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MEXICOS ‘NARCOCORRIDOS' - DER SOUNDTRACK ZUM DROGENKRIEG PDF Drucken E-Mail
von Lothar A. Heinrich    25.07.2009 - bisherige Aufrufe: 1249

narcocorrido.jpgMit der Ermordung von Polizeidirektor García in der nordmexikanischen Stadt Ciudad Juaréz am 10. Mai 2008 hatten Killer mexikanischer Drogenkartelle, in diesem Fall wohl des Sinaloa-Kartells, den sechsten hochrangigen Polizeioffizier innerhalb einer Woche beseitigt. Die Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit dem Antidrogenkrieg seit Dezember 2006 wurde Mitte vergangenen Jahres auf 3.500 geschätzt.

Damals hatte Präsident Filipe Calderón sein Amt übernommen und die Militarisierung des Antidrogen-kampfes deutlich verstärkt. Angesichts dessen, worum es geht, nämlich ein Exportgeschäft in die USA, dessen Wert auf 20 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, haben nun auch die Kartelle begonnen, in bis dahin unbekannter Intensität zurückzuschlagen.

Seit relativ jüngerer Zeit sind auf beiden Seiten die Opfer nicht mehr nur die das Fußvolk, sondern das Führungspersonal selbst. Alleine im vorigen Jahr gab es im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität über 6.000 Tote. Die mexikanische und US-amerikanische Regierungen haben unter diesen Umständen eine verstärkte Zusammenarbeit angekündigt, aber die dabei seitens der US-Regierung in Aussicht gestellten Gelder entsprechen etwa den Ausgaben für einen Tag Irak-Krieg. Außerdem ist der Handel beidseitig sehr profitabel. Über 90% alleine der illegalen Waffen, die im Zusammenhang mit der Drogenkriminalität in Mexiko im Umlauf sind oder beschlagnahmt wurden, stammen von legalen Waffenhändlern aus den USA, 6.000 an der Zahl direkt jenseits der mexikanischern Grenze.

Dass Drogenkartelle in Mexiko in der Lage sind, sich nicht nur untereinander blutig zu bekämpfen, sondern bis in die Hauptstadt hinein höchste Vertreter der Staatsmacht zu treffen, ist auch ein Zeichen für die breite soziale Basis, die Gewalt, Verbrechen - heute speziell der Drogenhandel - in dieser durch krasse soziale Spaltung gekennzeichneten Gesellschaft haben. Das schlägt sich auch kulturell in der populären Musik des Landes nieder.

Im Dezember 2007 wurde in Michoacan der Sänger Sergio Gomez von derGruppe "K-Paz de la Sierra" getötet. Dieser Mord war ein vorläufigerHöhepunkt einer ganzen Mordserie der jüngeren Zeit, der Corrida-Sänger,oder "Corridistas",  zum Opfer fielen, einer Serie, die das Ende einesder erfolgreichsten mexikanischen Musikstile seit den 70er Jahreneinläuten könnte. Im November des Vorjahres war bereits ValentínElizade erschossen worden, wahrscheinlich, weil  sein über Youtubeverbreitetes Lied "An meine Feinde" als eine vom Sinaloa-Kartellbezahle Schmähung des konkurrierenden Golf-Kartells verstanden wurde.Posthum belegte dieser Corrido in der Hitparade für Lateinamerikaner inden USA der US-Musikzeitung ‘Billboard'  am 3.3.2007 die ersten beidenPlätze.Das hiezulande wohl bekannteste mexikanische Volkslieddürfte "La Cucaracha", auf Deutsch "Die Küchenschabe", sein. Das isteine Ballade, auf Mexikanisch ein ‘Corrido', aus der Zeit derRevolution von 1910-1920. Der Corrido, wahrscheinlich schon früh im 19.Jahrhundert entstanden, erfüllte hier mangels der Existenz desRundfunks und Fernsehens und eines in alle Ecken des Landesausgreifenden Netzes von Zeitungen, die beim geringenAlphabetisierungsgrad der Bevölkerung ohnehin nur Wenigen zugänglichgewesen wären, die Rolle des Informanten über alle Ereignisse, die dieBevölkerung interessierten.

Während "La Cucaracha" einer der vielenCorridos der damaligen Zeit ist, die mit den Namen Emilio Zapata undPancho Villa verbundenen Ereignisse der Revolution zum Thema hat,verbreitete sich seit mehr als 30 Jahren rasant ein neues Genre derCorridos, ein Genre, das bei allen Unterschieden im Einzelnen unter derBezeichnung "Narcocorridos" zusammengefasst wird. Der Name lässt keineUnklarheit darüber zu, worum es geht - um alles, was mitDrogenproduktion und Drogenhandel zu tun hat. Der Boom des Stils begannmit dem von Angel Gonzales komponierten Corrido "Contrabando yTraición" ("Schmuggel und Verrat"), der 1972 von "Los Tigres Del Norte"aufgenommen wurde. Los Tigres sind, so Elijah Wald, derUS-amerikanische Autor des 2001 erschienen Standardwerks "Narcocorridos- A Journey into the Music of Drugs. Guns and Guerillas" für dieMexikaner in Mexiko, vorallem im Norden des Landes, und in den USA"eine Art mexikanisches Äquivalent der Rolling Stones kombiniert mitWillie Nelson" . Sie haben über 50 Alben veröffentlicht, mehr als 500Songs aufgenommen und sind in einem Dutzend Filme aufgetreten. IhreAlben verkaufen sich zu Millionen, und auf ihren Konzerten können gutüber 100.000 schreiende Fans auflaufen." Andere berühmte Namen vonKomponisten und Bands sind "El As de la Sierra" aus Sinaloa, PedroRivera und weitere Mitglieder seiner Familie aus Los Angeles,  LosTucanes de Tijuana oder der Komponist Paulino Vargas.

Der Corridoist vor der Salsa einer der populärsten lateinamerikanischenMusikstilen in den USA, wo Mexikaner und US-Amerikaner mexikanischerHerkunft (Chicanos und Tejanos) das Gros der lateinamerikanischenBevölkerung stellen. Ein Großteil dieser Corridos sind heute"Narcocorridos" . Musikalisch folgen sie überwiegend traditionellenStilen der Volksmusik. Jene, die aus Mexikos Hauptdrogenprovinz Sinaloaan der Westküste kommen, werden meist von ‘Bandas' gespielt, von Bandsmit Akkordeon und Bläsern, während die von der texanischen Grenze, woder Corrido vermutlich überhaupt entstanden ist, eher als vorallem aufSaiteninstrumenten basierenden ‘Conjuntos' ohne Bläser auskommen.Akkordeon, Polka oder Walzerrhythmus verdankt die regionale Folklorebeidseits der Grenze vorallem deutschen Einwanderern. So weit derModerne ihr Recht gegeben wird, beschränkt sich das auf den Einsatz vonSchlagzeugen, E-Bässen und Saxophonen und natürlich auf die Texte. Hinund wieder fließt - gerade bei mexikanischen Bands aus den USA -inzwischen auch etwas Rap und Hip Hop ein.  Die Verbindung zum Rapbesteht für Elijah Wald  allerdings in erster Linie im Inhalt, darinnämlich, dass der Rap in den USA die harte Realität der großstädtischenStrasse der Pop-Music aufgezwungen hat und der ‘Narcocorrido' so derRap des modernen Mexikos ist.

Die Narcocorridos sind, auch wenn sienatürlich von der Musikindustrie verbreitet werden, authentischeVolksmusik. Sie spiegelt eine Kultur wider, in der Gesetzlosigkeit,auch die mit dem Drogengeschäft verbundene, und Gewalt als einer derwenigen Wege akzeptiert ist, die den Armen offenstehen, um aus ihremElend herauszukommen. Brutalste Gewalt, in erster Linie nicht nurstrukturell sondern ganz unverblümt von der herrschenden Klasseausgehend,  ist ohnehin seit jeher ein die ganze mexikanischeGesellschaft durchdringendes Phänomen. Schon in der mexikanischenRevolution war es gerade der Norden des Landes, dessen Weite und Näheder Grenze zu den USA es vielen erlaubte, sich der Schuldknechtschaftdurch Flucht zu entziehen und von Schmuggel und Raub (besser) zu leben.Auch Pancho Villas Revolutionsarmee bestand zu einen Großteil ausGeächteten und Banditen. Die Grenze zwischen ihnen und Sozialrebellenwar oft fließend.
Vielleicht drückt sich der kultureller Hintergrunddes Narcocorrido am besten zum einen im "Heiligenschrein" des JesúsMalverde und zum anderen im Schicksal des jungen Corridistas ChalinoSánchez aus. Jesús Malverde, dessen Schrein in Caliocán in der ProvinzSinaloa steht, starb am 3.5.1909 eines gewalttätigen Todes.

Er war einRäuber, der der Volkstradition zufolge seine Beute unter die Armenverteilte. Noch heute wird sogar über das Internet mit ihm einschwunghafter Devotionalienhandel betrieben. In seinem Schrein werdenständig kleine Dankesbriefe abgelegt - von Menschen, die imDrogengeschäft tätig sind, denn diese haben ihn inzwischen zu ihremSchutzheiligen erkoren. Chalino Sánchez war der tougheste Corridistavon allen, ein echter ‘Valiente' also, und wurde zum Vorbild der jungenCorridista-Generation an der Westküste. Er hatte mit 15 Jahren denVergewaltiger seiner Schwester erschossen. Seine künstlerische Aderwurde dann im Gefängnis von Los Angeles von seinen mexikanischenMithäftlingen entdeckt, die begannen, ihn dafür zu bezahlen, dass erfür und über sie Lieder schrieb und auf Kassetten aufnahm. Bei einemKonzert in Südkalifornien entging er einem Pistolenattentat, weil ervon der Bühne herab zurückschoss. Wenig später 1992 allerdings - zuHause in Sinaloa - zog er zu langsam. Es wurde schon eine Parallele zumUS-amerikanischen Rap-Star Tupac Shakur gezogen.

Der Höhunkt desNarcocorrido-Booms lag in den 90er Jahren trotz aller von Anfang aneinsetzenden Versuche staatlicherseits, den ganzen Stil als illegal zuerklären. Die meisten Komponisten und Musiker haben allerdings stetsauch andere Themen behandelt, bis hin zu Herz und Schmerz. Gerade "LosTigres del Norte" zum Beispiel haben auch eine große Zahl - gemäßigt -sozialkritischer Lieder über Korruption oder über die mehr als 300Morde an jungen Arbeiterinnen von ‘Maquiladoras' in Ciudad Juarezaufgenommen, und wieder andere haben über Ereignisse wie den 12.September gesungen - in Mexiko beheimatete Corridistasbezeichnenderweise mit mehr Durchblick als jene, die in den USA selbstleben. Andrés Contreras, von Wald als der inoffizielle Barde derZapatistas und gleichzeitig radikalste und humorigste Komponist desMexikos bezeichnet, hat ein Lied mit dem Titel "Corrido de Osama BinLaden" geschrieben. Paco Nunez, ein DJ, der in Monterrey südlich dertexanischen Grenze arbeitet, sagte, dass die Menschen in seiner Regiondie Details des Ereignisses eher durch die Corridos als durchNachrichtensendungen wüssten.

Ein nicht zu unterschätzender Grundfür die Popularität der Narcocorridos unter den Musikern ist das Geld.Der Texter Oswaldo Valdez von der Banda "Los Jaibos" sagt, die Bandbekomme  $ 1.000 für einen normalen Gig bei einem Fest, aber 4.000,wenn er ein Corrido über einen Drogenboss schreibe. Julio Preciado,einer der berühmtesten Banda-Sänger Mexikos,  jedoch meint, dieGewalttätigkeit nehme allmählich überhand. Er kritisiere zwar dieKollegen, die auch wegen des Geldes als Chronisten der Drogenszenearbeiteten nicht, denn nicht der Übersetzer sei der Schuldige. Er aberwerde in Zukunft vorallem Liebeslieder singen, "aus Respekt vor meinerFamilie".
Die erwähnte Mordserie scheint dieser Tendenz zumDurchbruch zu verhelfen, aber die Corridistas würden ihrertraditionellen Berufung nicht genügen, wenn sie hinfort jenen anderenTeil der "Volkskultur", den durch Drogengeschäfte gerierten Reichtumund das mit ihm einhergehende Ansehen in einer ansonsten durchausweglose Massenarmut gekennzeichneten Gesellschaft ignorierten.
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