| Horst Köhler und die „Friedliche Revolution“ |
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| von Hans Fricke - http://moltaweto.wordpress.com |
16.10.2009
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In seinem Beitrag wirft Chefredakteur Arnold Schölzel Bundespräsident Horst Köhler vor, beim Festakt „20 Jahre Friedliche Revolution“ in Leipzig am 9. Oktober 2009 Gerüchte über Panzer und Schießbefehl zu Tatsachen gemacht zu haben. In seiner Rede habe er unter anderem über die Situation während der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in der sächsischen Metropole behauptet:
Peinlich für das Staatsoberhaupt
der Bundesrepublik Deutschland, wenn es sich bereits am Tag nach
seinen spektakulären Behauptungen sogar vom bundesdeutschen
Qualitätsjournalismus sagen lassen musste, dick aufgetragen zu haben.
Nach Recherchen des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) hieß es am 10.
Oktober in verschiedenen Medien, Köhlers Darstellung sei nicht
korrekt. Der Bundespräsident habe seine Angaben wahrscheinlich aus dem
Buch von Michael Richter „Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur
Demokratie in Sachsen 1989/90“. Richter ist Mitarbeiter des
Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden und von
seinem Buch ist bekannt, dass es teils falsche Fakten enthält. Nach
einem Bericht des Tagesspiegels am Sonntag hat Richter sich
am 10. Oktober als „Quelle der präsidialen Irrtümer“ geoutet. Er habe
sich in seiner Studie auf einige „ungenaue Zeugenaussagen verlassen“.
Das habe Köhler möglicherweise aufgegriffen. Unverständlich diese Art des Umgangs mit historischen Ereignissen, zumal Horst Köhler hätte wissen müssen, dass „ungenaue Zeugenaussagen“ zum Handwerkzeug von Totalitarismusforschern gehören. Peinlich auch, dass der damalige Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie der Leipziger Karl-Marx-Universität, Professor Karl-Friedrich Lindenau, in einem von junge Welt am 13. Oktober veröffentlichten Interview erklärt, ihm sei nicht bekannt, dass Leipziger Herzchirurgen in der Behandlung von Schussverletzungen unterwiesen worden seien und dem Bundespräsidenten gleichzeitig bescheinigt, „dem Informationsstand zwanzig Jahre hinterher“ zu hinken. Der ehemalige Staatschef der DDR und Generalsekretär der SED, Egon Krenz, wies Köhlers Darstellung empört zurück und erklärte:
Mit anderen Worten: der lügt.
Chefredakteur Arnold Schölzel erinnert daran, dass der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds Horst Köhler „bereits mehrfach mit verlogenen Behauptungen z.B. über einen angeblich von der DDR-Führung selbst eingestandenen wirtschaftlichen Bankrott nur im Osten Aufsehen erregt“ hat, wogegen er die amtliche DDR-Schlussbilanz der Bundesbank von 1999, welche die Zahlungsfähigkeit der DDR bis zuletzt bescheinigte, öffentlich nicht erwähnt. Aufschlussreich auch eine Bemerkung Köhlers, die der Publizist Michael Jürgs 1997 veröffentlichte. Danach hatte der damalige Finanzstaatsekretär Köhler als treuer Gefolgsmann der Kohlschen Anschlusspolitik vor den Bundestagswahlen im Herbst 1990 alle Pläne zum massenhaften Abbau von Arbeitsplätzen in Ostdeutschland geheim gehalten. Damit, wie auch bei der strikten Verheimlichung aller Bonner Pläne zur Einverleibung der DDR und ihrer Folgen, bestätigt sich einmal mehr die Volksweißheit, wonach eine bewusst verschwiegene Wahrheit auch eine Lüge ist. Erst nach der Wahl, am 21. Januar 1991, verlangte Köhler im Treuhand-Präsidialausschuss im Kölner Hotel „Excelsior“, in der ehemaligen DDR müsse „auch mal gestorben“ werden, womit er die Stilllegung angeblich unrentabler Betriebe der DDR meinte. Blut müsse fließen, natürlich nur im übertragenen Sinne. Und dafür, dass in der ehemaligen DDR nach ihrem Anschluss an die BRD massenhaft „gestorben“ wurde und im übertragenen Sinne Blut floss, sorgte Finanzstaatssekretär Horst Köhler gemeinsam mit dem von ihm als Leiter der Arbeitsgruppe „Innerdeutsche Beziehungen“ an seine Seite geholten Thilo Sarrazin und den Leiter der Abteilung Geld und Kredit Gert Haller. Sarrazin, der sich als menschenverachtender und die Hartz-IV-Opfer verhöhnender ehemaliger Berliner SPD-Finanzsenator und als von rechts bejubelter ausländerfeindlicher Vorstand der Bundesbank einen unrühmlichen Namen gemacht hat, erklärte damals:
Unter den Folgen seiner Anstöße und Ideen, die dank der Unterstützung Horst Köhlers in die Tat umgesetzt wurden, leiden die ehemaligen DDR-Bürger sowie ihre Kinder und Enkel noch heute. Das Problem war, so bekannte Haller später:
Schlimmer noch:
Otto Köhler, der in seinem aufschlussreichen Beitrag „Der Freund, der gute Freund“ die Übereinstimmung der Auffassungen zum Umgang mit der DDR und das gemeinsame Handeln von Köhler und Sarrazin im Bundesfinanzministerium zum Nachteil der DDR und ihrer Bürger untersucht (junge Welt vom 13.10.2009, S.10 und 11), schreibt über die von Haller geäußerten Befürchtungen:
Am 29. Januar 1990 hatte Sarrazin Köhlers Auftrag erfüllt und ihm einen Plan vorgelegt, die DDR schlagartig in den D-Mark-Wirtschafts- und Währungsraum einzubeziehen, wobei laut Sarrazin alle Überlegungen zunächst noch in „strengster Vertraulichkeit“ stattfanden, „ohne Beteiligung eines anderen Ressorts, auch nicht der Bundesbank“. Die Verheimlichung aller Pläne zur Einverleibung der DDR musste strikt gewahrt werden. Schließlich gab es auch in Westdeutschland Leute, die hätten Alarm schlagen können. Und das Bekanntwerden von Plänen zur feindlichen Übernahme der DDR wäre mit der These von einer „friedlichen“ Revolution schlecht zu vereinbaren gewesen. Obwohl Finanzminister Theo Waigel dem Pressedienst der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag zufolge noch am selben Tag erklärt hatte: „Für eine Währungsunion ist es noch zu früh“. Die Einführung der D-Mark löse „keine wirtschaftlichen Probleme“. Der Effekt dieses „falschen Signals“ sei deshalb nicht die Beendigung, sondern die Beschleunigung des Exodus, ergab eine Klausurtagung im Bundesfinanzministerium am Tage darauf, dass sich Horst Köhler mit seinem von Sarrazin ausgearbeiteten Plan zur „schlagartigen Einbeziehung“, zur Eroberung der DDR durch die D-Mark, durchgesetzt hatte.
Unausbleibliche Folgen dieser von Köhler und Sarrazin initiierten und vorbereiteten Bonner Entscheidung zur Wirtschafts- und Währungsunion, die das Leben von Millionen ehemaliger DDR-Bürger schlagartig veränderte und den damaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Pastor Alberts, zu der Feststellung veranlasste, ein Einmarsch von Truppen wäre ehrlicher gewesen. Nach der Währungsreform und Einführung der D-Mark im Sommer 1990 sowie als Folge des brachialen Wirkens der „Treuhand“-Anstalt ging die ostdeutsche Industrieproduktion innerhalb eines Jahres um 67 Prozent zurück. Das Resultat dieser Regierungspolitik ist nach den Worten des Vizepräsidenten der DDR-Staatsbank, Dr. Edgar Most,
Dass es sich bei der von Köhler am 21. Januar 1991 im Treuhand-Präsidialausschuss dekretierten Linie um einen von der Kohl-Regierung und den hinter ihr stehenden Konzernen und Banken verordneten Bankrott der DDR-Wirtschaft mit allen katastrophalen Folgen für die ehemaligen DDR-Bürger handelte und auf behutsame und verantwortungsvolle Lösungen des Übergangs der DDR-Betriebe in das Wirtschaftssystem der BRD bewusst verzichtet wurde, zeigte der damalige Treuhandchef Detlef Karsten Rohwedder. In den vielen Gesprächen, die Dr. Edgar Most, seinen Angaben zufolge mit ihm führte, war Rohwedder davon ausgegangen, dass 70 bis 80 Prozent der DDR-Betriebe gerettet werden können und nur einige dabei durch den Rost fallen würden. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Feststellung Siegfried Wenzels in seinem Buch „Was war die DDR wert. Und wo ist dieser Wert geblieben?“ zur Reaktion Rohwedders auf die ebenso rigorose wie folgenschwere Forderung Horst Köhlers:
Nach Rohwedders Ermordung beschloss die Treuhand unter Birgit Breuel, die DDR-Wirtschaft in nur drei Jahren „abzuwickeln“, was zur Liquidierung von 3 244 DDR-Betrieben in weniger als drei Jahren führte, wodurch insgesamt 2,5 Millionen ehemalige DDR-Bürger ihre Arbeit verloren. Obwohl die wahren Gründe für den Niedergang der DDR-Wirtschaft nach 1990 von kompetenten Wissenschaftlern und Politikern wie zum Beispiel Wilhelm Hankel (unter Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller Leiter der Abteilung Geld und Kredit und Währungsberater für die EG) in seinem Buch „Die sieben Todsünden der Vereinigung“ nachgewiesen wurden, bestehen sowohl die Bundesregierung als auch Bundespräsident Horst Köhler darauf, die Wirtschaft der DDR hätte schon vor der Einheit am Boden gelegen. Warum beide wider besseres Wissens an dieser Lüge festhalten, erklärt Jörg Roesler in seinem Beitrag „Der verordnete Bankrott“ wie folgt:
Anstatt als Staatsoberhaupt aus Gerüchten über den 9. Oktober 1989 in Leipzig nach 20 Jahren Tatsachen machen zu wollen und damit Vorurteile zu stärken und antikommunistische Stimmungsmache gegen die DDR zu betreiben, hätte es Bundespräsident Köhler gut zu Gesicht gestanden, den Leipzigern und ihren Gästen endlich eine wahrheitsgemäße Antwort darauf zu geben, warum zwei Jahrzehnte nach der „Friedlichen Revolution“ in Ostdeutschland noch immer desaströse Verhältnisse herrschen, Lohnabhängige und Rentner gegenüber westdeutschen Bürgern nach wie vor benachteiligt werden, Monat für Monat Tausende ihre ostdeutsche Heimat gen Westen verlassen - und dabei auch die kaum bekannte eigene Rolle als damaliger einflussreicher Finanzstaatsekretär nicht unerwähnt zu lassen. Denn auf Dauer lassen sich diese wichtigen historischen und aktuellen Sachverhalte nicht unter den Teppich kehren und mit Verleumdungen und Hassgesängen über die DDR verdecken.
Hans Fricke ist Autor des im August 2008 im Berliner Verlag am Park erschienenen Buche „Politische Justiz. Sozialabbau, Sicherheitswahn und Krieg“, 383 Seiten, Preis 19,90 Euro,
ISBN 978-3-89793-155-8
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| Letzte Aktualisierung ( 16.10.2009 ) | |||||||
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Es muss schon einen sehr ernsten Grund geben, wenn die Tageszeitung junge Welt vom 12. Oktober 2009 ihrem ausführlichen Bericht auf der Titelseite die ins Auge springende Überschrift gibt: „Köhler lügt“.



















