bauschen Kapitalisten ihre Profite auf, weil sie wollen, dass ihre Börsennotierungen steigen.

So weiß niemand genau, wie hoch die Profite oder Verluste des Systems tatsächlich sind.

Die Regierungen nehmen Geld, um ein riesiges Loch zu füllen, aber niemand weiß genau, wie groß das Loch ist. An einem gewissen Punkt in der nahen Zukunft werden sie versuchen, ihr Geld zurückzubekommen. Aber sie werden versuchen, es von den ganz gewöhnlichen Menschen zurückzubekommen, nicht von den Bankern.

In dieser Situation sind einige Regierungen besser positioniert als andere. So kann die USA als größte Wirtschaft der Welt es sich wahrscheinlich leisten, die Stunde der Wahrheit für eine Weile hinauszuzögern. Aber osteuropäische Staaten wie beispielsweise Lettland befinden sich in einer erheblichen Notlage.

Großbritannien befindet sich in einer Zwischenposition. Es ist noch immer einer der stärksten Ökonomien der Welt.

Viele etablierte Wirtschaftler sagen, dass die britische Regierung sich das Geld, was sie den Banken zugeschustert hat, entweder durch riesige Steuererhöhungen oder durch Angriffe auf den öffentlichen Dienst - oder sehr wahrscheinlich durch beides - zurückholen wird.

Die Konservativen und Labour streiten über das Ausmaß der Kürzungen bei den Staatsausgaben. Labour wollen die Kürzungen durchführen aber gleichzeitig versuchen sie es so darzustellen, dass die Kürzungen garnicht stattfinden. Die konservativen Tories haben sich ganz offen zu Kürzungen bekannt.

SW: Hat die Wirtschaftskrise eine Auswirkung auf die Ideologie des Neoliberalismus, der Politik des freien Marktes, der die Welt in den vergangenen 30 Jahren bestimmt hat?

CH: Der Neoliberalismus ist eine Ideologie, die hauptsächlich benutzt wird, um Angriffe auf die Arbeiter zu rechtfertigen. Trotz der Rhetorik über die Nichteinmischung in die freien Märkte haben Regierungen stets die großen Unternehmen unterstützt.

Aber dies wurde immer hinter verschlossenen Türen durchgeführt. Der Unterschied heute ist, dass sie es nun bei hellichtem Tag tun müssen.

Dies bedeutet, dass es in Diskussionen viel einfacher ist, aufzuzeigen, dass die Krise durch den Kapitalismus hervorgerufen wurde als während der Krise in den 1970er Jahren. Damals wurden die Gewerkschaften und die Ölscheichs einfach für den Tumult verantwortlich gemacht.

Die meisten Menschen erkennen heute, dass Banken ein zentraler Teil des Problems sind.

Das bedeutet aber nicht, dass Argumente gegen das System automatisch gewonnen werden können. Jeden Tag erleben wir neue Angriffe der rechten Boulevardpresse auf Asylsuchende, sogenannte „Beihilfe-Schnorrer" und eingewanderte Arbeiter.

Die Idee, dass die „Bosse und die Arbeiter im selben Boot" sitzen, gibt es noch. Das Ziel dieser Stimmung ist das Argument zu plazieren, dass wir alle von den Jahren des „Aufschwungs" profitiert haben und wir nun alle in Zeiten der Krise leiden müssen.

Diese Idee hat ganz konkrete Auswirkungen. So hat beispielsweise die Pilotenvereinigung Balpa den Arbeitern bei British Airways Lohnkürzungen und längere Arbeitszeiten empfohlen, um dem Unternehmen zu „helfen".

Aber die ganz normalen Leute profitierten nicht vom Aufschwung. Viele mussten massiv auf Kredite zurückgreifen, um durchzukommen.

In jeder Krise wird versucht, die Menschen in die Defensive zu drängen, in der Hoffnung, dass sie die Idee annehmen, dass wir alle die Schuld tragen.

Gleichzeitig können sie aber auch wütend sein über die schlechteren Lebensbedingungen.

Sozialisten müssen gegen das System und für die Einheit aller Arbeiter argumentieren.

Arbeiter werden diesen Argumenten am meisten zuhören, wenn sie sich im Kampf befinden und wenn sie anfangen klar zu erkennen, dass die Teilung der Gesellschaft entlang von Klassen besteht.

Als Auswirkung der kapitalistischen Probleme gab es ein wiederbelebtes Interesse an marxistischen Ideen und eine Wiederbelebung der marxistischen Wirtschaftstheorie bei Akademikern.

Die etablierten Wirtschaftszeitungen wie die Financial Times oder der Economist mussten umschalten. Statt über die Propheten der freien Märkte zu schreiben, schreiben sie jetzt über John Meynard Keynes, einem Befürworter der Staatsintervention.

In diesem Zusammenhang konnten sie auch nicht umgehen, über Marx zu schreiben. Und wenn man die Dynamik des Kapitalismus verstehen möchten, dann sollte man sich mit Marx befassen.

SW: Gibt es Anzeichen einer Erholung?

CH: In den vergangenen Wochen haben zahlreiche Kommentatoren davon gesprochen, dass die Wirtschaft nun anfangen müsste, sich zu erholen. Dies zeigt, dass diese Leute keine Ahnung haben. Die Börsen sind in den letzten vier Monaten wieder um etwa 20 Prozent angestiegen - nachdem sie 50 Prozent nachgegeben haben.

Es ist noch ganz weit davon entfernt, so zu sein wie vorher. Aber wenn man versucht, schnelles Geld mit Börsenwetten zu machen, dann kann man das wieder.

Einige sagen, dass der „Wendepunkt" erreicht ist. Sie meinen damit nicht, dass die Rezession zu Ende ist, sondern dass die Wirtschaft nicht mehr gar so dramatisch schrumpft.

Sie wissen nicht, ob die riesigen in das System geschmissenen Geldmengen ausreichen, um die Krise zu beenden.

Sollte die Wirtschaft anfangen, sich zu erholen, dann werden die Auswirkungen der Erholung für die Durchschnittsbevölkerung noch lange nicht spürbar werden. So wird es beispielsweise eine Verzögerung bei der Verringerung der Arbeitslosigkeit geben.

Unsere Führer haben die Wurzel der Krise nicht gelöst. Wenn man bei Grippe Ibuprofen nimmt, dann gehen zwar die Kopfschmerzen für ein paar Stunden weg, kommen dann aber wieder zurück.

Wenn sich also die Bosse aus dieser Krise herauswinden, dann haben sie die Vorbedingungen für eine noch tiefere zukünftige Krise gelegt.

 

Das Buch „Zombie Capitalism" ist auf Englisch erschienen und kann bestellt werden über:

www.bookmarksbookshop.co.uk

 

 

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