| "Antizionismus ist nicht Antisemitismus" - Linkezeitung-Interview mit Abraham Melzer |
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| von www.linkezeitung.de |
27.11.2009
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Abraham Melzer ist Autor, Publizist und Herausgeber von "Semit - Unabhängige jüdische Zeitschrift". Ab Herbst werden auch verschiedene Bücher in einer Edition herausgegeben.
Linkezeitung: Sie geben mit "Semit" eine unabhängige jüdische Zeitschrift heraus. Warum gibt es "Semit" und warum ist die Zeitschrift wichtig? Abraham Melzer: Wir fühlten insbesondere nach den öffentlichen Stellungnahmen von Charlotte Knobloch zum Gaza-Krieg, die wieder ohne Mandat im Namen aller Juden gesprochen hat, dass auch jüdische Stimmen der Vernunft zu Wort kommen müssen, dass wir bekannt machen müssen, dass Knobloch nicht im Namen aller Juden spricht und dass es auch andere Meinungen innerhalb der Judenheit gibt. Aus all diesen Gründen ist die Zeitschrift wichtig, die zu einem Sprachrohr des progressiven, liberalen und kritischen Judentums geworden ist. Wir wollen endlich Schluß machen damit, dass unsere sechs Millionen ermordeten Familienangehörigen als Bollwerk gegen die ermordeten und vertriebenen Palästinenser aufgestellt werden. Und wir wollen einer geistigen bzw. ungeistigen Richtung den Kampf ansagen, die uns beibringen will, dass es Spaß macht Täter zu sein. Linkezeitung: In den bürgerlichen Medien wird Kritik am Zionismus oder gar Antizionismus mit Antisemitismus gleichgesetzt. Ein Teil von sich als links verstehenden Menschen übernimmt diese Auffassung. Ist diese Gleichsetzung denn zulässig? Ist Antizionismus gleich Antisemitismus? Abraham Melzer: Selbstverständlich ist Antizionismus nicht gleichzusetzen mit Antisemitismus. Zionismus ist eine Ideologie und zuletzt sogar eine sehr militante und rassistische Ideologie. Und selbstverständlich ist es erlaubt gegen Ideologien zu sein, ob nun Zionismus, Kommunismus, Kapitalismus oder was auch immer. Vom linken Standpunkt ist es sogar unsere Pflicht dagegen zu sein, sogar gegen den Kommunismus, denn dieser war und ist auch eine totalitäre und menschenhassende Ideologie. Antisemitismus ist ganz was anderes. In einem Satz ausgedrückt ist Antisemitismus gegen Menschen und nicht gegen Ideen. Er will Juden vernichten aus einem einzigen Grund, weil sie nämlich Juden sind. Nicht weil sie hässlich sind und nicht weil sie schön sind, nicht weil sie reich sind und nicht weil sie arm sind, sondern einzig und allein weil sie Juden sind. Das ist ein wesentlicher Unterschied und mehr ist dazu nicht zu sagen. Es soll sich deshalb keiner einreden lassen er sei Antisemit, nur weil er Antizionist ist. Ich betrachte mich als Antizionist und bin weit davon entfernt Antisemit zu sein, auch wenn Rassisten wie Broder das behaupten. Linkezeitung: Ist denn ein Zionismus ohne Rassismus und ohne ethnische Säuberungen - mit allen Erniedrigungen und Abscheulichkeiten, die dafür notwendig sind - denkbar? Wie könnte ein Ausgleich zwischen Israel und den Palästinensern aussehen? Abraham Melzer: Zwar liegen Rassismus, ethnische Säuberung, Erniedrigungen und alle gewesenen Scheußlichkeiten schon im Wesen des Zionismus, aber es gab auch andere Versuche dem Zionismus ein menschliches Antlitz zu geben, indem man für einen Bi-nationalen Staat plädierte. Zum Beispiel war Martin Buber ein solcher humanistischer Zionist und wäre der Zionismus seinen Weg gegangen, dann hätten wir heute vielleicht die Probleme nicht, die wir haben. Ein Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern liegt nicht in der Rückgabe von Boden, so sehr es auch fundamental wichtig ist, dass die Israelis die 22% Rest vom Mandatpalästina den Palästinensern sofort überlassen, das heißt sich sofort aus allen Siedlungen zurückziehen jenseits der Grenzen von 1967. Aber das kann nur der zweite Schritt sein. Der erste Schritt muss eine Art Kniefall á la Willy Brandt sein, in dem die Israelis die Palästinenser um Verzeihung bitten für das Unrecht, dass man ihnen angetan hatte und gleichzeitig endlich die Palästinenser als absolut gleichberechtigte Partner akzeptieren. Die Israelis sollen nicht den Palästinensern in einem Akt der Großzügigkeit und Arroganz Land zurückgeben, das sowieso den Palästinensern gehört, sondern zugeben und anerkennen, dass sie den Palästinensern Unrecht getan haben. Linkezeitung: Warum geht Israel überhaupt so brutal gegen die Palästinenser vor? Gibt es da eine innere Logik? Abraham Melzer: Manche sagen, dass es da keine innere Logik gibt. Ich persönlich glaube aber, dass es da sehr wohl eine innere Logik gibt. Die Israelis wollen eigentlich die Gutmenschen sein und betrachten sich als Opfer. Sie wissen aber im Innersten, dass sie eigentlich Täter sind. Broder hat es öffentlich gesagt: Die Israelis sind Täter, aber es macht Spaß Täter zu sein. Ich weiß zwar nicht ob es den Israelis Spaß macht, aber sie sind so sehr davon überzeugt, dass sie im Recht sind, dass für sie die Ermordung von Arabern kein brutaler Akt ist, sondern ein Akt der Selbstverteidigung. Und daran glauben sie aus vollster Überzeugung. Das populärste Sprichwort in Israel ist: Wir haben keine Wahl. Das wird den Israelis eingetrichtet vom Kindergarten an über die Schule, die paramilitärische Jugendbewegung bis sie in die Armee kommen. Da glauben sie schon daran. Eine lebenlange Gehirnwäsche wirkt. Linkezeitung: In Frankfurt wurde kürzlich eine medienkritische Veranstaltung von Arbeiterfotografie, Elias Davidson und der Hip Hop Band "Die Bandbreite" von sich als Linke verstehenden Menschen bedroht und belagert. Sie waren vor Ort. Was war da los? Abraham Melzer: Ich hatte zum ersten mal in meinem Leben wirklich Angst. Es war richtig bedrohlich, als ca. zweihundert Randalierer draußen die ca. 50 Zuhörer im Club eingeschlossen haben und gegen die Glaswand klopften und dumme Parolen schrien. Es waren hauptsächlich junge und jüngste sog. Antideutsche, die selber auch gehirngewaschen sind und deshalb jede kleinste Kritik an den USA als Antisemitismus interpretieren und vor allem Antizionismus. Eigentlich Schwachsinn und es lohnt sich nicht sich damit zu beschäftigen. Aber offensichtlich muss man sich doch damit beschäftigen, bevor diese fanatischen, aufgehetzten und militanten Menschen sich mit uns beschäftigen. Linkezeitung: Jüdische Kritiker der israelischen Besatzungspolitik werden von Apologeten der Besatzung oft als selbsthassende Juden bezeichnet. Was ist das für ein Begriff? Abraham Melzer: Hier verwenden diese sog. Apologeten einen Begriff, ohne ihn zu kennen, zu verstehen und sie missbrauchen ihn auf das schändlichste. Jüdischer Selbsthass hat eine vollkommen andere geschichtliche Konnotation und stammt aus der Zeit des 19ten Jahrhunderts, als den Juden fast alle Berufe gesperrt waren, weil sie Juden waren. Heine hat sich taufen lassen und nannte die Taufe ein "Billet für die europäische Kultur". Manche Juden verzweifelten so sehr daran, dass sie ihr Judentum hassten. Es gibt darüber ein berühmtes Buch und einige berühmte Beispiele. Ich mag nicht näher darauf eingehen, weil es ein absolut dümmlicher Vorwurf ist. Warum soll ich mich selbst hassen, wenn ich gegen andere Juden bin, die nach meiner Meinung ideologisch verblendet sind. Da hasse ich schon eher die anderen.Linkezeitung: Auf ihrer Homepage findet sich eine Grußbotschaft von Ted Honderich. Ihm wurde in einer großen pompösen Medienkampagne Antisemitismus vorgeworfen. Der Suhrkamp Verlag zog sogar das bereits veröffentlichte Buch von ihm zurück. Worum ging es damals genau? Abraham Melzer: Der Vorwurf gegen Ted Honderich war dumm und vollkommen falsch. Honderich hat lediglich in einem philosophischen Buch, in dem es um Hunger in der Welt und Menschen geht, die auf der Schattenseite der Welt leben bzw. krepieren, behauptet, dass die Palästinenser ein moralisches Recht haben, sich gegen die Besatzung zu verteidigen bzw. zu kämpfen. Er meinte, dass er zwar die Selbstmordattentäter nicht billigt, sie aber verstehen kann. Das hat zionistische Juden auf die Barrikaden gebracht und den feigen Suhrkamp Verlag dazu, sein Buch innerhalb von zwei, drei Tagen aus dem Verkehr zu ziehen. Ich habe damals das Buch neu übersetzen lassen und es neu verlegt.
Abraham Melzer: Broder war niemals ein Linker. Er war schon immer ein Opportunist. Er hat sich zwar 1982 in einem ganzseitigen Beitrag in der ZEIT von seinen linken Freunden verabschiedet, aber er hatte keine linken Freunde. Seine Freunde sind eher im rechten Spektrum zu finden. Er hat damals Deutschland verlassen, weil man nach seiner Meinung als Jude in Deutschland nicht mehr leben konnte. Heute sagt er: Er sei zwar nicht stolz darauf Deutscher zu sein, wohl aber froh und glücklich, hier zu leben. Allerdings ist Israel seine emotionale und vielleicht auch, wie bei Knobloch, die geistige Heimat, wo man aber nicht leben will, weil es dort nicht besonders gemütlich ist. Zwar hat er gleichzeitig auch gesagt, dass man in Israel als Jude "entspannt" leben kann, aber offensichtlich legt er kein Wert auf ein entspanntes Leben, denn er hat es in Israel nicht lange ausgehalten. Broder nickt im Fernsehen zustimmend, wenn sein Gegenüber sagt: Ich bin doch nicht frei, wenn ich jemanden unterdrücke. Aber anscheinend fehlte ihm die intellektuelle Größe und moralische Integrität das in Verbindung mit dem entspannten Leben in Israel zu bringen, wo eben Palästinenser unterdrückt werden. Für mich ist Broder ein Prostituierter, der seine Gesinnung für Geld verkauft, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass er an das glaubt, was er so im Laufe der letzten Jahre von sich gegeben hat. Linkezeitung: Zwar wurde der antimuslimische Mörder der Ägypterin Marwa al-Shirbini zur Höchststrafe verurteilt. Aber gegen die täglich auf deutschen rechtsextremen Internetauftritten wie PI dutzendfach geposteten volksverhetzenden Kommentare gegen Muslime wird seitens der deutschen Justiz nicht eingeschritten. Offen werden Verteidiger und Mahner gegen die Islamophobie im Internet bedroht. Das Landesarbeitsgericht NRW verbietet einer muslimischen Lehrerin das Tragen eines Kopftuches. Die jüdische Kippa und christliche Ordenstracht werden in dem Urteil ausdrücklich erlaubt. Sie, Herr Melzer, dürfen von Henrik Broder Antisemit genannt werden. Ist die deutsche Justiz auf dem islamophoben Auge blind? Abraham Melzer: Die deutsche Justiz besteht wie alle anderen Berufe aus Menschen, die unterschiedlich sind. Es gibt darunter kluge Richter und Staatsanwälte und genauso gibt es dumme Richter und dämliche Staatsanwälte.
Einen besonders dämlichen Staatsanwalt habe ich mal bei einer Verhandlung gegen Henryk Broder erlebt, der Broder gegenüber damit abgegeben hat, dass er schon drei mal in Auschwitz war. Er wusste anscheinend nicht, wen er vor Und zu mir sagte ein nicht sehr kluger Richter, nachdem er entschieden hatte, dass Broder mich mit Hitler vergleichen darf: "Sie müssen sich das gefallen lassen als Verbeugung vor der Meinungsfreiheit." Ich denke, der Richter hätte sich vor mir verbeugen müssen. Aber es gibt auch andere Richter, die Recht und Gerechtigkeit sprechen. Linkezeitung: Manche Analysten befürchten, dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise noch schlimmere Ausmaße nehmen wird, als die Krise der 1930er Jahre. Innerhalb der Logik des Kapitalismus waren Weltkrieg und Völkermord die Folge. Wird derzeit mit den Muslimen wieder ein Sündenbock für die Ausweglosigkeit des Kapitalismus ausgeguckt? Abraham Melzer: Sieht so aus. Linkezeitung: Demnächst erscheinen auch Bücher in ihrem Verlag. Welche Titel sind vorgesehn? Wie kann man die Zeitschrift „Semit“ und die Bücher der Edition erwerben? Abraham Melzer: Im Verlag, wie in der Zeitschrift, beschäftigen wir uns mit dem Nahost-Konflikt. Es sind bereits erschienen Bücher von Uri Avnery, Israel Shahak, Alice Rothchild und der Frauengruppe MachsomWatch. Im Januar wird der sog. Goldstone Bericht erscheinen, in dem die israelischen Kriegsverbrechen in Gaza untersucht wurden. Später im Frühjahr wird ein weiteres Buch von Ted Honderich erscheinen mit dem Titel "Humanität und Terrorismus". Die Zeitschrift kann man in Bahnhofskiosken kaufen und die Bücher in jeder guten Buchhandlung. Man kann allerdings auch direkt bei uns bestellen. Das Interview wurde geführt von Francis Byrne.
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| Letzte Aktualisierung ( 27.11.2009 ) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Abraham Melzer ist Autor, Publizist und Herausgeber von
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