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Filmbesprechung: Che der Held … aber nicht der Held der Arbeiterklasse PDF Drucken E-Mail
von Francis Byrne    29.06.2009 - bisherige Aufrufe: 1368

chefilm.jpgDer erste Teil von Steven Soderberghs Film über Che Guevaras Kampf im kubanischen Dschungel ist in erster Linie ein Kriegsfilm. Benicia Del Toro in der Titelrolle spielt Che sehr intensiv. Dennoch bleibt die Figur beziehungsweise der Mensch Ernesto Che Guevara seltsam unnahbar. Man nähert sich als Zuschauer der Figur nicht wirklich, Che bleibt in diesem Film eine Art Pop-Ikone.

Der Film ist geprägt von Dschungel-Romantik, Zigarren, Armeestiefel sowie von vielen wilden Schießereien und einem hart erkämpften Sieg am Ende des ersten Teils. Scheinbare Authenzität soll der Film durch schwarz-weiss Aufnahmen von Ches Auftritt bei der UN und von Interviewmaterial gewinnen, jedoch sind dies auch ausschließlich mit den Schauspielern gedrehte Szenen. Alles in allem ist diese Rekonstruktion des bewaffneten Kampfes etwas monoton geraten.

Häufige Zitate aus Ches Büchern oder aus Artikeln vermitteln die Ideenwelt des Kämpfers. Bis heute wird Che von vielen als Held verehrt. Che war ein Held der nationalen Unabhängigkeit Kubas. Das stellt der Film sehr eindrucksvoll dar. Ein Held der Selbstemanzipation der Arbeiterklasse, ein sozialistischer Held war er jedoch nicht.

Kein sozialistischer Held

Hier ist es ganz wichtig zu trennen: Che kämpfte heldenhaft für die nationale Unabhängigkeit vom US-Imperialismus. Bis heute verteidigen wir Marxisten Kubas Unabhängigkeit gegen militärische Drohungen, Blockaden oder andere Angriffe seitens der USA. Das politische und wirtschaftliche System verteidigen wir nicht. Ein System in denen die Einkommen gering sind, in dem es keine Versammlungsfreiheit gibt, keine Demonstrationsfreiheit, keine Pressefreiheit, keine Koalitionsfreiheit für die Arbeiterklasse, das können wir nicht verteidigen. Mit Sozialismus hat das nichts zu tun.

Die Verehrung Ches und Kubas durch viele Linke ist ein Problem, weil sie es den Herrschenden sehr leicht macht, unterdrückerische, anti-gewerkschaftliche, ausbeuterische und tyrannische Regime als sozialistisch darzustellen.

Aber im unverrückbaren Zentrum des Sozialismus steht die Selbstemanzipation der Arbeiterklasse zur herrschenden Klasse. Im Film wie auch in den Guerrilla-Taktiken Guevaras kommt die Arbeiterklasse allenfalls am Rande vor. Im Dschungel spielt die Arbeiterklasse keine Rolle.

Wie John Molyneux in seinem sehr lesbaren und lesenswerten Buch „Was ist die authentische marxistische Tradition" (hier als PDF Broschüre der Internationalen Sozialisten öffnen) schreibt:

"Die Guerillakriegsführung beinhaltet aber nicht nur einen Wechsel der Örtlichkeiten, sondern auch einen Wechsel seines sozialen Inhaltes. Der Arbeiter kann kein Guerillero werden, ohne aufzuhören, Arbeiter zu sein und für die Arbeiterklasse als ganzes oder auch nur für einen großen Teil der Arbeiter ist städtische Guerillakriegsführung offensichtlich unmöglich."

Und weiter:

"Das Verhältnis zwischen der Gueriallaarmee und der Bauernschaft als Ganzes betrachtet ist ebenfalls sehr verschieden zu dem Verhältnis zwischen der leninistischen Partei und der Arbeiterklasse. Diese ist nämlich damit beschäftigt, die gesamte Arbeiterklasse in einen Kampf zu führen, um die Interessen der gesamten Arbeiterklasse zu verwirklichen. Die Erstere handelt nur im Namen der Masse der Bauernschaft. Die Guerillaarmee benötigt die Gewißheit der Unterstützung der Bauernschaft und bietet im Austausch dafür Unterstützung, Schutz und den Köder der Landreform."

Deutlich wird in dem Spielfilm, wie sich eine Guerrilla-Armee von der Masse abhebt, die sie eigentlich zu vertreten versucht. Es kommt zu Vergewaltigungen, Diebstahl und Morden seitens der Che-Truppen, welche die Anführer mit brutaler Justiz einzudämmen versuchen.

Obwohl sich in der Folge der Revolution ein System entwickelte, dass dem der Sowjetunion nach Stalins Konterrevolution gleicht, waren die Ursprünge des kubanischen Modells ganz anders. Im Falle von Kuba -das zeigt der Film sehr gut - war es eine Gruppe von entschlossenen Kämpfern - etwa 2000 Leute. Die Arbeiterklasse oder ihre Selbstemanzipation spielte keine Rolle bei der Revolution gegen das korrupte und unterdrückerische Batista-Regime.

In Russland verlor die Arbeiterklasse ihre in der Oktoberrevolution gewonnene Macht gegen die Bürokratie. Auf Kuba hatten die Arbeiter nie Macht gehabt.

In Russland basierte der neue Staat der Arbeiterklasse auf die Macht der Arbeiter in den Betrieben und stützte sich auf demokratische Arbeiter- und Soldatenräte.

Allerdings geriet der neue Staat nach nur wenigen Monaten extrem unter Druck. Mit einem verheerenden Bürgerkrieg durch konterrevolutionäre, sogenannte weiße Armeen, versuchten alte Kräfte die neue Arbeitermacht von Innen zu zerschlagen. Von Außen wurde der neue Arbeiterstaat von 14 imperialistischen Staaten angegriffen. Es gab eine große Hungersnot, die Städte verloren viele Bewohner auf der Suche nach Nahrung, die Industrie brach zusammen. Die Arbeiterklasse wurde im Kampf gegen die Imperialisten und die Weißen Armeen zerrieben. Hatte sie bei der Revolution nur einen Anteil von fünf Prozent an der Bevölkerung, so schrumpfte sie auf weniger als zwei Prozent.

Unter diesen Umständen konnte die Arbeiterdemokratie nicht mehr aufrecht erhalten werden. Zunehmend fusste der neue Staat nicht mehr auf die Arbeiterdemokratie in den Betrieben sondern auf neue und alte Bürokraten. Lenin und die anderen Führer der Revolution bestanden darauf, dass die Revolution nur Sinn mache, wenn die Arbeiter in westlichen Staaten wie Deutschland, Frankreich oder England auch die Macht erringen würden. Tatsächlich wurden diese und andere Länder auch von einer großen revolutionären Welle erfasst. In keinem dieser Länder war die Führung der Arbeiterklasse darauf vorbereitet, diese im Kampf um die Macht zu führen.

Die russische Revolution versuchte, bis zu einer Revolution in einem anderen Land durchzuhalten. Auf diese Weise konnte zwar der Bürgerkrieg gewonnen wurden und der Angriff der imperialistischen Staaten abgewehrt werden, aber der Preis war hoch. Es entwickelte sich ein bürokratisches Regime, in dem Stalin und die Bürokratie aus der Not eine Tugend machten und nach Lenins Tod zunehmend undemokratisch gegen die Arbeiter und gegen die Führer der sozialistischen Revolution regierten.

Um ihre Privilegien nicht zu verlieren und im Wettrüsten mit den äußeren Mächten mithalten zu können, musste auch im nun staatskapitalistischen System Stalins - ganz wie im Privatkapitalismus - auf dem Rücken der Arbeiter akkumuliert werden, nicht um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern um der Akkumulation willen. Die Konkurrenz kam sozusagen durch die Hintertüre mit dem Wettrüsten in die Gesellschaft zurück. Die Theorie des Sozialismus in einem Land und die Moskauer Prozesse gegen die führenden Kader der Revolution signalisieren die Vollendung der Konterrevolution der Bürokratie.

Was war das also für ein Staat, der da entstanden ist? Er war dem Namen nach sozialistisch - mit roten Fähnchen und allem Drum und Dran, aber die Arbeiter hatten keinerlei Macht im neuen Staat mehr. Die Bourgeoisie und die Grossgrundbesitzer waren entmachtet und der Staat selbst - beherrscht von einer einzelnen Partei - hatte die vollkommene Gewalt für die Produktionsmittel.

Der jüdisch-palästinensiche Sozialist Tony Cliff prägte für dieses System den Begriff Staatskapitalismus.

Diese wichtige Wendung in Russland ist wichtig, um Staaten wie Kuba, China, Nordkorea, die DDR und andere zu verstehen, die ähnlich aufgebaut waren aber nicht aus einer Arbeiterrevolution entstanden waren.

Die Revolution auf Kuba wurde nach dem zurückgeschlagenen Angriffsversuch der USA 1961 in der Schweinebucht erst nachträglich von Fidel zur sozialistischen Revolution umgedeutet als Notwendig wurde, sich mit der UDSSR einer Art Schutzmacht, einem neuen Imperialisten unterzuordnen.

Die Revolution auf Kuba war wegen verschiedener Reformen bei den Massen sehr beliebt. Die Land-, Bildungs- und Gesundheitsreform hat das Leben von vielen Menschen auf Kuba erträglicher gemacht. Die Emanzipation der Massen steht aber noch bevor. Die Massen waren nicht Handelnde dieser Veränderungen sondern ihr Objekt. Die bürokratischen Parteien entscheiden bzw. entschieden und die Massen sind dazu da, die Dekrete von oben umzusetzen. Um Che selbst aus seinem Werk „Der Sozialismus und der Mensch auf Cuba" zu zitieren:

„... die Masse verwirklicht mit Begeisterung und Disziplin ohnegleichen die Aufgaben, welche die Regierung festsetzt, seien sie nun wirtschaftlicher, kultureller, verteidigungstechnischer, sportlicher oder anderer Natur. Die Initiative geht im allgemeinen von Fidel oder vom Oberkommando der Revolution aus und wird dem Volke erklärt, das sie dann als seine eigene aufgreift."

Von der Selbstemanzipation der Arbeiterklasse keine Spur. Im Film kann man nichts über Marx, Marxismus, Sozialismus oder über Taktik oder Strategie der Arbeiterklasse im Kampf für eine neue Gesellschaft lernen.

Die Charakterisierung Kubas als sozialistisch wirft die Linke heute weit hinter Marx zurück. „Die Emanzipation der Arbeiterklasse muss der Werk der Arbeiter selbst sein". Wer sich für Sozialismus interessiert kommt an diesem Satz nicht vorbei.

Fazit: Ein etwas monotoner Film über einen heldenhaften Kämpfer ... ein Held der Arbeiterklasse war er nicht.
Der eigentliche Film dauert vier Stunden und wurde in zwei Hälften geteilt. Der zweite Teil, läuft Ende Juli in den Kinos an.

Homepage des Films mit Trailern und Infos: http://www.che.centralfilm.de/

Francis Byrne - Internationale Sozialisten

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Mehr zum Thema lesen: Sozialismus im 21. Jahrhundert - ... von oben oder von unten?

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