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Tokio 1.11.2009 - Aktionstag klassenkämpferischer Bewegungen in Japan PDF Drucken E-Mail
von Bartholomäus Ibrahim Bronsteyn    03.11.2009 - bisherige Aufrufe: 1102

Tokio 1.11.2009Seit einigen Monaten bestehen Kontakte zwischen der Linken Zeitung und kämpferischen Arbeiter- und Studentenströmungen in Japan. Aus aktuellem Anlaß, einem "internationale Arbeiterversammlung" genannter Aktionstag am 1.11.2009, besuchten Mitarbeiter unserer Zeitung auf Einladung der japanischen Lokomotivführergewerkschaft Doro - Chiba die japanische Hauptstadt.

Der Großraum Tokio ist eines der bedeutensten industriellen und technologischen Zentren der Welt, und mithin eine der großen Schaltzentralen des internationalen Kapitalismus und des "big business". Weniger bekannt hierzulande ist die Existenz einer sehr regen und aktiven klassenkämpferischen Arbeiterbewegung in genau diesem Zentrum.

Zu den veranstaltenden Organisationen gehörten u.a.:

- die kämpferische Lokomotivführer - Gewerkschaft Doro-Chiba (National Railway Motive Power Union of Chiba) und verschiedene diesen Verband unterstützende Komitees aus anderen Branchen

Tokio 1.11.2009

- der traditionsreiche japanische Studentenverband Zengakuren

- die seit vielen Jahrzehnten aktive Oppositionsliga gegen den Flughafen Narita

- Aktivisten aus Okinawa gegen die US - Stützpunkte

- verschiedene weitere Gruppen von Gewerkschaftsaktivisten und kämpferischen Bewegungen aus verschiedenen weiteren Verbänden aus ganz Japan; diese waren zum Teil von weither mit Bussen oder per Bahn angereist

- Vertreter von politischen Flüchtlingen, die in Japan leben, vor allem aus Burma und Kurdistan

1.11.2009Als Gäste aus dem Ausland waren u.a. Vertreter und Mitglieder folgender Gewerkschaftsverbände und anderer Organisationen:

- der Lehrergewerkschaft UTLA (United Teachers of Los Angeles), USA

- des unabhängigen Gewerkschaftsverbandes KCTU aus (Süd)Korea, speziell des Regionalverbandes Seoul und des Bauarbeiterverbandes.

- der ILWU (International Longshore Workers Union, Hafenarbeitergewerkschaft), Local 10,34,19, USA Westküste

- der kämpferischen Gewerkschaftsströmung Conlutas aus Brasilien

- Teamsters Brotherhood, Airline Division (Flughafenarbeiter), USA Westküste

- Mitarbeiter der Linken Zeitung, BRD

Die Anwesenheit von immerhin einigen Dutzend Ausländern (die im Block mitmarschierten) rief Begeisterung und große Freude bei den einheimischen Demonstranten hervor. Das Bedürfnis, sich mit antikapitalistischen Bewegungen und Aktivisten in aller Welt zu vereinen, war deutlich spürbar. Die Gastfreundschaft der japanischen Kollegen und Genossen für die ausländischen Gäste war und ist im übrigen überaus herzlich und von einem ergreifenden Geist der Solidarität geprägt.

Die Eindrücke dieses Besuches waren und sind auch für unsere LZ-Mitarbeiter sehr eindringlich, zumal es bisher nur sehr wenig direkte Kontakte zwischen deutschen und japanischen Gewerkschaftsaktivisten gab. Die japanische Arbeiterschaft ist von der Weltwirtschaftskrise ebenso betroffen wie die deutsche, allerdings ist Japan Schauplatz der Enstehung einer neuen kämpferischen Arbeiterströmung, von der wir in Deutschland bislang nur träumen können. Von daher einige notwendige Hinweise über den Ursprung dieser Bewegung in diesem

Hintergründe

Motor dieser bemerkenswerten Bewegung ist die kämpferische Gewerkschaft Doro - Chiba, die aus der Streikbewegung von 1987 im Rahmen einer Spaltung des Eisenbahnerverbandes Doro entstand.

1987 wurde die Japanische Staatsbahn (JNR,Japan National Railway) von der Regierung aufgeteilt und privatisiert, vor allem um die Arbeiterbewegung der Eisenbahner zu zerstoeren. Diese stellte traditionell, wie die Arbeiter und Angestellten des Staates insgesamt, das Rückgrat der japanischen Arbeiterbewegung dar.

Aus JNR entstanden 7JR-Gesellschaften, naemlich JR-Nord, JR-Ost, JR-Mitte, JR-West, JR-Schikoku (Insel), JR-Kyushu (Insel) und JR-Gueter.

Für die Wiedereinstellung der 1047Durch die Teilung und Privatisierung der Staatsbahn wurden damals 200 000 Staatsbahn-Arbeiter der JNR "umorganisiert" (zu neuen Arbeitsverträgen gezwungen) und 1047 Arbeiter entlassen.

200 Arbeiter begingen damals Selbstmord.

Nur die Gewerkschaft Doro-Chiba leistete damals durch Streiks entschiedenen und hinhaltenden Widerstand gegen den Ausverkauf der berühmten japanischen Staatsbahnen.

Alle anderen groesseren Gewerkschaften kollaborierten damals entweder mit dieser Teilung und Privatisierung Hand in Hand mit der damaligen Regierung, oder unternahm (trotz rhetorischem Widerstandes) nichts gegen diesen Auftakt zur neoliberalen Offensive.

Seit 1987 ist Doro - Chiba Kristallisationspunkt einer kämpferischen Strömung, die sich den systemfreundlichen Gewerkschaftsführungen, die dem "big business" in die Hände arbeiten, konsequent verweigert und für eine vom Kapital unabhängige Arbeiterbewegung eintritt.

Verlauf von Kundgebung und Demonstration

Internationale Gäste in TokioAn der Kundgebung und der anschließenden Demonstration nahmen nach Angaben der Veranstalter über 10000 Menschen teil. Die Demonstration führte mitten durch das Zentrum von Tokio hindurch und erregte viel Aufsehen.

Es war für unsere Mitarbeiter sehr interessant, eine "Demonstration auf japanische Art" nicht nur kennenzulernen, sondern an ihr selbst teilzunehmen.

Zu Beginn der Kundgebung standen sich an den Eingängen zum Veranstaltungsort Ordner der Veranstalter und diverse Flugblattverteiler einerseits und Haufen von ulkigen, demonstrativ eifrig irgendetwas notierenden Zivilpolizisten oder sonstigen Spitzeln andererseits einander schweigend gegenüber.

Ordner und SpitzelEs kam allerdings zu keinen nennenswerten Zwischenfällen, die Szenerie wirkte wie aus einem typischen asiatischen Historienfilm und war von einer gespannten Stille geprägt.

Die Kundgebung wurde durch eine Punkband eröffnet, die einen interessanten Kontrast zu den typisch asiatischen Bannern, Fahnen und Stirnbändern (vieler Kundgebungsteilnehmer) darstellte. Die Disziplin der über zehntausend Anwesenden bei den folgenden Redebeiträgen war beeindruckend.

Die Demonstration wurde anfänglich von einem dichten Kordon von z.T. blutjungen Bereitschaftspolizisten begleitet, die in ihren Anzügen an etwas linkische Robocops erinnerten. Der anfänglich dichte Poilizei-Kordon zu beiden Seiten des Demonstration lichtete sich allerdings schnell aufgrund der enormen Länge des Zuges.

Demo auf japanischAuffällig war der Einsatz von Trommeln seitens der Demonstranten, sowie das eigentümlich farbenprächtige Szenario mit Bannern und Spruchbändern in verschiedenen Farben und Farbkombinationen.

Bei Demonstrationen von Linken, Gewerkschaften oder Bürgerbewegungen tauchen in Japan üblicherweise laut quäkende, mit Gittern verkleidete Lautsprecherwagen faschistischer Organisationen auf dem Demonstrationsweg auf, die ausser dem Fahrer und einem grölenden Sprecher am Mikrophon meist völlig leer sind. Als Begleitmusik wurde übersteuerte (witzigerweise teilweise deutsche) Marschmusik gespielt.

Die beiläufigen Versuche dieser seltsamen Kräfte, eine solche Demonstration zu stören, wirkten allerdings wie ein absurdes Ritual (die Insassen unterhielten sich auffallend freundlich mit Polizeioffizieren) und riefen bei den Manifestanten vor allem Heiterkeit hervor.

Die Stimmung war insgesamt kämpferisch und heiter.

Begrüssung der AusländerAm Endpunkt des Marsches erfolgte ein landestypisches Ritual: die ausländischen Demonstrationsteilnehmer wurden von einheimischen Manifestanten mit Handschlag begrüsst, wobei wirklich sehr sehr viele Hände zu klatschen oder zu schütteln waren.

Einige Szenen des Demonstrationszuges sind auf youtube zu sehen unter folgenden URLs:

Grölende Faschisten am Strassenrand
Farbenprächtiger Aufzug 

Die Mitarbeiter der Linken Zeitung werden ihre Anwesenheit in Japan im weiteren nutzen, um Kontakte zu vielen Gruppen, Organisationen und Verbänden der japanischen Basisopposition aufzubauen oder zu intensivieren. Es werden weitere Berichte folgen.
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