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Französische Arbeiter drohen: "Wir jagen alles in die Luft!" PDF Drucken E-Mail
von Richard Grove    13.07.2009 - bisherige Aufrufe: 1829

sprengung.jpgBürgerliche deutsche Medien sind entsetzt: "Der Chef in Geiselhaft, die Fabrik in Schutt und Asche - entlassene Franzosen greifen zu immer drastischeren Mitteln", warnt der "Focus". In Frankreich greife man zu "unerlaubten Mitteln" im Arbeitskampf. Der sei bereits zur "rechtsfreien Zone der Republik Frankreich" verkommen.

Was deutsche Medien "unerlaubt" finden, ist Klassenkampf auf Französisch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise. 

Die Nachbarn toppen gerade Bossnapping und Fabrikbesetzungen. Arbeiter des Autozulieferers New Fabris im westfranzösischen Chattelerault drohen damit ihre Fabrik samt Material im Wert von 4 Millionen Euro in die Luft zu jagen. Die Arbeiter des in Insolvenz gegangen Werkes verlangen eine Abfindung von 30.000 Euro pro Kopf. 

Sie stellten Gasflaschen auf die Stromzentrale des Werkes. Die Gasflaschen sind mit Sprengdrähten verbunden. Falls die Forderungen nicht erfüllt würden, werde man Zünder anbringen und das ganze in die Luft jagen. Sie gäben den beiden Großkunden Renault und PSA Peugeot Citroën bis zum 31. Juli Zeit, das Geld zu zahlen.

De Facto haben sich die Arbeiter die Insolvenzmasse angeeignet und damit die Fabrik unter ihre Kontrolle gebracht. Es darf kein Teil das Werk verlassen. Sie sagen: Und wenn ihr es mit Gewalt holt, dann zerstören wir es eben vorher. Bekommen wir nichts von euch, sollt ihr auch nichts bekommen. Wir tauschen Insolvenzmasse gegen Abfindung.

Der Insolvenzverwalter warnt vor einem Rechtsbruch. Juristisch gesehen darf eigentlich nur er entscheiden was mit Sachwerten des Betriebs geschieht. Ob weiter Löhne gezahlt werden. Ob die Insolvenzmasse für eine Abfindung ausreicht. Während die Regierung Sarkozy eine Abordnung der Arbeiter empfängt lässt eine Regionalpolitikerin verlauten: Die Gasflaschen sind leer! Ist das eine offene Einladung an die Polizei die "rechtsfreie Zone" zu besetzen und dem bürgerlichen Recht zur Durchsetzung zu verhelfen?

Spannend. Aber die eigentliche Nachricht ist dies: Mitten in einer Weltwirtschaftskrise wollen Arbeiter über ein Insolvenzverfahren bestimmen. Sie setzen sich über von Gerichten eingesetzte Verwalter hinweg und drohen mit der Sprengung der Fabrik! Sie sagen damit: euer bürgerliches Recht geht uns am Arsch vorbei. Die Fabrik und die Sachen darin gehören jetzt uns. 

Mais, das ist doch noch keine Revolution! - Non, Majestät, aber eine Revolte.

Die deutschen Medien schauen mit Faszination und Schaudern auf die Lage in Frankreich.

Wenn Medien wie der Focus von einer "rechtsfreien Zone" warnen, heißt das unausgesprochen: die deutschen Herrschenden fürchten dass die "französische Krankheit" über die Grenze schwappt, falls sich die Wirtschaftskrise weiter verschärft.Interessant ist der daher der Vergleich mit dem Autozulierer Karmann im nordwestdeutschen Osnabrück. Das Werk befindet sich in einer identischen Situation wie New Fabris.

Es gab ein paar Demonstrationen und einem halbherzigen Bossnapping. Das liegt Monate zurück. Aktuell gibt es bei Karmann keinen Widerstand mehr. IGM Gewerkschaft und Betriebrat hatten alles getan um zu deeskalieren.

Und natürlich sind die Osnabrücker ohnehin passiv. Keine Spur mehr von der kämpferischen Tradition der 70ger Jahre. Die Belegschaft bei Karmann hat sich bereitwillig gespalten und spalten lassen: in solche, die hoffen weiter im Werk arbeiten zu dürfen - unter Inkaufnahme schlechterer Bedingungen - und in die bereits Entlassenen.

Letztere sind wiederum gespalten: in diejenigen, die auf ihre Übernahme in eine Transfergesellschaft hoffen und diejenigen, die gegen ihre Entlassung klagen. Wobei der Mißerfolg von vorneherein abzusehen ist.

Derzeit verhandelt der Betriebsrat über Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Überstundenabbau und andere Rechte. Allerdings nicht mit den Kapitalisten, sondern mit den Arbeitern. Der klägliche Rest der Belegschaft von einst 6000 soll verzichten. In der trügerischen Hoffnung ihre - vielleicht - etwas mehr als Tausend  Jobs zu schlechteren Bedingungen zu retten.

Aber ein Großteil der Arbeiter wurde bereits entlassen und sitzt passiv zu Hause und gräbt den Vorgarten um. Abfindungen gibt es keine. Nur wenige klagen vor Gericht gegen ihre Entlassung. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit droht ihnen die  Hartz IV-Falle. Liegt ihr Barvermögen über der persönlichen Freigrenze, was bei vielen der fall sein wird, müssen sie erst ihr in  Jahrzehnten Schichtarbeit am Fließband sauer erschuftetes Geld aufbrauchen. Erst wenn sie weitgehend verarmt sind, gibt es Hartz IV.

Wahrscheinlich müssen die "Karmänner" erst mal vom sauren Hartz IV-Brot kosten, ehe sie Französisch sprechen.
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