| Hartz IV nun auch in England |
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| von Andreas Röttger |
05.09.2006
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Peter Hartz läßt grüssen. Neoliberale Politik in ganz Europa und dann?Das geplante Gesetz für eine Sozialreform, das die britische Labour-Regierung vor der
parlamentarischen Sommerpause vorgestellt hat, ist gegen die schwächsten Mitglieder der Bevölkerung
gerichtet - die Kranken, Alleinerziehenden und alten Arbeitnehmer.
Der Gesetzentwurf sieht vor, sie von Sozialleistungen abzuschneiden und in Arbeit zu zwingen.
Damit werden drei Ziele verfolgt.
Erstens soll das soziale Sicherungssystem abgebaut werden, indem ein
stark reduzierter Anspruch auf Sozialleistungen davon abhängig gemacht
wird, ob sich eine Person bei Maßnahmen zur Wiedereingliederung in die
Arbeitswelt kooperativ verhält. Zweitens soll weiterhin und verstärkt
der gesellschaftliche Reichtum in die Taschen der Kapitaleigner
umverteilt werden, indem eine große Gruppe von Arbeitskräften
geschaffen wird, die schlecht bezahlte und unangenehme Jobs anzunehmen
gezwungen sind. Und drittens dient das Gesetz zur weiteren
Privatisierung der Arbeitsvermittlung.
Die
Regierung gibt offen zu, dass der Sozialstaat umgebaut und stärker auf
die Bedürfnisse der Großkonzerne ausgerichtet werden soll. Der
britische Gesundheitsminister John Hutton stellte den Gesetzentwurf mit
den Worten vor, der Sozialstaat müsse "den britischen Unternehmen
helfen, sich in der globalen Wirtschaft erfolgreich durchzusetzen".
"Arbeit
ist die beste Sozialpolitik überhaupt", fuhr Hutton fort und betonte,
der Sozialstaat müsse jenen helfen, die nicht arbeitsfähig sind, und
die Menschen bei der Ausbildung jener Fertigkeiten unterstützen, mit
denen man eine Arbeitsstelle bekommt.
Das Gesetz
folgt auf eine ganze Reihe von Maßnahmen, die seit dem
Regierungsantritt der Labour Party 1997 eingeführt wurden. Hierunter
finden sich zum Beispiel das "New Deal"-Programm, das insbesondere
junge Arbeitslose aus der staatlichen Unterstützung drängen soll, sowie
die Festlegung eines gesetzlichen Mindestlohns und Steuernachlässe für
Niedriglohnempfänger. All dies hat dazu beigetragen, einen "flexiblen
Arbeitsmarkt" im britischen Dienstleistungssektor zu schaffen und die
Unternehmen durch niedrige Löhne zu subventionieren.
Mittlerweile
arbeiten in Großbritannien zwei Millionen Menschen mehr als 1997; damit
hat das Land die höchste Erwerbstätigenquote unter allen
Industrienationen. Der Staat will nun eine Million der insgesamt 2,7
Millionen dauerhaft Kranken, 300.000 Alleinerziehende und eine
Millionen alte Arbeitnehmer, sogar Menschen im Rentenalter, wieder in
Arbeit bringen. Das Ziel besteht darin, 80 Prozent der Bevölkerung im
Erwerbstätigenalter in Arbeit zu haben - eine beispiellose Quote.
Dabei
zeigen staatliche Statistiken, dass das Niveau der Sozialleistungen in
Großbritannien niedriger ist als im größten Teil Westeuropas und dass
auf der Insel nicht mehr Menschen eine Invalidenrente beantragen als
irgendwo sonst. Somit bedeuten die Pläne der Regierung eine
Generalüberholung des Sozialstaats, die auch strengere Regeln für die
Wiedereingliederung von Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt
einschließt, und eine Erweiterung der staatlichen Verfügungsgewalt.
Im
Gesetzentwurf sind Details absichtlich ausgespart. Das Ministerium soll
die Verantwortung für die weitere Ausarbeitung und Umsetzung des
Gesetzes übertragen bekommen, wodurch es zukünftig weitaus leichter
wird, die Regeln und Vorgaben willkürlich zu verschärfen, ohne sich
einer größeren öffentlichen Debatte auszusetzen oder das Parlament
darüber abstimmen zu lassen. Die Regierung hat bekannt gegeben, dass
sie sich von dem neuen Sozialgesetz Einsparungen in Höhe von mindestens
elf Milliarden Euro erwartet. Die Invalidenrente kostet den Staat
derzeit etwa 18 Milliarden Euro pro Jahr.
Ungefähr
2,7 Millionen Menschen in Großbritannien erhalten eine Invalidenrente;
diese Zahl ist seit Mitte der 1990er Jahre unverändert. Nach dem Gesetz
werden jene bestraft, die sich weigern, an
Wiedereingliederungsmaßnahmen teilzunehmen.
* Die
Invalidenrente, die derzeit höher ist als die
Arbeitslosenunterstützung, wird für neue Antragsteller nicht mehr zur
Verfügung stehen. All jene, die sich nun erstmals wegen Krankheit
arbeitsunfähig melden, erhalten stattdessen eine so genannte
Einstellungs- und Unterstützungspauschale, deren Höhe sich nach ihrem
Anspruch aus der Arbeitslosenversicherung richtet und die einer
Bedürftigkeitsprüfung unterliegt.
* Antragsteller müssen
sich Tests unterziehen, die ihre Arbeitsfähigkeit bewerten sollen. Die
Bewertung konzentriert sich darauf, was die Person zu leisten in der
Lage ist, und beachtet dabei weniger den Gesundheitszustand und die
zuvor ausgeübte Tätigkeit. Ist der Antragsteller fähig, irgendeine
Arbeit zu leisten, wird die höhere Sozialleistung nur dann ausgezahlt,
wenn sich die betreffende Person umschulen lässt und nach Arbeit sucht.
Wer dies nicht tut, erhält nicht die Zusatzleistungen.
*
Auch diejenigen, die derzeit von den Tests ausgenommen sind, darunter
z.B. geistig schwer Beeinträchtigte, müssen nach Arbeit Ausschau
halten, um in den Genuss der Zusatzleistungen zu gelangen.
Antragsteller müssen sich bereit erklären, Kurse zu besuchen, um ihre
Vermittelbarkeit zu verbessern. Sie sollen ihre Gesundheitsprobleme
soweit in den Griff bekommen, um arbeiten zu können, so z.B. bei
psychischen Krankheiten eine entsprechende Therapie machen.
*
Auch von denjenigen, die bereits eine Invalidenrente, Einkommenszulagen
wegen gesundheitlicher Einschränkungen oder eine
Schwerbehindertenpauschale erhalten, wird erwartet, dass sie Arbeit
suchen und sich regelmäßig testen lassen, um zu erfahren, welche
Tätigkeiten auszuüben sie in der Lage sind.
*
Ärzte und Pflegepersonal sollen darauf hinarbeiten, eine
Wiedereingliederung der Patienten in die Arbeitswelt bzw. ihren
Verbleib darin zu ermöglichen. "Berater" der Vermittlungsagenturen
werden den Arztpraxen zugeteilt.
* Die Ehe- und Lebenspartner der Leistungsempfänger werden angehalten, Arbeit zu suchen.
Die
Regierung bleibt jeden Beweis schuldig, dass sich das Sozialsystem in
einer Krise befindet, dass die Kosten für die Invalidenrente steigen
(tatsächlich fallen sie) oder dass die meisten Menschen, die
Invalidenrente beantragen, arbeiten können, wenn sie nur rechtzeitig
dazu angehalten werden. Es wird auf staatlicher Seite davon
ausgegangen, dass ein Großteil der Krankheiten und Behinderungen, an
denen die Menschen leiden, "im Kopf" entstehen und daher durch
kognitive Verhaltenstherapien behandelbar sind bzw. dass es sich bei
einem Großteil der Antragsteller um Simulanten und Betrüger handelt,
die durch eine Politik der Arbeitsanreize und Leistungskürzungen
auszusortieren sind.
Die
Verantwortlichen stützen sich dabei auf die Arbeiten einer
Forschergruppe an der Universität Cardiff, die von Unum Provident
finanziert wird, der weltweit größten Versicherung im Bereich Arbeits-
und Berufsunfähigkeit. Es versteht sich, dass der Versicherer selbst
ein großes Interesse hat, das Verständnis von Arbeitsunfähigkeit
stärker einzuschränken. Mit anderen Worten: Dieselbe Firma, die von dem
Wechsel in der Sozialpolitik profitieren wird, spielt eine
Schlüsselrolle dabei, ihn vorzubereiten.
Folgende weitere Maßnahmen sind vorgesehen:
*
Alleinerziehende Eltern, die staatliche Unterstützung erhalten, werden
zu Gesprächsterminen verpflichtet, um sie zur Wiederaufnahme von Arbeit
zu bewegen. Bei Kindern unter 11 Jahren finden diese Gespräche alle
sechs Monate, bei Kindern über 11 Jahren alle drei Monate statt.
*
Wohngeld wird nunmehr nicht mehr direkt in Höhe der Gesamtmietkosten an
den Vermieter überwiesen. Stattdessen zahlt der Staat neuen
Antragstellern, die in Privatwohnungen leben (etwa eine Million von den
vier Millionen Menschen, die Wohngeld erhalten), künftig eine
niedrigere Mietpauschale. Dies soll sie dazu zwingen, nach billigeren
Angeboten Ausschau zu halten. 'Asoziale' Familien können fortan aus
Sozialwohnungen hinausgeworfen werden.
* Die neue
Gesetzgebung soll die Pflichtverrentung mit 65 aufheben. Für alle unter
65 Jahren wird es damit kein festgesetztes Rentenalter mehr geben; alle
über 65 dürfen bei ihren Arbeitgebern die Weiterbeschäftigung
beantragen. Im Jahre 2011 wird die Regierung darüber entscheiden, ob
sämtliche Regelungen bezüglich des Rentenalters abgeschafft werden.
*
Die Weiterbeschäftigung soll für Arbeiter attraktiv gemacht werden,
indem im Gegenzug für die Zurückstellung bei der staatlichen Rente eine
Abfindung in Form einer Einmalzahlung oder eines höheren späteren
Rentenanspruchs erfolgt. Außerdem sollen Gesetzesänderungen in Kraft
treten, die ihnen eine Weiterbeschäftigung beim selben Arbeitgeber
erlauben, während sie weiterhin ihre Betriebsrente beziehen.
Zudem
wird der Staat 60 Prozent der Stellenvermittlung und der zur
Privatisierung vorgesehenen Schulungsmaßnahmen an private und
ehrenamtliche Arbeitsvermittler abtreten und diese nach Erfolg
bezahlen. Die Vermittlungsagenturen erhalten auch das Recht, die
Leistungen bei denjenigen zu kürzen, die sich als "unkooperativ"
erweisen. Dies ist Teil der allgemeinen Regierungspolitik, öffentliche
Dienstleistungen zu privatisieren und den so genannten "Dritten Sektor"
zu fördern, der aus ehrenamtlichen Gruppen,
Wohltätigkeitsorganisationen und nicht-kommerziellen Unternehmen
besteht.
Steve Davies, leitender Forscher an der Universität Cardiff, veröffentlichte jüngst einen Bericht mit dem Titel Bereitstellung von Arbeitsvermittlungsdiensten durch den Dritten Sektor,
der ein Schlaglicht auf die scheinbar so uneigennützigen und allein an
ihrer Aufgabe interessierten Organisationen im Dritten Sektor wirft,
die öffentliche Dienstleistungen anbieten.
Der Bericht
weist nach, dass die Regierung eine neue Generation von
Multimillionären schafft und die Wohltätigkeitsorganisationen in
millionenschwere Unternehmen verwandelt, indem ihnen vertraglich
öffentliche Dienstleistungen übertragen werden.
Zum
Beispiel die Stiftung Shaw Trust, die Umschulungsmaßnahmen für
Behinderte anbietet: Ihre Einnahmen stiegen von rund 28 Millionen Euro
auf beinahe 100 Millionen Euro im vergangenen Jahr, was größtenteils
auf Aufträge der staatlichen Arbeitsvermittlung Jobcentre Plus im
Umfang von etwa 56 Millionen Euro zurückzuführen ist. Ein anderer
Wohltätigkeitsverband, Tomorrow's People, unterhält durch seine
Vermögensverwalter enge Verbindungen zu dem Lebensmittelkonzern Diageo.
Das halbprivate Unternehmen Working Links gehört der
Unternehmensberatung Gap Gemini, der Vermittlungsagentur Manpower und
der Wohltätigkeitsorganisation Mission Australia, die sich in
Großbritannien für die Übernahme des australischen Systems einsetzt,
nach dem die gesamte Arbeitsvermittlung dem privaten Sektor und
Wohltätigkeitsorganisationen zu übertragen ist.
Gegründet
werden diese Unternehmen oft von ehemaligen leitenden Angestellten aus
dem öffentlichen Sektor, gehen dann aber rasch in großen Konzernen auf.
Ein Beispiel hierfür ist Deborah Fern, die 1986 Fern Training and
Development gründete und ihre Firma für rund 20 Millionen Euro an die
expandierende Gesellschaft Carter and Carter verkaufte.
Die
höchste Bezahlung im Bereich der Umschulungs- und
Fortbildungsunternehmen erhält mit rund 900.000 Euro Jahreseinkommen
der Direktor von WCTS Ltd.; die einzige Aktionärin der Firma, Dr. Sarah
Burnett, bekommt eine Dividende von jährlich 150.000 Euro. Emma
Harrison erhielt aus ihrem Unternehmen A4E im Jahre 2005 eine Dividende
in Höhe von mehr als 1,5 Millionen Euro und soll über ein
Gesamtvermögen von rund 80 Millionen Euro verfügen. Sie beschäftigt
mehr als 1.500 Menschen und hat Verträge in Höhe von 110 Millionen Euro
an Land gezogen, um Bildungsmaßnahmen für Arbeitslose im Rahmen des
staatlichen "New Deal"-Programms durchzuführen sowie
Fortbildungsangebote für private Firmen und Sozialprogramme in Israel
und Polen umzusetzen.
Sogar in den nicht-kommerziellen Organisationen liegen die Gehälter der Vorstände bei über 150.000 Euro.
Davies
weist auch die Behauptungen der Regierung zurück, unabhängige
Dienstleister würden ihre Arbeit besser erledigen als der öffentliche
Dienst. Er kommt zu dem Schluss: "Wenn den Mitarbeitern der staatlichen
Vermittlungsagentur Jobcentre Plus die gleichen Freiheiten und Gelder
gewährt wurden wie privaten Unternehmen oder
Wohltätigkeitsorganisationen, dann waren sie in der Lage, mit den
Leistungen der privaten und nicht-kommerziellen Auftragnehmer
mitzuhalten und diese sogar zu übertreffen."
Andreas Röttger
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