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Leserbrief zu "Siedlungen sind nur ein Randaspekt" PDF Drucken E-Mail
von Jürgen Jung    08.08.2009 - bisherige Aufrufe: 1844

palaestine_wiped_off_the_map.jpgJürgen Jung ist Schauspieler, Sprecher, Moderator und Regisseur. Von ihm stammt das Konzept zur CD "Das Land der traurigen Orangen - 60 Jahre Israel - 60 Jahre Naqba (arab. = Katastrophe) - Dissidente Stimmen zum Palästinakonflikt", das er zusammen mit Beate Himmelstoss und Baher Al-Regeb umsetzte. Zusammen mit anderen organisiert er Salam Shalom, den Arbeitskreis Palästine / Israel. Homepage: www.salam-shalom.org

Wir dokumentieren einen Leserbrief von Jürgen Jung an den Kölner Stadt Anzeiger.

Hallo Herr Kaufmann,

ein Freund machte mich auf Ihren Leitartikel „Siedlungen sind nur ein Randaspekt" vom 2. 8. aufmerksam, zu dem ich folgendermaßen Stellung nehmen möchte:Vorausschicken darf ich, dass ich generell den Eindruck habe, dass Sie von der Realität in Palästina wenig Ahnung haben. Diese ist nämlich keineswegs kompliziert, wie Sie behaupten. Kompliziert ist es allerdings für den arglosen Zeitgenossen, die Mythen zu durchschauen, mit denen die an sich sehr einfache Realität von Leuten wie Ihnen vernebelt wird. Sie sollten zur Kenntnis nehmen, wie die Opfer in diesem Konflikt - und dies sind für den unvoreingenommenen Betrachter ohne jeden Zweifel die Palästinenser - die Realität sehen. Deren Sichtweise wird übrigens von der überwältigenden Mehrheit der Menschen und - ja, auch der Regierungen auf dieser Welt geteilt. Nur wir hier im Westen belieben, diese Realität vor lauter schlechtem Gewissen ( wg. Antisemitismus, Holocaust ) nicht sehen zu wollen.

Von Anfang an war das Ziel des Zionismus „nicht ein jüdischer Staat in Palästina, sondern ganz Palästina als jüdischer Staat" - so David Ben Gurion, der nicht umsonst von dem jüdischen Historiker Isaac Deutscher „der böse Geist des israelischen Chauvinismus" genannt wurde. Und dieses Ziel wird konsequent und erbarmungslos - ohne Rücksicht auf Menschen- und Völkerrecht, gegen eine lange Liste von UN-Resolutionen - seit über 60 Jahren durchgesetzt. „Die ethnische Säuberung Palästinas" - so der Buchtitel des israelischen Historikers Ilan Pappe - hält bis zum heutigen Tage an - siehe die Vorgänge der letzten Tage in „Groß-Jerusalem".

Das Problem ist also nicht etwa der palästinensische Terrorismus - der hierzulande so geschätzte Henning Mankell hat kürzlich seine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass es angesichts des „verächtlichen Apartheidsystems" nicht viel mehr Selbstmordbomber gibt - das Problem ist der expansive, in seinem Selbstverständnis von Anfang an exklusive und insofern rassistische Zionismus, der zum Beispiel die israelischen Palästinenser als Bürger minderen Rechts behandelt - über 20 Prozent der israelischen Bevölkerung, nämlich die palästinensischen Israelis, muß auf ca. 3 (!) Prozent des Landes leben, wobei das israelische Gesetz das „natürliche Wachstum" der palästinensischen Gemeinden verhindert. Eine solche systematische Ungleichbehandlung spricht jeder westlichen Rechtsstaatsvorstellung Hohn.

Wieso sollten die Palästinenser also einen „jüdischen Staat Israel" anerkennen? Diese „völkische" Vorstellung ist für jeden aufrechten Deutschen, der aus der Geschichte gelernt hat, nicht hinnehmbar. Israel ist entgegen dem Mythos eben nicht „die einzige Demokratie im Nahen Osten", sondern eine „Ethnokratie".

Wer behauptet eigentlich, dass die völkerrechtswidrige israelische Siedlungspolitik „allein Schuld sei am stockenden Friedensprozeß"? Sie ist doch nur ein Ausdruck der furchtbaren, systematischen Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft, die der israelische Soziologe Baruch Kimmerling als „Politizid" durch die „israelische Herrenvolk-Demokratie" bezeichnet hat.

Ihre Darstellung, „dass die durch Siedlungen quasi annektierten Gebiete einen Bruchteil des strittigen Landes ausmachen" zeigt Ihre ganze Ahnungslosigkeit. Ganz abgesehen von Ostjerusalem muß nämlich zu diesen „annektierten Gebieten" - die übrigens zu den wertvollsten, weil fruchtbarsten im Lande gehören - die ganze Siedlerinfrastruktur hinzugerechnet werden, etwa die allein für Juden befahrbaren Straßen - mit großzügigen Sicherheitstreifen auf beiden Seiten -, die zusammen mit der völkerrechtswidrigen Mauer die Bewegungsfreiheit und damit auch die wirtschaftliche Entwicklung der Palästinenser massiv einschränken, das Land zerstückeln und zerteilen und einen palästinensischen Staat praktisch unmöglich machen (sollen).

Das von Ihnen apostrophierte „Recht auf Rückkehr" der palästinensischen Flüchtlinge ist - man muß offenbar immer wieder daran erinnern - gültiges Völkerrecht, durch Resolutionen des UN-Sicherheitsrates bekräftigt, und soll zwischen den Konfliktparteien auch nur zu einer „einvernehmlichen Lösung" geführt werden - die Palästinenser haben nämlich längst auf alle diesbezüglichen Maximalforderungen verzichtet. Wie grotesk: jeder Mensch jüdischen Glaubens auf der Welt kann problemlos von einem ihm zugestandenen „Rückkehrrecht" Gebrauch machen, aber den immer schon vor Ort lebenden Arabern bleibt die Rückkehr in die vor ihren Augen liegende Heimat verwehrt. Was ist das anderes als Rassismus? Übrigens besteht das Flüchtlingsproblem nach Ansicht von Hendryk M. Broder eben darin, dass die Palästinenser leider nicht weit genug vertrieben wurden, so dass sie ihre Heimat dummerweise immer vor Augen haben!

Es geht also in keiner Weise darum, dass die Palästinenser „Bedingungen stellen", die, wie Sie zu meinen scheinen, dem eigenen Staat im Wege stehen - die Schuld liegt also wieder einmal bei den Opfern -, sondern es geht um die Anerkennung des Unrechts der Vertreibung von 1948, die Beendigung der brutalen Besatzung, also der bis heute andauernden ethnischen Säuberung, dem damit einhergehenden Landraub, der Zerstörung von 24 000 Häusern und der Entwurzelung von über einer Million Olivenbäume, der Lebensgrundlage vieler Menschen.

Ihre Warnung vor einem schnellen „Rückzug" aus den besetzten Gebieten, darf ich wohl so verstehen, dass die undankbaren Palästinenser in Gaza - dem „größten Freiluftgefängnis der Welt" ( so Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu ) aus ihrer „Freiheit" nichts gemacht, sondern nur mit Raketen auf Israel geantwortet hätten, und die Israelis also einen Selbstverteidigungskrieg zu führen „gezwungen" waren. Auch hier sind Sie offensichtlich nicht gut informiert, kennen beispielsweise den Artikel von Jimmy Carter in der Washington Post vom 8. Januar leider nicht, dessen Überschrift „An Unnecessary War" schon andeutet, dass seiner Ansicht nach - und er war ja immerhin derjenige, der den Waffenstillstand vom letzten Jahr durch seine Gespräche mit allen Seiten, also auch mit den „Verfemten" der Hamas eingefädelt hatte - dass Israel diesen „Krieg" leicht hätte vermeiden können, wenn es nur gewollt hätte. Carter macht auch darauf aufmerksam, dass - entgegen der hierzulande weitverbreiteten Version - Israel es war, das den Waffenstillstand durch seine massive Militäraktion vom 4. November gebrochen hat.
Aber gemäß der zionistischen und von uns im Westen weitgehend übernommenen Ideologie waren „die irrationalen, gewaltorientierten Araber" natürlich allein schuld! Klingt ziemlich rassistisch in meinen Ohren.

Mit ihrem letzten Satz: „Zumal der gesamte Konflikt von einem Thema überspannt wird, das in Jerusalem längst als viel existenzieller angesehen wird: Irans Atomprogramm" versuchen Sie offensichtlich, Ihre Einsicht in den größeren geopolitischen Zusammenhang zu demonstrieren. Mit diesem Verständnis für die israelische Position, die manipulativ erzeugte Paranoia, reihen Sie sich - Sie werden es natürlich empört von sich weisen - ein in die Reihe der israelischen Kriegstreiber. Offensichtlich glauben auch Sie, dass die iranische Führung den kollektiven Selbstmord plant, denn genau dies wäre angesichts der immer gegebenen Zweitschlagskapazität Israels - ganz zu schweigen von der durch amerikanische Flugzeugträger gewährleisteten Sicherheitsgarantie - die Konsequenz eines irgendwann einmal vielleicht möglichen iranischen Atomschlags. Vermutlich wissen Sie auch nicht, dass „die iranische Atombombe" schon seit Anfang der 90er Jahre von israelischer Seite immer wieder als in 5 Jahren realisiert an die Wand gemalt wird.
Die traurige Wahrheit ist: Israel hat bislang nie einen gerechten Frieden gewollt, denn das hätte ja Kompromisse und Konzessionen, die Rückgabe besetzten Landes etwa, zur Folge gehabt. Ein Friedensschluß „würde uns die Hände binden und uns die (militärische) Aktionsfreiheit nehmen, die wir ... brauchen. Vergeltungsschläge ... sind unser Lebensnerv....(Sie) ermöglichen es uns, in unserer Bevölkerung und der Armee eine hochgradige Spannung aufrechtzuerhalten. Ohne diese Aktionen wären wir kein kämpferisches Volk mehr, und ohne die Disziplin eines kämpferischen Volkes sind wir verloren."" - so schon im Jahre 1955 niemand anderer als der damalige Oberbefehlshaber der israelischen Streitkräfte, Moshe Dayan , nachzulesen im Tagebucheintrag des 2. israelischen Ministerpräsidenten Moshe Sharett vom 26.5.1955.
Und an dieser Grundeinstellung des sparta-ähnlichen Militärstaats Israel hat sich leider bis heute nichts Wesentliches geändert.

Mit freundlichem Gruß
Jürgen Jung


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