| Iran: Da ist kein zweiter Mandela |
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| von Bahman Shafigh |
27.06.2009
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Der Westen
hat eine neue Bewegung und einen neuen Helden entdeckt. In Zeiten der globalen
Krise ein willkommener Anlass. Von den Linksliberalen bis hin zu den
konservativsten Kreisen, schwärmt man über die Bewegung des zivilen Ungehorsams
im Iran und dessen Wortführer Mussawi. Welche Bedeutung diese Zuwendung für den
jetzigen Seelenzustand im Westen hat, werden wir weiter unten sehen. Doch
zunächst lohnt es sich, einige der Kernaussagen dieser Euphorie einer
kritischen Untersuchung heranzuziehen.
Das Bild im
Großen, das von den Ereignissen im Iran gezeichnet wird, besagt folgendes: Eine
erstarkte Reformbewegung als Ausdruck der Unzufriedenheit der städtischen
Bevölkerung, insbesondere der jungen Generation, die mit Mitteln des zivilen
Ungehorsam den Staatsapparat herausfordert und die Perspektiven für einen
demokratischen Iran öffnet. Dies alles ist zustande gekommen in der Folge der
„offensichtlichen Wahlmanipulation" in großer Manier, was die Empörung des
angeblich so gedemütigten Volkes mit sich zog. Wir wollen erst einmal
überprüfen, ob dieses Bild stimmt und in wie weit hier Wahrheiten und Lügen
vermischt in einer Packung der Öffentlichkeit präsentiert werden. Beginnen möchten
wir von einigen Detailinformationen über die Führungsriege dieser Bewegung.
Anschließend möchten wir die Strukturen untersuchen, die hinter dieser
Führungsriege stehen und die Hintergründe beleuchten, die zu dieser
Auseinandersetzung geführt haben. Schließlich widmen wir uns dem Programm
dieser Reformbewegung. Doch ein Wort vorab: Der Verfasser dieser Schrift kämpft seit drei Jahrzehnten gegen das iranische Regime und betrachtet diesen Staat als eine der schlimmsten Sorten des kapitalistischen Staates, ein Staat der abgeschafft werden muss. Also bedeutet diese kritische Auseinandersetzung keinesfalls eine Beschönigung der Gegenseite des Kampfes, des iranischen Staatsapparats mit Khamenei an dessen Spitze und mit Ahmadinedschad als dessen Präsident. Vielmehr halte ich diese reaktionären Kräfte weit aus schlimmer als deren Gegenpart, also die sog. Reformer. Doch eine kritische Auseinandersetzung ist umso nötiger, da wir hier mit einer beispiellosen Kampagne zur Verdrehung der Wahrheiten zu tun haben. Dies dem Leser etwas näher zu bringen, ist die Aufgabe dieser Schrift. Wer ist Mussawi, wer sind seine engen Mitstreiter?
Mir Hussein
Mussawi hat seine politische Karriere in der Islamischen Republik als
Chefredakteur der Zeitung Jomhurye Eslami, Parteiorgan der gleichnamigen
Partei, begonnen. Dies war die erste Partei, die direkt nach der Revolution
gegründet wurde. Der Parteiführung gehörten eine Reihe der wichtigsten Mullahs,
u.a. der später ermordete Beheshti und die jetzigen Gegenspieler Khamenei und
Rafsandschani, an. Ab 1360 (1981) iranischer Zeitrechnung wurde Mussawi zum
Ministerpräsidenten berufen und diente in diesem Posten bis zum Ende des
Krieges 1367 (1988). Diese Zeitspanne ist gleich mit einer Reihe von
gesellschaftlichen und politischen Ereignissen mit weitreichender Bedeutung. In
diesem Zeitraum hat die erste, große Hirnrichtungswelle stattgefunden; hat die
sog. Islamische Kulturrevolution begonnen, was die Ermordung Tausender
Studentinnen und Studenten und die völlige Islamisierung der Universitäten zur
Folge hatte; und schließlich wurden die Weichen für die Durchsetzung
islamischer Normen im Alltag gestellt. Mussawi war einerseits als
Ministerpräsident (Dieser Posten wurde später abgeschafft. Mussawi blieb damit
der letzte Ministerpräsident der Islamischen Republik) und andererseits als
Mitglied des Rates der Kulturrevolution an allen diesen Entscheidungen
maßgeblich beteiligt. Um ein Bild über die Grausamkeit dieser Zeit nur in
kürzen Abrissen zu malen:
Die Liste
kann beliebig fortgesetzt werden. Es liegen über 20 Jahre zwischen diesen
Ereignissen und der heutigen Entwicklung. Doch - abgesehen von dem Tatbestand,
dass Mord nicht verjährt- ist die Tatsache entscheidend, dass die
Verantwortlichen von damals sich bis jetzt keineswegs von diesen Taten
distanziert haben. Als Mussawi bei einer Wahlveranstaltung vor einigen Monaten
mit der Frage seiner Rolle während der Kulturrevolution konfrontiert wurde, hat
er dies mit dem kurzen Hinweis abgetan, dass er dafür keine Verantwortung trage
und Abdolkarim Soroush - der in London lebende Islamgelehrte, der damals
Mitglied des Rats der Kulturrevolution war - diese gefordert habe. Daraufhin
veröffentlichte Sorousch einen kleinen Teil der Gespräche beim Revolutionsrat,
der nicht nur Mussawis Beteiligung belegte, sondern ihn, neben seinem Mentor
Rafsandschani, als Hauptverantwortlicher für diese blutigen Ereignisse
entlarvt.
Doch was
haben die anderen oben erwähnten Fakten über die Rechtslage im Iran mit Mussavi
zu tun? Eine Reihe der damals aktivsten Richter und Staatsanwälte, die bei
dieser Entwicklung eine zentrale Rolle gespielt haben, gehören jetzt entweder
zu den engsten Vertrauten von Mussavi oder sind seine Mentoren im Klerus. Unter
anderem ist von einem Geistlichen Namens Hojat-Ol-Eslam Mussavi-Tabrizi zu
sprechen, der damals den Posten des „Obersten Anwalt der Revolution" - das
Pendant zum Oberstaatsanwalt -
bekleidete. Die oben erwähnte Rechtssprechung über die Ermordung der
Verletzten Kombattanten stammt eben von dieser Person, der dies in einem
Interview im September 1981 äußerte. Mussavi-Tabrizi ist einer der engen
Mitarbeiter von Mussavi bei seinem Wahlkampf und gehört zu der Führungsriege
seines Stabs.
Ein Anderer,
viel wichtigere Person ist der Groß Ajatollah Sanei. Ohne Zweifel ist Sanei
einer der Hauptstützen Mussawis innerhalb der klerikalen Hierarchie. Als Groß
Ajatollah hat sein Wort viel Gewicht. Dieser Sanei war ebenfalls ab 1982 bis
1985 in der Justiz aktiv und zwar als Oberstaatsanwalt. Sein Nachfolger war ein
anderer Namensvetter von Mussavi, nämlich der Geistliche Hojat-Ol-Eslam
Mussavi-Khoiini. Auch dieser gehört jetzt zum Wahlkampfteam von Mussavi.
Interessanter
ist vielleicht der Ursprung von einem anderen Kreis seiner Unterstützer. Um
Mussawi herum hat sich ein erfahrenes Wahlkampfteam gebildet, bestehend aus
einer Reihe ehemalige Kader der „Organisation Islamischer Mudschaheddin".
Dieser Organisation war als Gegenmodell zur damals linksgerichteten, jedoch
islamische, Organisation der Volks-Mudschaheddin gegründet worden. Das Ziel
dieser Organisation war es, den Elan des bewaffneten Kampfes, der die
Volks-Mudschaheddin umgab zu zerstören und als eine der reinen Lehre Treue
Organisation ebenso einen solchen Elan auszustrahlen. Selbstverständlich
zeichnete diese Organisation ihre Treue zum Klerus und ihre stark
antikommunistische Ideologie aus. Die Organisation war maßgeblich bei der
Gründung der berüchtigten Revolutionswächter (Pasdaran) beteiligt. In den
Jahren von Mussawis Regierung haben die Kader diese Organisation die Abteilung
Nachrichtendienst von diesem Pasdaran geleitet. Diese Abteilung war
ausschließlich mit der Ausspähung, Verfolgung und Zerschlagung linker
Organisationen sowie von Volks-Mudschaheddin befasst. Auch diese Liste kann beliebig fortgesetzt werden. Dies dürfte jedoch ausreichend über den engen Kreis der Führungsriege um Mussawi aussagen. Das Bild ist jedoch erst dann komplett, wenn die tatkräftige Unterstützung des Rafsandschani Klans und seien zentrale Rolle bei der Planung und Finanzierung der Kampagne noch dazu gerechnet wird. Putsch gegen wen?
Die
Propagandamaschinerie der „Grünen" behauptet, hinter der Wahlfälschung von
Hardlinern stünde ein Putsch. Ob und in wie weit sich bei dem Wahlergebnis
überhaupt um eine Fälschung handelt, ist mittlerweile zweitrangig. Von Anfang
an hat es hierzu keine, und absolut keine, sachliche Diskussion gegeben. Die
Wahrheit hat offensichtlich niemanden interessiert. Die Diskussion an sich ist
zwar eine wichtige, da dies den Grad der Entwicklung des politischen Systems im
Iran zeigt. Wenn bei einer Wahl so einfach 11 Millionen Stimmen verschoben
werden können, dann haben wir es hier mit einer Bananenrepublik zu tun. Iran
ist aber alles andere als eine solche Republik. Der Unterdrückungsapparat ist
viel komplexer, als diese Annahme unterstellt. Im konkreten Fall dieser Wahlen
widerspricht dies außerdem die Aussage von Expräsident Khatami, ein wichtiger
Unterstützer Mussawis, in einem Interview mit Newsweek zwei Wochen vor der
Wahl, das das iranische Wahlsystem trotz einiger Schwächen eine grobe
Wahlmanipulation nicht zulasse; und das er dies aus seiner Zeit als
Ministerpräsident schon wisse. Die primäre Frage, die uns hier beschäftigt ist jedoch,
gegen wenn dieser Putsch geführt werden sollte? Ist das gegen das Volk gewesen,
wie es die „Reformer" behaupten oder gibt es auch andere Kreise, gegen sie sich
die Entwicklung gerichtet hat?
Kurz nach
dem TV Duell zwischen Mussawi und Ahmadinedschad veröffentlichten ca. 50
Gelehrten aus Qom - die heilige Stadt und das wichtigste Zentrum des Klerus -
eine Erklärung, in der Sie vor einer Wiederholung der Ereignisse der
Konstitutionellen Revolution warnten. Unter den Unterzeichnern waren die
Unterschriften eine Reihe prominente Ajatollahs zu lesen. Bei der
Konstitutionellen Revolution 1905 hat sich der Klerus zunächst auf die Seite
der Revolution geschlagen und eine maßgebliche Rolle bei der Zerschlagung der
Despotie gespielt. Später, als allmählich die demokratischen Aspekte der
Revolution sich zu entwickeln begannen, hat sich ein sehr konservativer Teil
des Klerus auf die Seite des Despoten Mohammd-Ali Schah geschlagen und die
Revolution offen bekämpft. Als Mohammad-Ali Schah gestürzt wurde, haben die Revolutionäre
den stramm reaktionären Groß Ajatollah Scheich Fezlollah Nouri verhaftet und
ihn den Prozess gemacht. Er wurde dann auf dem Platz Baharestan öffentlich
gehängt. (Ja, auch das hat es im Iran gegeben. Vor über 100 Jahren hat man
einen Groß Ajatollah hingerichtet und die Menschen haben gejubelt. Die Rache
kam 70 Jahre Später.)
Als am
Abend des 3. Juni die Zuschauer ihre Fernsehgeräte einschalteten um die
Fernsehdebatte zwischen Ahmadinedschad und seinem Herausforderer Mussawi zu
verfolgen, konnten sie ihren Augen nicht trauen. Die beispiellose Offenheit
beider Kontrahenten und die Schärfe der Attacken legten einen erbitterten
Streit offen, der bis dahin nur unterschwellig vor sich lief. Nach dem Duell
haben die bürgerlichen Medien selbstverständlich Mussawi als Sieger der Debatte
erklärt. Er hatte Ahmadinedschad scharf kritisiert, ihn als Lügner,
abergläubisch, verantwortungslos und Machiavellist bezeichnet und einen anderen
Stil für die Politik der nächsten Jahre versprochen. Bemerkenswert war jedoch,
dass er keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung in die Debatte brachte. Konkret
wurde er nur im Bereich der Außenpolitik, wo er eine verantwortungsvolle,
bedachte Außenpolitik als Gegenmodell entwarf. Ahmadinedschad hingegen hatte
eine völlig überraschende Strategie für sich ausgesucht. Durch die massive
Kritik der sog. Reformorientierten
Presse in den Wochen und Monaten vor der Debatte an den Rand gedrängt, hat
Ahmadinedschad die Initiative ergriffen und alle seine Gegenkandidaten frontal
angegriffen.
Ahmadinedschad
hat diese Wahlstrategie auch bei seinen nächsten TV-Duellen erfolgreich
fortgesetzt. Insbesondere gegen den Kandidaten Karrubi, den er bei der Debatte
regelrecht deklassierte und als völlig inkompetente Marionette der Machtzentren
um Rafsandschani entlarvte. Nicht zuletzt deshalb hat Karrubi das schlechteste
Wahlergebnis erzielt. Seine Demontage glich einer völligen Demütigung. Sogar
sein eigener Stabschef Karbastchi, ein enger Vertrauter Rafsandschanis, hat am
Wahltag offen für Mussawi gestimmt.
Damit waren
die Fronten neu definiert. Auf der einen Seite stand der selbst ernannte
Volksheld Ahmadinedschad und auf der anderen Seite fast das ganze Establishment
des Systems einschließlich eines großen Teils des Klerus. Als Ahmadinedschad
seine erste Wahlveranstaltung in Mashad abhielt, war klar, dass seine
Mobilisierungsstrategie gegriffen hatte.
Abgesehen von der Tatsache, dass er mit Staatlichen Mitteln Menschen zu seinen
Veranstaltungen bringen ließ, war allein das Erscheinen so vieler Menschen
beeindruckend. Es zeichnete sich ganz schnell ein Sieg Ahmadinedschads ab.
Diese Tatsache wird von den Gegenkandidaten zwar vehement bestritten. Ein Blick
auf ihre Wahltaktik auf der letzten Spur des Wahlkampfes zeigt jedoch ein
anderes Bild. Nach dem ersten TV-Duell war es Ahmadinedschad gelungen, die
Themen zu setzen und der Debatte seinen Stempel auf zu drucken. Anstatt sich zu
rechtzufertigen, hatte er bei seinem zweiten Duell mit Fakten und Daten zur
wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung seiner Regierungszeit operiert und
diese immer wieder mit den Daten andere Regierungen verglichen. Hat man ihm
eine hohe Inflationsrate vorgeworfen, so hat er die noch höhere Rate unter
Khatami und Rafsandschani gegen gehalten. Dabei hat er ununterbrochen das Thema
Gerechtigkeit und Bekämpfung der korrupten Elite geschickt in den Mittelpunkt
gestellt. Es war nun klar, dass er bei einem Wahlsieg klaren Tisch machen
würde. Insbesondere wenn man bedenkt, dass er die engsten Verwandten von
Rafsandschani, seine Söhne, namentlich erwähnte. Dies war dann der
entscheidende Anlass, dass Rafsandschani seine Bemühungen verstärkte, ihn an
einem Wahlsieg zu hindern. Hinter den Kulissen hat er die im Klerus vorhandenen
Ressentiments gegen Ahmadinedschad geschürt, was die oben genannte Erklärung
der Gelehrten und ihre Warnung vor einem Putsch zur Folge hatte.
Tatsächlich
war es Ahmadinedschad, der den Einfluss der Geistlichen im Staatsgeschäft stark
eingeschränkt hatte. Waren alle Präsidenten vor ihm diesem Klerus hörig, so hat
er bei verschiedenen Anlässen dem Klerus offen widersprochen. Er selbst hat
zwar enge Verbindung zum dogmatischsten und konservativsten Flügel des Klerus,
doch in der Staatsräson hat er gezeigt, dass er dem Führer und seiner eigenen
Basis verbunden war. Ein Vergleich und zwei Beispiele sollen dies
verdeutlichen.
Als der
„große Reformer" Khatami Präsident war, besuchte er in Qom den Groß Ajatollah
Makarem-Shirazi. Zwei Tage später hat die Regierung den Geburtstag von Zahra,
Tochter des Propheten und Mutter von Märtyrer Imam Hussein, zum Feiertag
erklärt. Offensichtlich auf Verlangen Groß Ajatollahs. Ahmadinedschad hat aber
völlig anderes gehandelt. Einer seinen ersten Entscheidungen als Regierungschef
war, den Frauen den Zutritt zu den Fußballstadien zu erlauben. Dies war ein
Tabubruch höchster Brisant und hat selbstverständlich eine heftige Reaktion
beim Klerus ausgelöst. Auch seine eigenen Mentoren haben dagegen protestiert.
Ahmadinedschad hat zwar dem starken Druck nicht standgehalten und einen
Rückzieher gemacht. Doch zeigte die Entscheidung an sich, dass er den Klerikern
gefährlich werden könnte. Auf diesem Hintergrund ist die Warnung von Rechtsgelehrten während des Wahlkampfes zu verstehen, das Land stehe vor ähnlichen Verhältnissen wie bei der Konstitutionellen Revolution, die dann zu einem Putsch von Riza Schah führte. Der neue Schah in diesem Szenario war kein anderer als Ahmadinedschad. Der unaufhaltsame Aufstieg des ...
Doch dies
alles half nicht. Die Welle der Mobilisierung, die Ahmadinedschad mit seiner
offensiven Strategie erreichte, war so groß, dass es die Gegner beängstigte.
Der Ton wurde rauer und die Attacken heftiger. Eine nie da gewesene
Polarisierung in der Gesellschaft zeichnete sich ab, bei der das
Bildungsbürgertum mehr und mehr für Mussawi Partei ergriff und das einfache
Volk für Ahmadinedschad. Je näher dieser Sieg rückte, umso mehr würde das
Reformlager unruhiger. Die Scharfen Attacken aus Ahmadinedschads Lager gegen
die Machtelite, die offen widerrechtliche Anschuldigen über dies oder jene
Bestechungsaffäre der Günstlinge publik machten, haben zunehmend die Angst des
alten Establishment erweckt, bald um ihr Hab und Gut, ja gar Leib und Leben
fürchten zu müssen. Die Wucht der Kampagne war so groß, dass die Justiz des
Landes diese Gesetzesverstöße nur leise ahnden musste. Mehr zu machen, war sie
nicht in der Lage.
Nun könnte
man meinen, dass der Amtsinhaber Ahmadinedschad ja keine Angst zu haben
brauchte, da er ja Kraft seines Amtes alle Mitteln der Manipulation in der Hand
hatte. Eine solche Manipulation ist im Grunde möglich. Es ist jedoch fast
unmöglich, eine Manipulation in dieser Größenordnung zu vertuschen. Diejenigen,
die dies ständig wiederholen, unterstellen dem System einen primitiven Stand
der Entwicklung. Dem ist aber nicht so.
Das Wahlsystem der Islamischen Republik ist ein hoch Entwickeltes. Die
Wahlmanipulation erfolgt nicht i.d.R. bei der Stimmenauszählung oder bei der
Stimmabgabe, sondern davor und mit Mitteln der Politik und der Auswahl der
Kandidaten. Allein Mussawi hatte mehr als 40000 Wahlbeobachter bei den
Wahlurnen, was eine Manipulation in der behaupteten Größenordnung sehr
erschwert, wenn es sie nicht unmöglich macht. Die entscheidende Frage ist,
warum überhaupt ein Mussawi oder ein Karrubi die Wahl gewinnen sollte? Was
hatten die Kandidaten überhaupt anzubieten, das sie gegen einen Demagogen wie
Ahmadinedschad wählbar gemacht hätte?
Wir haben
bereits erwähnt, dass bei den Fernsehdebatten kein Wort über die konkreten Zustände
der verarmten Teile der Bevölkerung seitens der Kandidaten fiel. Erst nach dem
Ahmadinedschad dieses thematisierte,
versuchten die anderen Kandidaten sich zu positionieren und dies mit
möglichst wagen Worten und mit möglichst wenigen programmatischen Aussagen.
Drei Monate vor der Wahl hatte die Regierung eben dieses Ahmadinedschads den
gesetzlichen Mindestlohn auf ca. 260.000 Toman oder 260 € (wir runden 1000
Toman = 1 Euro) festgelegt. Kurz davor erschien die offizielle Statistik über
die Armutsgrenze in Teheran. Laut dieser Statistik lag diese Grenze für Teheran
bei ca. 800 €. Also ein klarer Fall für jeden der Ahmadinedschads falsche
Verheißungen und Versprechen entlarven wollte. Doch keiner der 3 Kandidaten hat
bei diesen Debatten das Thema angesprochen oder angedeutet. Im Gegenteil, sie
waren bemüht, auch bei ihren Debatten zu den wirtschaftlichen Themen die Kluft
zwischen dem Lohnniveau und der Armutsgrenze zu verschweigen um ja nicht
falsche Erwartungen zu wecken. Staatlich nahe stehende Institutionen schätzen
die Anzahl der Arbeiter in den Betrieben mit mehr als 10 Beschäftigten, für die
eben dieser Mindestlohn als Basis gilt auf ca. 65% aller Beschäftigten. Abgesehen
hiervon, leben und arbeiten Millionen von Menschen in den Klein- und
Kleinstbetrieben mit Löhnen unterhalb
dieses Mindestlohns. Doch dies alles war den Kandidaten nicht erwähnenswert
genug.
Außerdem
sank die Anzahl der Beschäftigten ohne einen festen Arbeitsvertrag in den
letzten Jahren kontinuierlich zu geschätzten 20% aller Beschäftigten. Über 80%
der Arbeiter arbeiten nur mit zeitlich befristeten Verträgen, die nach 3 Monaten
ablaufen. Überall im Land gilt hire und fire Politik. Auch dies war kein Thema
für die Kandidaten. Sie haben sich zwar über die Teuerung und der daraus
entstehende Druck beklagt, es aber penibel vermieden, dies in konkrete
Verbindung zu der Masse von Arbeitern zu bringen. Selbstverständlich fand auch
die Tatsache keine Erwähnung, dass unzählige Arbeitskämpfe in den Jahren der
Regierung Ahmadinedschad brutalst unterdrückt wurden. Auch dass bei der
Maiveranstaltung im Teheran kurz vor der Wahl über 170 Arbeiter geschlagen,
verhaftet, schikaniert und gefoltert wurden, war für diese Kandidaten nicht der
Rede wert genau so wie der Zustand, dass die Regierung Ahmadinedschad das Koalitionsrecht der Arbeiter konsequent
ignoriert und diejenigen einbuchtete, die dies doch gewagt hatten zu fordern
und eine Gewerkschaft gründen wollten. Also warum sollten z.B. die Arbeiter
einem Mussawi oder einem Karrubi ihre Stimme geben? Dies wurde auch aus der
Stellungnahme der Busfahrergewerkschaft Vahed zu den Wahlen deutlich, die
überhaupt eine Beteiligung an den Wahlen in Frage stellte, geschweige denn eine
Wahlempfehlung zu Gunsten der Gegenkandidaten abzugeben.
Dort wo
Mussawi konkret wurde, z.B. im Bereich der Außenpolitik zielte er ganz deutlich
auf die Stimmberechtigten aus der Mittelschicht, in dem er Ahmadinedschad
vorwarf, durch eine abenteuerliche Außenpolitik das Ansehen Irans in der Welt
geschadet zu haben, was zur Folge hätte, dass die Iranischen Staatsangehörigen
nur noch in wenige Länder ohne Visum einreisen dürften und überall auf den
Flughäfen schlecht behandelt würden. Das dies dem armen Mann und der armen Frau
auf dem Lande und in den Slums völlig egal ist, der/die nicht mal das nötige
Geld für eine warme Mahlzeit mit Fleisch zusammenbringt, dürfte klar sein. So
war es auch Ahmadinedschad, der diese Missstände ansprach und die Beseitigung
dieser Missstände durch seine Gerechtigkeitspolitik versprach. Er, der selbst
für diese Missstände genau so verantwortlich war wie seine Vorgänger, hatte die
Gelegenheit, sich als Retter der Armen darzustellen. Dies war die zweite Linie
der Polarisierung. Einerseits die Polarisierung innerhalb des Systems und
andererseits entlang der Klassen. Man könnte in Versuchung kommen, von
Venezuelanischen oder Bolivianischen Verhältnissen zu sprechen. Es ähnelte aber
mehr den Zuständen in Thailand der Taksin Zeit. Mit dem Unterschied, dass im
Iran der mächtige Militärapparat der
Pasdaran und die höchste Instanz des Staates hinter dem selbst ernannten
Volksheld standen, was dem armen Taksin fehlte. Hinzu kommt der reaktionäre
Charakter Ahmadinedschads, was wiederum die Lage im Iran von allen anderen
Ländern mit ähnlicher Polarisierung unterscheidet. Doch davon weiter unten.
Und so kam
es, dass die jetzigen Helden der „Grüne Welle" schon im Vorfeld wussten, dass
sie die Wahl an den Urnen nicht gewinnen konnten. Die letzten Tage des
Wahlkampfes waren voll von gegenseitigen Vorwürfen der sog. Reformkandidaten
Mussawi und Karrubi. Mussawis Wahlstrategen haben alles darauf gesetzt, Karrubi
zu einem Verzicht zu bewegen, woraufhin seitens Karrubi scharfe Attacken gegen
Mussawi und Rafsandschani folgten. Die Behauptung jedoch, dass der jeweilige Kandidat mit angeblich
überwältigender Mehrheit die Wahlen gewinnen würde, wurde immer wieder
gestellt, um die Erwartungshaltung hochzuschrauben. Erst der Schock der
Niederlage schweißte die Unterlegenen wieder zusammen. Es mag sein, dass die
Regierung den Wahlausgang manipulierte. Doch nötig hatte Ahmadinedschad es nicht.
Diese Wahl war schon vorher entschieden.
Um die
derzeitige Entwicklung im Iran zu verstehen, muss die Frage gestellt werden,
welcher sozialen Klassenkonstellation entspricht diese Machtkonstellation im
System. Haben wir es hier mit einem faschistischen Regime zu tun das jetzt die
letzten Reste Anders denkender Menschen ausrotten möchte oder mit einem
populistischen Regime, das das Volk in Chavez Manier zu einer Art Islamischen
Sozialismus führen will oder, wie es das bürgerliche Sprachjargon gern haben
möchte, einfach mit einem Mullah Staat, einem Gottesstaat?
Ernesto Che
Guevara muss man nicht vorstellen, Mostafa Chamran schon. Dieser Chamran
gehörte zur Schahzeit zu den religiösen Kreisen der Nationalen Front um Mehdi
Bazargan, der erste Premierminister der Islamischen Republik. Er hatte in den
70er Jahren in Ägypten unter Jamal Abdalnasser gedient und dort den Umgang mit
Waffen gelernt. Später war er auch im Libanon aktiv. Er wurde als erster
Verteidigungsminister der IR tatsächlich mit einer adäquaten Aufgabe befasst.
Von Anfang an beschäftige er sich mit asynchroner Kriegsführung und hatte eine
maßgebende Rolle bei der Gründung der Revolutionswächter. Als der Krieg
ausbrach, hat er die Gelegenheit ergriffen um dem Wirrwarr des Politikgeschäfts
zu entkommen. Er hat seinen Posten hingeschmissen und sich zur Front gemeldet,
wo er dann gefallen ist. Die Parallelen zwischen diesem Chamran und Che wollten
die Veranstalter einer 4-tägigen Konferenz im Oktober 2007 nutzen, um eine
strategische Allianz zwischen Islamischen Gerechtigkeitskämpfern und dem
Revolutionären Sozialismus der lateinamerikanischen Art zu schmieden. Der Name
der Konferenz war eine Anspielung auf die erste Silbe des Namen Chamrans, das
im Persischen „Che" ausgesprochen wird.
Die Idee
der Konferenz entstand bei einem Besuch von Ahmadinedschad in Venezuela. Die
Veranstalter haben zu dieser Konferenz neben einigen militanten möchte gern
Theoretikern der Islamisten auch die Tochter von Che eingeladen. Auch von der
Kubanischen Botschaft waren Vertreter bei dieser Konferenz dabei. Doch anstatt zu
einer Allianz kam es zu einem Eklat erster Güte. Einer der islamistischen
Redner hatte nämlich in seiner Rede die „Spiritualität" von Che Guevara
hervorheben wollen und ging dabei so weit, dass er ihn als einen gläubigen,
göttlichen Kämpfer darstellte. Den Kopf während der Rede schüttelnd, hat die Tochter
von Che nach ihm das Wort ergriffen und den „Thesen" seines Vorgängers frontal
widersprochen und ausführlich über die Gottlosigkeit ihres Vaters berichtet und
darüber, dass er ein Kommunist gewesen sei und als solcher auch ein überzeugter
Atheist. Der Eklat war perfekt, die Konferenz wurde in aller Eile schon am
ersten Tag beendet.
Fast zur
gleichen Zeit erschien ein Artikel im regierungsabhängigen Blatt „Iran" und ein
paar Tage später auf der Internet Seite „Alef" mit dem Titel „Das Gespenst der
Reaktion und die Falle des Liberalismus". Der Autor Shahab Esfandiari ist PHD
bei der Universität Nottingham in England. Er war zuvor Direktor beim
Iranischen Fernsehen und verantwortlich für die Programmgestaltung. Er hatte
seinen Job nach dem Sieg von Ahmadinedschad aufgegeben und das staatlich
geförderte Studium in Nottingham angetreten. Esfandiari gehörte zum großen
Spektrum der „Prinzipalisten" im Staat. Auch die Internet Seite „Alef" ist eine
der zahlreichen Medien dieses Spektrums. Esfandiari hatte gegen die „Reformbewegung"
argumentiert, sie male aus dem Gegner ein gespenstisches Bild und schüre die
Angst vor einer reaktionären Restauration, damit sie selbst den Boden für
Liberalismus bereite. Als Teil dieser Strategie hetze das Reformlager die
Regierenden gegen die Marxisten an der Uni auf. Aus dieser Tolerierung wurde nichts. Das Gegenteil war der Fall. Es folgte eine harte Politik gegen die linken Studenten, was im selben Jahr 2007 zu einer Welle der Unterdrückung und Zerschlagung linker Strukturen führte. In wieweit die sog. Reformer tatsächlich bei dieser Hetzjagd beteiligt waren und in wieweit die Regierung sich treiben ließ, ist schwer zu sagen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass der im ersten Teil dieses Artikels erwähnte Rat der Kulturrevolution noch immer existiert und eben diesem auch Mussawi noch immer angehört. Abgesehen davon, hat aber der Eklat bei der Che- Konferenz gezeigt, dass die Regierung Ahmadinedschad über keinerlei Fähigkeiten verfügte, eine solche Strategie zu verfolgen, wie sie vom Esfandiari formuliert und vorgeschlagen und offensichtlich in Kreisen der sog. Prinzipalisten verfolgt wurde. Die Regierung Ahmadinedschad war und ist dermaßen reaktionär, dass sie das Aufkommen jeglicher Bewegung mit jeglichem aufklärerischem Charakter nicht dulden kann. Was die Linke angeht, kann diese Regierung nur diejenigen linken Kräfte dulden, die einen offen reaktionären Sozialismus predigen. Und davon gibt es im Iran jede Menge. Die Zunahme eines Stalinkults in den letzten 4 Jahren ist erstaunlich. Und diese Kräfte haben in allen zentralen Feldern der Politik - Konfrontation mit dem Liberalismus und der Atomstreit - eben die Regierung Ahmadinedschad unterstützt. Bestimmte Fraktionen dieser Kräfte haben auch die Wahl Ahmadinedschads empfohlen. Von Wanderpredigern und Schlägertypen, die Filme Machen
Wir haben
gesehen, wie in der Geistlichkeit die Angst vor einem Putsch zunahm.
Tatsächlich hatten sich die Kräfteverhältnisse im Regime während der letzten
Jahre stark zu Ungunsten des traditionellen Klerus verschoben. Die letzten
Jahre der „Reformregierung" Khatamis waren gekennzeichnet durch eine tiefe
ideologische Krise des Islamischen Staats überhaupt. Die zunehmende Verarmung
der Massen einerseits und die Häufung des gesellschaftlichen Reichtums in den
Händen einiger Weniger andererseits, hatten die soziale Kluft vertieft. Die
Gesellschaft spaltete sich zunehmend in Gewinner und Verlierer der sog.
Reformpolitik. In der politischen Landschaft ereignete sich ein tiefer Wandel.
Die traditionellen Trennlinien zwischen dem sog. linken Flügel und dem sog. rechten
Flügel der Geistlichkeit gerieten ins Wanken und es formierte sich eine neue
Strömung innerhalb des Staatsapparats und in den Staat umgebenden Schichten,
also in der Basis des Regimes. Waren die Jahre vor Khatami durch eine
kulturelle Formierung derjenigen Kräfte gekennzeichnet, die eine Mixtur aus
Islam und Liberalismus als staatstragende Ideologie verfolgten, so erfolgte in
den Jahren der Khatami Regierung eine Gegenbewegung. In beiden Fällen waren
diese Bewegungen vielfältig und erfassten alle Bereiche des öffentlichen
Lebens, von der Politik bis zur Kunst und zu religiösen Lehren selbst. Das
Schlagwort dieser Gegenbewegung hieß „Prinzipien", deshalb auch die Bezeichnung
„Prinzipalisten".
Diese prinzipalistische
Bewegung - man kann es ruhig eine Bewegung nennen - umfasste unterschiedliche Schichten,
vor allem aus den Militärkreisen der Pasdaran und der Basij Miliz, unter denen
vor allem die Kriegsveteranen. Eine große Anzahl dieser Gruppen konnte sich
nicht mit der Situation abfinden, dass so viele Menschen im Krieg gefallen
waren und nun zu den Verlierern der gesellschaftlichen Entwicklung zählten.
Auch ein
Teil der traditionellen rechten Kreise der politischen Elite, der einerseits
die Treue zu den religiösen Lehren hoch hielt und andererseits sich mit der
offenen Bereicherungspolitik der Regierungen Rafsandschani und Khatami nicht
abfinden konnte, schloss sich dieser
entstehenden Strömung an. Dazu müssen noch gezählt werden eine Reihe von
konservativen Intellektuellen der alten
Islamischen Schule und ehemalige Kommandeure der Pasdaran mit hohem Rang. Doch
den aktivsten Teil dieses Spektrums bildete ein besonders militanter Flügel,
aus dem Ahmadinedschad hervorging. Die militanten und plebiszitären Elemente
dieser Bewegung bildeten die Machtbasis
für Ahmadinedschad. Ihre religiöse Daseinsberechtigung holten sie sich
von einem erzkonservativen Kreis der Großajatollahs, der schon zu Khomeinis
Zeit seiner flexiblen Interpretation des Islams skeptisch gegenüber stand.
Zu diesem
extrem militanten Flügel gehörten Tausende von Wanderpredigern, die durch das
ganze Land verteilt in enger Verbindung mit den Massen standen und stehen.
Diese Wanderprediger hat es immer gegeben. Die kann man als eine Art religiöse
Straßensänger bezeichnen, die ihren Lebensunterhalt aus Almosen der Bevölkerung
sowie aus den finanziellen Mitteln der Geistlichen verdienten. Gegen Ende der
Khatami Zeit, hat es einen Versuch gegeben, diese Wanderprediger unter den
Schutz des Staates zu nehmen und zugleich sie zu kontrollieren. Die
Wanderprediger haben sich jedoch in dieser Zeit zu einem starken Machtorgan
entwickelt. War die Arbeit der Wanderprediger ursprünglich auf Klagelieder über
die 12 schiitischen Imame beschränkt, so haben sie sich zunehmend den sozialen
Themen zugewandt. Sie nahmen die Klagen der Bevölkerung über die miserablen
Lebenszustände und über die korrupte Elite in ihren gesungenen Predigten auf
und schufen so eine bereite Basis unter den Plebejern für die Politik
Ahmadinedschads. Diese Machtzunahme wurde so erschreckend, dass sich auch die
Großajatollahs vor den giftigen Attacken berühmter Wanderprediger nicht mehr
sicher fühlten. Sie sind nun ein Teil des Staatsapparats und beziehen Gehälter aus
öffentlichen Mitteln.
Die zweite,
mächtige Gruppe in dieser Strömung bildeten die Kriegsveteranen und -beschädigten.
Die Unzufriedenheit unter diesen Menschen war schon immer ein Thema. Trotz
staatlicher Förderprogramme, wie z.B. Zulassung zu Studienplätzen nach
Quotenregelung und ohne die obligatorische Aufnahmeprüfung, fühlten sich viele
dieser Menschen von der Entwicklung der Nachkriegszeit zurückgelassen. Schon
Mohsen Makhmalbaf, Mussawis Sprecher in Paris hatte dies vor Jahren in seinem
Film „Die Heirat der Guten" thematisiert. Unter Khatami haben sich bei dieser
Gruppe zunehmend extremistische Tendenzen verschärft. Viele kamen in den Dienst
des Informationsministeriums und wurden in den Terrorkommandos organisiert, die
schon unter Khatami für eine Reihe Morde an Intellektuellen verantwortlich
waren. Welche geistlichen Autoritäten direkt hinter diesen Anschlägen standen,
ist noch immer nicht bekannt. Ein großer Teil dieser Kräfte hat sich in
Schlägertrupps unter dem Namen „Ansare Hizbollah" (Helfer der Gottespartei)
organisiert. Ahmadinedschad hat zumindest diesen Schlägern nahe gestanden. Es
wird über ihn auch gesagt, dass er bei Terroranschlägen direkt dabei gewesen
war. Die „Ansar" war für viele Anschläge auf Veranstaltungen von Studenten,
Intellektuellen, Künstlern und bei Filmvorführungen beteiligt. Sie haben dies
auch in ihren Hetzblättern „Schalamche" und „Jebheh" (die Front) offen
zugegeben. Der Chefredakteur dieser Hetzblätter war ein Mann namens Masoud
Dehnamaki. Dieser Dehnamaki hat sich in den letzten Jahren von Khatami
zunehmend der Kunst gewidmet. Er hat zwei Dokumentarfilme über das Elend der Unterschichten
gedreht, von denen ein Film über den Verkauf von Mädchen an reiche Scheichs der
Golfstaaten auch bei den Linken große Resonanz fand. Später drehte er zwei
Spielfilme über die Ereignisse der Kriegsjahre, in denen die Hauptakteure von
den Plebejern des südlichen Teherans stammten. Diese Filme wurden die mit
großem Abstand am meisten besuchten Kinofilme der Iranischen Geschichte
überhaupt. Die Sprüche des Films wurden weit in der Gesellschaft verbreitet,
die Gestik der Akteure von Vielen übernommen. Also war auch im Bereich der
Kunst die Strömung um Ahmadinedschad alles Andere als marginalisiert. Ähnlich vedrhält es sich auch in anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie in der Philosophie und in der Politik, wo unzählige Denkfabriken der Prinzipalisten regelrecht die Hoheit über die Debatten gewannen. Dem islamisierten John Stuart Mill folgte nun der ebenso islamisierte Thomas Hobbs. Die Geschichte verlief hier in umgekehrter Richtung. Dies alles war selbstverständlich nur mit Hilfe der staatlichen Ressourcen möglich. Am Ergebnis jedoch ändert diese Tatsache nichts. Am Vorabend der Wahlen war die Strömung um Ahmadinedschad die dominante Strömung innerhalb der Prinzipalisten und war in der Lage, das politische Geschehen zu bestimmen. Was auch geschehen ist. Die fatalen Folgen mangelnder Alternativen
Die reale
Politik von Ahmadinedschad sah allerdings alles andere aus als eine Politik der
sozialen Gerechtigkeit. Da der Islamische Staat aus seiner Sicht ein Staat für
die Islamische Umma ist, hat selbstverständlich der Einzelne in diesem System
keine Rechte genauso wie die gesellschaftlichen Gruppen. Umma ist ja der Ersatz
für die Nation, die Masse der Gläubigen. So hat Ahmadinedschad von Beginn an
eine strickte Politik der sozialen Repression verfolgt verbunden mit Wohltaten
und Almosen als Ersatz für ein funktionierendes Netz von sozialer Versorgung in
den Bereichen Medizin, Bildung und Beschäftigung. So wurden die Bemühungen in
der Arbeiterbewegung für die Gründung eigenständiger Organisationen brutal unterdrückt,
das relative Lohnniveau der Beschäftigten sank kontinuierlich, die Kaufkraft
wurde immer schwächer, die Schere zwischen Arm und Reich klaffte weiter
auseinander. Der bei seiner ersten Wahl in Aussicht gestellte Kampf gegen die
korrupte Elite blieb aus, viele seiner Anhänger waren frustriert. Stattdessen
folgte eine Reihe Maßnahmen, mit dem Ziel, die Religiosität im öffentlichen
Leben mehr und mehr sichtbar zu machen. Eine Reihe höchst reaktionärer
Maßnahmen wie die Beerdigung der Märtyrer auf Universitätsgelände und
Straßenjagd auf nicht ordnungsgemäß bekleidete Frauen oder öffentliche
Hinrichtungen der Kleindealer und Junkies. Kurzum eine Abschreckungspolitik,
die vor allem die Jugend der städtischen Mittelschicht direkt traf, ohne die Lebenslage
der verarmten Teile der Bevölkerung zu bessern. So blieb Ahmadinedschad am Vorabend der Wahlen nur der Weg, erneut die alten Themen der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt seiner Politik zu setzen und das Schlachthorn zu blasen. Hatte er während seiner ersten Amtszeit den Atomkonflikt instrumentalisiert, um die chauvinistischen Kräfte hinter sich zu reihen, so hat dieses Thema beim Wahlkampf eine untergeordnete Rolle gespielt. Das Zugpferd seiner Kampagne war eben das Thema Gerechtigkeit und Bekämpfung der korrupten Elite. Er vertrat diese Linie ganz offensiv. Es kam zu dem Machtkampf, den wir bisher versucht haben zu schildern.
Insbesondere
die konsequente Unterdrückung linker Strukturen und Arbeitervereinigungen,
gepaart mit der Unfähigkeit der Kommunisten und Sozialisten, die Themen der
sozialen Kritik zu besetzen, führte zu der Situation, das am Vorabend der
Wahlen zwei unversöhnliche Lager sich gegenüber standen, ohne dass eines dieser
Lager irgendeine progressive Position vertrat.
Der Leser
dürfte über den reaktionären Charakter der Ahmadinedschadsleute genug erfahren
haben. Interessanter ist es hier, die andere Seite genauer unter die Lupe zu
nehmen. Nicht nur die Führung der „grünen Welle" sondern auch die Basis.
Wir haben
bereits erwähnt, dass weder Mussawi noch andere Kandidaten in der Lage waren,
die soziale Misere des Landes Ahmadinedschads Politik zuzuschreiben. Sie haben
zwar über Teuerung, Inflation und die Methoden der statistischen Erhebung von
Daten viel geredet - und dies erst nach dem Ahmadinedschad selbst die
wirtschaftlichen Daten in den Wahlkampf brachte -, es aber völlig vermieden,
konkrete Lebenszustände einzelner Klassen oder Schichten der Gesellschaft
anzusprechen, um ja nicht Erwartungen zu wecken. Im Gegenteil, sie haben sogar
Ahmadinedschad vorgeworfen zu Wahlzwecken die Renten erhöht zu haben. Wo sie
konkret wurden, also, nicht um irgendeine Besserung zu versprechen, sondern
Ahmadinedschad Lüge zu überführen. Was insbesondere Mussawi anging, hatte er
seinen Wahlkampf besonders auf die Mittelschicht zugeschnitten und die verarmte
Bevölkerung völlig von seinem Wahlkampf ausgeklammert. Die sog. Kartoffelaffäre
verdeutlicht die Gemütslage dieser Gegenkandidaten und ihre Anhängerschaft am
besten.
Die
Kartoffelernte des letzten Jahres war mit 6 Millionen Tonnen so groß, dass eine
Überproduktion über den Bedarf des Landes entstand. Ein starker Preisverfall
war hier die Folge. Darauf hin hat die Regierung beschlossen, einen Teil der
Kartoffeln von den Bauern zu kaufen um den Schaden für die Bauern zu mindern.
Diese Kartoffeln wurden dann unter den Bedürftigen verteilt. Anlass genug für
das gesamte Reformlager auch dieses als Wahlkampfmanöver zu stempeln. Dies mag
auch tatsächlich das Kalkül von Ahmadinedschad gewesen sein. Der Punkt ist
jedoch, dies wurde so propagiert, dass
der Eindruck entstand, nicht Kartoffel sind für die Menschen wichtig, sondern
die demokratischen Rechte. Der wichtigere Aspekt ist hier, dass auch die
Menschen der „Grünen Welle" auf der Straße dieses Motto laut skandierten:
„Einen Kartoffelstaat wollen wir nicht". Es entstand der fatale Eindruck, das
„Reformlager" kümmere sich nicht um die materiellen Bedürfnisse der Menschen,
was auch tatsächlich zutraf und einem schlauen Fuchs wie Ahmadinedschad in die Hände spielte.
Auch sonst
war die Kampagne der Grünen mit einer nicht zu übersehenen Arroganz gegenüber
dem einfachen Volk geprägt. Dies durchzog die Kampagne von oben bis unten, von
Mussawi bis zu seinen Anhängern. Je mehr von oben nach unten, umso mehr von literarischer,
poetischer Form in vulgärer Form. Ahmadinedschad ist ja für seine vulgären
Eskapaden und seine krude Sprache bekannt. Doch die größte persönliche
Beleidigung während des Wahlkampfs ging nicht von ihm aus, sondern von Mussawi
und dies in besonders feiner, poetischer Formulierung. Auf der linken oberen
Ecke seiner Internet Seite http://ghalamnews.ir steht in schöner persischer
Schrift ein Teilvers des großen Dichters Molana: „Sehnsucht habe ich nach dem
Menschen". Wer die kompletten Verse kennt, weiß dass der Rest eine Klage
darüber ist, dass „ich der Tiere und Ungeheuer satt habe". Die Klientel von
Mussawi war auch intelligent genug, um die Botschaft zu empfangen und in die
Sprache der Straße umzudeuten. Auf den Straßen der Teheraner Nordteile wurde
dann vor den Wahlen skandiert „Wer Analphabet ist, der ist für Ahmadinedschad"
oder „lasst den duschen, es ist zwei Wochen her". Es wurden unzählige Witze
über sein bäuerliches Aussehen in Umlauf gebracht. Auch nach der Wahl wurde die Parole skandiert:
„Eine oder Zwei Millionen, wer stimmt dann für den Affen".
Diese
Sackgasse gilt es mit einem dritten, linken, emanzipatorischen, sozialistisch
orientierten Block zu brechen. Ursprünglich hatte ich vor hier den Artikel zu beenden. Doch der unsägliche Beitrag von Jürgen Elsässer mit seinen äußerst reaktionären Thesen veranlasste mich, mehr über Ahmadinedschads Politik zu schreiben. Sowohl mein alter Bekannter Bernhard Schmid als auch Harry Waibel haben zwar die Absurdität Elsässerscher´s Gequatsche sehr gut aufgezeigt. Eine andere Kritik der inneren Verhältnisse Irans in den letzten Jahren, entfernt von den Klischees der bürgerlichen Medien und aus marxistischer Sicht, kann jedoch auch einen Beitrag dazu leisten.
Die Lage
im Iran selbst ist sehr gespannt. Der Machtkampf nähert sich allmählich seiner
Endstation. Die nächsten Tage sind entscheidende Tage für das Land, für die
Region und für die Welt insgesamt. Entweder scheitert das Projekt zeitgemäßen
Islamischen Staats im Ganzen und es beginnt ein turbulenter Prozess mit
ungewissem Ausgang oder es kommt gestärkt aus dieser Krise heraus. Es ist eine
Frage von Tagen.
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| Letzte Aktualisierung ( 27.06.2009 ) | |||||||
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